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Michael Mork | Spurenleger und Spurensucher

Michael wurde am 24.12.1946 in Bremen Lesum geboren. Dort lebte er zunächst mit seinen Eltern und dem älteren Bruder in einfachen Verhältnissen. Er besuchte die Grundschule Am Mönchshof und beendete seine Schulzeit an der Hindenburg-Realschule und eine Ausbildung zum Chemielaboranten. Legendär, wie er mit selbst gebastelten Silvesterknallern einen Krater in die Wiese zwischen den Häuserblocks sprengte.

16.10.2011 - Ein Nachruf | von Christian Gloede und Thomas Weinknecht

Die Notwendigkeit, seine Mutter zu unterstützen, ließ ihn 1967 als Z-2 zur Bundeswehr gehen. Er war in Munster stationiert und die Auseinandersetzung um ABC-Waffen politisierte. Er verweigerte, kam in den „Bunker“ und verließ schließlich mit Heinrich Hannovers Hilfe die Bundeswehr.

Er beginnt 1968 in Essen Verfahrenstechnik zu studieren. In den universitär bewegten Zeiten setzte der AStA schon zu Beginn seines zweiten Semesters einen Semesterabbruch durch! Er erhielt keine Förderung mehr und brach das Studium ab.
Er bewarb sich an der Akademie für Sozialpädagogik in Bremen und überbrückte die Wartezeit mit Arbeit am Ellener Hof, einer „Erziehungsanstalt für verwahrloste Kinder“. Konfrontiert mit „schwarzer Zöglingspädagogik“ organisierte er sich mit dem Ziel der „Befreiung der Zöglinge“ bei den „Falken“. Mit Studienbeginn tritt er in die GEW ein. Michael wird schnell Mitglied des AStA und beteiligt sich aktiv an der Gründungskonferenz einer Bremer Gesamthochschule.
1974 beendet er das Studium und beginnt im selben Jahr sein Berufspraktikum an der Gesamtschule West (GSW), an der er 14 Jahre lang als bestverdienender Sozialarbeiter, wie er selbst gern erzählte, mit Festanstellung bleibt. Er wird als erster Nicht-Lehrer in den PR-Schulen gewählt, wo einer seiner größten gewerkschaftlich-personalrätlichen Erfolge der Verbleib von 120 SozPäds im Schulbereich ist.

Er liebt das Rad fahren. Noch wenige Wochen vor seinem Tod fährt er mit Freunden von den Dolomiten zum Mittelmeer. Das war seine Welt: Gekleidet in ein verblichenes blaues Trikot der Friedensfahrt der 80er, an der er teilgenommen und von der er später begeistert erzählt hat, leichtfüßig, ausdauernd, voller Tatendrang und dabei die Landschaft stets im Blick. Dabei zeigte er sich als hilfreicher Kenner der Materie und korrigierte freundlich meine Satteleinstellung, damit ich mich nicht so quälen müsse…

Michael lässt sich 1987 von der GSW beurlauben, um beim DGB eine Ausbildung zum Gewerkschaftssekretär für Arbeitsrecht zu absolvieren und beginnt als „Hauptamtlicher“ in die GEW mit der Beratung der nicht-schulischen Bereiche. Sein Herz hängt insbesondere an der Fachgruppe Sozialpädagogische Berufe, für die er auf Bundesebene aktiv ist. Ende der 80er lernte ich ihn dort kennen: Engagiert, verbindlich, kämpferisch, Menschen gewinnend. Es war für mich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, die geprägt war von politischer Verbundenheit, die immer wieder tief ins Persönliche drang.
1990 geht er für ein Jahr nach Moskau und auch mit viel persönlichem Schmerz erlebt er vor Ort das Ende von Glasnost und Perestroika. Er kommt wieder zurück nach Bremen, vom Roten Platz in die graue Löningstr.
Er übernimmt das Referat für Organisationsfragen und schon weit vor dem Würzburger Gewerkschaftstag 1999 tritt er vehement für die „Bildungsgewerkschaft“ vs. „Lehrergewerkschaft“ ein. In dieser Zeit beginnt unsere intensive Zusammenarbeit, die immer wieder den Charakter eines „Mentoring“ hatte.
Trotz eines hohen Engagements für die GEW findet Michael immer wieder Zeit, sich anderen Freu(n)den in und mit der Natur zuzuwenden: Beim morgendlichen Power Walking, auf seinem Boot oder seiner so geliebten Datscha, wo er sich bestens auskannte und dem erstaunten Stadtmenschen so ziemlich alles über die Fauna und Flora erzählen konnte. Beeindruckend auch die Beutezüge beim Angeln mit anschließendem, natürlich selbst zubereitetem Festmahl. Aber er verstand sich auch auf die Herstellung und Erfindung von Eis. Er hat sich extra aus Italien eine Eismaschine schicken lassen und beeindruckte Freunde und die GEW-Geschäftsstelle mit seinem Pumpernickeleis.

Als Landesgeschäftsführer rückt er seit 2002 dann die Frage nach der Zukunft der GEW ins Zentrum. So hat er maßgeblich das Projekt „Die GEW im Jahre 2015“, heute besser bekannt als „Projekt Übergang“ konzipiert. Die Einbindung junger Menschen unter den Gesichtspunkten von Teilhabe und Mitentscheidungskompetenz in der GEW lag ihm am Herzen. Das „PÜ“ ist noch nicht an seinem Ende angelangt; es gibt noch einiges zu tun, den Generationenwechsel in der GEW zu vollziehen, wie auch neue Formen der Vernetzung einzurichten – technisch wie personell. „Unbedingt“, würde Michael wohl diese Aussage mit einem seiner Lieblingsworte kommentieren.
Michael war stets beharrlich und verlässlich in seinen politischen Zielen, nie verbissen. Er lachte gern und konnte wunderbar von „ernster“ Arbeit auf „freudvolles“ Tun umschalten, ohne wirklich das Thema zu wechseln. Verbissen war er – manchmal - beim Doppelkopf. Seine Abstimmungsniederlage gegen das „Null-Solo“ in der von ihm mitgegründeten Doko-Runde ließ ihn manch zynisch-beleidigte Bemerkung machen…

Dem gemeinsamen Vorhaben mit John Gerardu, eine Dokumentation der NS-Zeit in Bremen zu erstellen, d. h. von Personen, Orten, Ereignissen, die im Kontext von Verfolgung und Widerstand stehen, mittlerweile bekannt als „Spurensuche“, widmete er in den letzten Jahren viel Zeit. Die Grundidee war angesichts des Wegsterbens der Zeitzeugen eine multimediale und interaktive Plattform gerade für junge Menschen (auch um neue Spuren zu legen) zu schaffen, die fester Bestandteil der Erinnerungsarbeit u.a. in Schulen sein sollte. Dieses Vorhaben ist bundesweit einmalig und hat, nicht zuletzt in einer Veranstaltung bei Radio Bremen, höchste Anerkennung gefunden. Michael war der Initiator, Motor und Inspirator des Portals und dieses Projekt ist unbestritten sein gesellschaftspolitisches Vermächtnis.
Michael hat über mehrere Jahrzehnte engagiert und mit großer politischer Klugheit in der GEW gewirkt. Mit kämpferischem Herzen und seiner ansteckenden Motivationsfähigkeit hat er Menschen für seine Ziele, Ideen und Ideale begeistert und mitgezogen, seine Kolleginnen und Kollegen "auf dem Schirm" gehabt, ihren Interessen und Ideen Platz gegeben. Sein Wirken war immer vom Streben nach sozialer Gerechtigkeit geprägt. Durch sein gewinnendes Wesen hat er auf der Suche nach immer neuen Wegen in und mit der GEW seine Spuren weit über unsere Organisation hinaus hinterlassen.

Letzte Erinnerung, Sommer 2011: Ganz nachdenklich ist Michael auf der Biennale nach dem Besuch des Deutschen Hauses und der Installation von Christof Schlingensief, der seine Krankheit zum Thema gemacht hatte. Auch Michael, der kranke Freund, war sich seiner Lage bewusst, wenngleich er bis zuletzt auf ein gutes Ende hoffte. Er wollte leben, vielleicht auch deshalb, weil er wie der Künstler davon ausging, dass es so schön wie auf Erden im Himmel nicht sein könne…
In Hochachtung und Dankbarkeit sehen wir seinen viel zu frühen Tod als unbeschreiblichen Verlust und die weitere konsequente Verfolgung seiner Ziele als unsere Verpflichtung.

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