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BildungssystemMehr Vielfalt durch mehr Bildungsorientierung

Was sich in der Bildung ändern muss: Die Antwort eines Bildungswissenschaftlers

 

16.05.2019 - Helmut Zachau

Bildung soll die Menschen auf eine Gesellschaft der Zukunft vorbereiten, von der wir wissen, dass sie durch eine große Vielfältigkeit ihrer Mitglieder geprägt sein wird. Das Bildungssystem reagiert gemessen an der sich daraus ergebenen Herausforderungen nur rudimentär, denn sein Maßstab des Bildungserfolges ist die Abiturquote, das heißt im welchem Umfang die Menschen, die unterschiedlichste kulturell geprägte Qualifikationen und Potenziale haben, sich die Normen, Werte und Ziele des Bildungsbürgertums angeeignet haben.

Alle Potenziale von Anfang an fördern

Die Lehrkräfte holen am Beginn des Schullebens ihre unterschiedlich geprägten Schüler*innen ab und fördern sie mit ihren individuellen Potenzialen nach Kräften. Am Ende zählt lediglich, in welchem Umfang die Kinder die Inhalte, Verhaltensweisen und Normen erfüllen, die zum Beschreiten des gymnasialen Königswegs notwendig sind. Konsequenterweise  fällt die Guillotine dann am Ende der Klasse vier, entweder du hast ein ausreichendes Maß an Aneignung geschafft – Gymnasialempfehlung. Oder aber du hast es nicht geschafft - Loser. Im Zentrum steht nicht die Frage: Wie können die individuellen  Potenziale bringt des Kindes entwickelt werden, sondern:  Wie passen wir es schnellstmöglich an die Ansprüche unseres Bildungswesens an. Fragen, wie zum Beispiel der Schatz der Mehrsprachigkeit in der Familie in der Schule zugunsten eines weiteren Bildungserfolgs gehoben werden könnte, spielen in der aktuellen Debatte keine relevante Rolle. Stattdessen wird irrtümlicherweise Migration als Problem definiert, obwohl wir wissen, dass es Armut ist. Die meist bildungsbürgerliche Herkunft der Lehrkräfte verstärkt diese Tendenzen.

Diese kulturelle Monopolstellung setzt sich im gesamten allgemeinbildenden Teil des Bildungssystems fort und behindert damit die angemessene Entwicklung vieler Kinder aus Zuwandererfamilien und auch aus wachsenden  Milieus, die nicht Mittel- und Oberschicht geprägt sind. Gelingt es ihnen, schulisch erfolgreich zu sein, entfremden sie sich von ihrer Herkunft. Halten sie sich an deren Normen und Werte fest, ist die Wahrscheinlichkeit des schulischen Scheiterns sehr groß.

Bildungsbegriff öffnen

Die Gewerkschaften brachten mit der Forderung nach der Gleichwertigkeit von beruflicher und allgemeiner Bildung eine Position zur Öffnung des Bildungsbegriffs ein. Die Wertigkeit der Bildungsabschlüsse ist heute mehr denn je hierarchisiert. Dass die Sozialdemokraten mit dieser Eindimensionalität der Quotenfixierung  und Bildungsassimilierung alle anderen Bildungswege diskriminieren, hat sie früher einmal gestört.

Oberschulen verzahnen

In der Folge verrennt sich die bremische Bildungspolitik bei der organisatorischen Umsetzung.  Klar definiert ist der Weg zum Abitur mit zwölf Jahren an den durchgängigen Gymnasien. Für die Oberschüler*innen ist das nur für zehn Jahre klar, danach wird es bunt. Sie haben damit natürlich ein großes Problem in der Konkurrenz zu den Gymnasien, weil der folgende Aufbau unklar ist. Unbeschadet davon haben ihre relativ kleinen Oberstufen in der Regel das Problem, dass sich ihr Unterrichtsangebot mangels Masse auf die bildungsbürgerlich geprägten Kernfächer konzentrieren muss. Die Oberschulen müssen systematisch mit den beruflichen Schulen verbunden werden, so dass hier alle Bildungsabschlüsse auf unterschiedlichen Wegen erreicht werden können. Schon heute werden etwa 40 Prozent aller Hochschulzugangsberechtigungen über die Bildungswege des beruflichen Schulwesens erreicht - die Basis für ein solches Vorhaben ist also gelegt.

Mittleres Leistungssegment stärken

Die Bedürfnisse des heutigen mittleren Leistungssegments würden somit deutlich stärker in den Fokus der bildungspolitischen Diskussion und der realen Gestaltung rücken. Aktuell gilt für diese Gruppe eine abgespeckte gymnasial geprägte Variante ohne eigenen inhaltlichen Bildungsanspruch. Der Facharbeitermangel eröffnet Lebenschancen für Schüler*innengruppen, die bisher ihre Potenziale nicht ausreichend entfalten konnten oder gar gescheitert sind. Das wäre ein richtiger Schritt zur angemessenen gesellschaftlichen Teilhabe für diese relativ große Schüler*innengruppe. Mit einer Öffnung der Bildungsorientierung würden sich für viele Entwicklungen wie zum Beispiel die Inklusion oder aber inhaltliche und methodische Innovationen neue Dimensionen öffnen und die Eindimensionalität der aktuellen Praxis brechen. Es ist an der Zeit, diesen Schritt endlich zu tun.

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