GEW Bremen
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Meine GEW und ich – eine starke Beziehung

Ich reibe mir die Augen und kann es kaum glauben, dass ich 50 Jahre Mitglied in der GEW sein soll. Als praktizierender Lehrer und als langjähriger Mitarbeiter in der Lehreraus- und -fortbildung.

Es ist tatsächlich ein halbes Leben. Zeit, um darüber nachzudenken, was diese Jahre in und mit der Gewerkschaft bedeutet haben und welche Erinnerungen auftauchen, wenn ich von „meiner GEW“ spreche?

Hier einige Anmerkungen:

16.01.2011 - von Erwin Jürgensen

Meine GEW vertritt die Interessen aller Beschäftigten im Bildungsbereich als Arbeitnehmer
Als ich im Jahre 1960 in die GEW eintrat, war sie noch befangen in ihrem Häutungsprozess vom Lehrerverein zur Gewerkschaft. Lehrerinnen und Lehrer brachten nicht gerade den Stallgeruch einer Arbeitnehmerorganisation mit und mussten erst lernen, den historischen Staub einer Standesvereinigung abzuschütteln und sich als lohnabhängig Beschäftigte zu begreifen. Solidarisch mit anderen, ob sie Verkäuferinnen oder Stahlarbeiter sind.
Die ersten Jahre waren geprägt vom Ringen um eine leistungsgerechte Besoldung, angemessene Arbeitszeiten und kleinere Klassen. Ich kann mich erinnern, dass ich zeitweise 42 Kinder in meiner Klasse unterrichtete, die zudem noch Wanderklasse war.
Wir damals jungen Lehrer lernten schnell, dass uns nichts geschenkt werden würde und dass wir um bessere Arbeitsbedingungen würden kämpfen müssen. Mit Erfolg.
Die GEW als Interessenvertretung

Meine GEW steht für eine wissenschaftliche Lehrerbildung aller Lehrer.
Wir jungen Lehrer der 60er Jahre übernahmen nach unserer sechssemestrigen Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule unmittelbar und ohne weitere Erprobungsphase unseren eigenverantwortlichen Unterricht an der Schule. Es gab kein Referendariat, nur Arbeitsgemeinschaften, die in der Regel an Wochenenden von Schulleitern durchgeführt wurden. Hospitationen und Auswertungsgespräche.
Wir waren entschiedene Verfechter der akademischen Lehrerbildung, wie sie von der GEW gefordert und wie sie in den 70er Jahren endlich eingeführt wurde. Wir wussten aber auch, dass Lehrerbildung die doppelte Anbindung an die Wissenschaften und die Erfordernisse der Praxis bedeuten musste. Das Studium muss berufsqualifizierend sein. Dieser Anspruch ist mehr denn je aktuell geblieben.
Die GEW als Bildungsanwalt.

Meine GEW sichert Wissenschafts- und Meinungsfreiheit.
Noch heute bin ich fassungslos, wenn ich mich daran erinnere, dass mir in den Nach-68er-Jahren Prüfungsarbeiten und Arbeitspapiere meines Seminars mit dem Ziel entwendet worden sind, sie zu einer politischen Denunziation zu missbrauchen. Die Papiere waren der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule verpflichtet und stützten sich zum Teil auch auf die gesellschaftskritischen Thesen von Professor Reinhard Hoffmann, dem nachmaligen Staatsrat in der Bremer Landesregierung.
Es erfüllte mich damals mit Genugtuung, dass der Bremer Senat die eingereichte Anfrage, die wissenschaftliche Vertretbarkeit meiner Thesen zu bewerten, in einer öffentlichen und über den Rundfunk übertragenen Bürgerschaftssitzung klar und unmissverständlich mit der Aussage beantwortet hat, dass im Lande Bremen die Wissenschafts- und Meinungsfreiheit gewährleistet sei.
Die GEW hat solidarische Unterstützung geleistet – nicht zuletzt auch in den Fällen der angedrohten oder verhängten Berufsverbote.
Die GEW als Anwalt der Freiheit.

Meine GEW setzt sich für ein integriertes Schulsystem ein.
Ich habe als junger Lehrer darunter gelitten, dass ich die Kinder nicht nur unterrichten, sondern auch auslesen sollte. Es gab noch die Aufnahmeprüfungen, und mancher Kollege hatte sich angewöhnt, seinen Erfolg daran zu bemessen, wie viele Kinder er auf das Gymnasium entsenden konnte.
Wir GEWler waren und sind überzeugt davon, dass die soziale Herkunft nicht über den Bildungserfolg entscheiden darf und dass die beste Bildung darin besteht, die Schülerinnen und Schüler möglichst lange gemeinsam lernen zu lassen.
In diesem Zusammenhang ist mir ein Buch in Erinnerung geblieben, das ein tiefgreifendes Umdenken in der Erziehungswissenschaft eingeleitet hat. Die Studie „Begabung und Lernen“ (Klett 1969). Ein neues Verständnis der Begabung, die nicht länger als ausschließlich genetisch bedingter Faktor, sondern als Prozess des Begabens aufgefasst werden muss. Der Beginn einer Bildungsoffensive, deren Vorreiter die GEW war.
Auch wenn nicht alle Blütenträume der Pädagogik in Erfüllung gegangen sind – es darf kein Zurück hinter diesen Erkenntnisstand geben.
Darüber hinaus kann die GEW einen zweiten Erfolg verbuchen. Die gelungene Aufklärung darüber, wie die multikulturelle Zusammensetzung einer Schülergruppe das Lernen nicht beeinträchtigt, sondern bereichern kann.
Aufbau eines integrierten Schulsystems, in dem alle Kinder unterschiedlicher sozialer und ethnischer Herkunft gemeinsam lernen. Ich hätte mir in meiner aktiven Dienstzeit gewünscht, die endgültige Einlösung dieses Ziels miterleben zu dürfen.
Die GEW für Chancengleichheit.

Meine GEW tritt für eine Reform des Lernens ein.
Äußere und innere Schulreform – zum einen die Entwicklung eines integrativen Schulsystems, zum anderen die Unterrichtsentwicklung mit einem veränderten Verständnis der Inhalte und neuen Formen des Lernens.
Das gewandelte Verständnis der Inhalte läuft auf eine Abkehr von der Sachzwangideologie hinaus. Die Stadtentwicklung z. B. folgt keiner unabänderlich vorgegebenen Sachlogik, sondern den Entscheidungen, die von Menschen gefällt werden. Deshalb ist nach den Interessen zu fragen, die den Ausschlag geben. Autogerecht oder menschengerecht. Wenn Tatsachen versachlichte Taten sind, müssen die Lerninhalte im Unterricht als interessengeleitete Prozesse dargestellt werden, in denen die Entscheidungen auch hätten anders gefällt werden können.
Lernen, dass die Welt gestaltbar ist.
Die veränderte Form des Lernens bezieht sich auf die schüleraktivierenden Methoden und die selbstbestimmte Gestaltung der sozialen Prozesse. Methoden und Beziehungslernen. Der Lehrer als Berater.
Ich freue mich, dass die GEW die Lehrerfortbildung in den Handlungsfeldern Methodentraining, Gewaltprävention, Konfliktmanagement, Streitschlichtung usw. unterstützt.
Ich denke gern an die Zusammenarbeit mit vielen Kolleginnen und Kollegen zurück, die sich diesem Anspruch gestellt haben und immer noch stellen.
Wir waren uns einig in der Kritik des Autoritären und stimmten zugleich darin überein, dass es keine Erziehung ohne Autorität gibt.
Werte vertreten, ohne sie zu verordnen. Kinder und Jugendliche unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden, ohne ihn vorzuschreiben.
Von einer Pädagogik der Verordnung zu einer Erziehung der Hilfe zur Selbsthilfe.
Die GEW als Forum der Fortbildung.

Meine GEW tritt für Frieden und Völkerverständigung ein.
Ein junger Kollege hatte Mitte der 60Er Jahre eine Umrisskarte Europas in den aktuellen Grenzen nach 1945 an die Tafel gezeichnet und die ehemals deutschen Städte Stettin, Danzig und Breslau mit ihren heute polnischen Namen Szczecin, Gdansk und Wroclaw eingetragen. Er wurde daraufhin von einer älteren Kollegin vor der versammelten Klasse mit der Bemerkung angeschrien, dass er nicht wert sei, ein deutscher Lehrer zu sein.
Wir jungen Lehrer lehnten jede Form von Revanchismus und Nationalismus ab.
Immer war unser Ziel eine Erziehung zum Frieden. Zu keiner Zeit so intensiv wie in den Jahren des Vietnamkriegs. Wir sind mehr als einmal deswegen des Antiamerikanismus’ bezichtigt worden.
Es ermutigte uns, dass wir die GEW an unserer Seite hatten, mit einer Idee von Bildung, die sich an Frieden und Abrüstung, an Versöhnung und Völkerverständigung orientiert.
Die GEW in praktischer Solidarität.

Meine GEW vertritt Bildungsziele der Demokratisierung.
Eine Prüfungsstunde in einer neunten Klasse. Thema „Südafrika“ zur Zeit der Apartheid. Der Referendar schreibt den Satz „One man, one vote“ an die Tafel. Die Schülerinnen und Schüler erfassen den Unrechtscharakter des Apartheid-Regimes und überlegen Maßnahmen der Demokratisierung.
Mitten hinein in die lebhafte Diskussion platzt der Prüfungsvorsitzende mit der erregten Einlassung, dass diese Orientierung des Unterrichts unweigerlich zu einem Blutbad am Kap führen müsse und er nicht bereit sei, solche Indoktrination zu dulden und zu verantworten.
Wir hatten in unserer GEW-Gruppe gerade südafrikanische Apartheidgegner zu Gast gehabt und waren uns einig gewesen, dass das Prinzip der Demokratisierung Menschenrecht war.
Die GEW als Ermutigung.

Ziele und Wege, die erarbeitet und oftmals erstritten werden müssen. Nichts wird uns geschenkt. Die GEW bleibt unterwegs, und auch ich habe die Absicht, unterwegs zu bleiben. Denn Stillstand ist Rückschritt, den wir – meine GEW und ich – nicht wollen.

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