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„Man fühlt sich wie im Hamsterrad!“

Zur Situation der Fachdidaktik an der Uni Bremen

Ein Gespräch mit Bàrbara Roviró, Sabine Horn und Annette Ladstätter-Weißenmayer

16.06.2018 - Werner Pfau

Sie sind seit Jahren an der Uni Bremen in Lehre und Forschung tätig. Barbara Roviro ist Lektorin im Bereich der Didaktik der romanischen Sprachen mit dem Schwerpunkt Spanisch und vertritt den Mittelbau im Rat des Zentrums für Lehrerbildung. Sabine Horn leitet die Abteilung Didaktik der Geschichte. Annette Ladstätter-Weißenmayer ist Physikerin und Studiendekanin für den Bereich Physik. Alle drei sind sehr besorgt, ja geradezu verzweifelt, angesichts der Defizite in Schlüsselbereichen, die sie bei den Studierenden zu Beginn ihres Studiums wahrnehmen.

Stichwort:  Studierfähigkeit

SH: Was mich frappiert hat, als ich vor drei Jahren an diese Uni kam, war die extreme Leistungsspreizung. Ich habe exzellente Studierende. Oftmals bringen sie eine besondere Kritikfähigkeit mit, die ich an den vorhergehenden Universitäts-Standorten, an denen ich tätig war, nicht beobachten konnte. Aber das Leistungsspektrum an dieser Universität geht wahnsinnig weit auseinander. Zu Beginn hatte ich bei den Anfängern eine Durchfallquote von 50 Prozent im 1. Versuch –  solch eine hohe Quote hatte ich an keinem anderen Standort. Ich frage mich, ob das eine neuere Entwicklung ist.

ALW: Im MINT-Bereich waren die Durchfallquoten noch nie niedrig. Aber was ich feststellen kann: Die Zusammensetzung der Studienanfänger hat sich in den letzten Jahren verändert. Wir können die Erstsemester nicht mehr vergleichen mit denen von vor zehn Jahren. Es war üblich, Leseaufträge zu verteilen, die selbständig bearbeitet wurden. Wenn es etwa darum geht, ein Skript durchzuarbeiten, sich durchzubeißen, diese Kompetenz hat abgenommen. Ich bemerke auch einen Verlust an Konzentrationsfähigkeit, der u.a. mit der kontinuierlichen Erreichbarkeit zusammenhängt. Sich auf eine Materie einzulassen, das braucht Zeit und Raum. Das kann ich nicht, wenn ich z. B. ständig auf mein Handy starre. Und manche glauben, der Monitor habe alle Antworten parat. Für manches ist er ja auch gut, aber er ersetzt nicht das konzentrierte Lesen und Begreifen. Letztes Semester wurde zum ersten Mal ein anonymer Eingangstest in Mathematik durchgeführt. Die meisten Studierenden waren zuversichtlich – alles easy doing. Die niederschmetternden Ergebnisse schockierten sie nicht sonderlich. Folglich mangelt es an realistischer Selbsteinschätzung und an der Erkenntnis „Es gibt etwas, das ich können/wissen sollte, aber nicht kann/weiß“. Strategien, Stoff zu erlernen sind vielen Studienanfängern ebenfalls nicht bekannt.

Lernkultur und Sprachvermögen

SH: In meinem Bereich, Geschichte, fällt mir oftmals eine mangelnde Sprachsensibilität auf. Wo es gilt, Quellen aus dem 19. Jahrhundert oder früher zu bearbeiten, versagen viele. Wenn ich in Schulen gehe, um im Unterricht von Studierenden zu hospitieren, stelle ich oft fest, dass gar keine Originalquellen mehr gelesen werden – und Lehrkräfte sagen mir, dass Quellenarbeit zu schwierig sei. Damit geht eine Kompetenz in meiner Domäne, in den Gesellschaftswissenschaften überhaupt, verloren, und es ist kein Wunder, wenn Studierende sich damit schwertun.

BR: Ich sehe das Problem in einer mangelhaften Lernkultur. Das betrifft etwa den Aspekt der Anstrengung. Ich sage nicht: Lernen muss wehtun, aber es braucht Durchhaltevermögen. Sich einen Gegenstand mit Konstanz zu erarbeiten. Spanisch ist ein gutes Beispiel, gerade weil die Sprache nicht so präsent ist wie Englisch; eigentlich müsste man erwarten, dass, wer freiwillig eine Philologie wählt, auch eine Affinität zu Sprache hat. Doch wenn ich die Studierenden im vierten Semester kennenlerne – dann beginnt in Spanisch die Fachdidaktik – muss ich feststellen, dass viele nicht einmal die zu erwartende Sprachkompetenz im Deutschen besitzen. Ich rede nicht nur von der Fähigkeit, das Register zu wechseln und sich wissenschaftlich adäquat auszudrücken. Es fängt beim Leseverständnis  von fachdidaktischen Texten an. In der ersten Klausur ist dann ist oft ein eklatanter Mangel im Ausdrucksvermögen zu bemerken und vielen fällt es schwer,  bereits in der deutschen Sprache mit neuen Konzepten umzugehen, die vom Alltäglichen abweichen.

SH: Wo die Bildungssprache nicht vorhanden ist, können wir auch keine Fachsprache darauf aufbauen. Und ich glaube nicht, dass die Uni dieses Defizit nachholen kann, auch wenn wir Schreibworkshops anbieten. Da sehe ich eher die Schule in der Pflicht. Etwa mit sprachsensiblem Unterricht, als Querschnittsaufgabe in allen Fächern. Präzision und Variabilität im Ausdruck zu üben, das ist extrem wichtig. Wie soll ich etwa politische Propaganda analysieren, wenn das dafür benötigte Sprachvermögen fehlt? Das ist für gesellschaftspolitische Partizipation sehr wichtig.

Ansatzpunkte in Schule und Elternhaus

ALW: Ich beobachte, dass es oftmals schwerzu sein scheint, eine mangelhafte Leistung auch entsprechend zu bewerten. Dadurch wird aber den jungen Leuten der Eindruck vermittelt, sie seien ja gut genug. Teilweise ist es auch die Überfürsorglichkeit der Eltern, die Selbständigkeit nicht eben fördert. (Es kommt vor, dass manche Eltern ihre Erstsemester am ersten Unitag begleiten und neben ihnen im Hörsaal sitzen.)

SH: Ich hatte auch schon Eltern in Sprechstunden...

ALW: Wir machen sehr gute Erfahrungen mit gemeinsamen Oberstufenprofilen, in denen Teile des Unterrichts in unseren Laboren an der Uni stattfinden. Diese Schülerinnen und Schüler kennen als spätere Studierende bereits die Arbeitsweisen in den Laboren. Am anderen Ende der Skala machen wir aber auch Erfahrungen mit Studierenden, die basale Umgangsformen nicht kennen oder nicht anwenden (Emails ohne Anrede ‚chillen‘ mit aufgeklappten Laptops während der Veranstaltung).

SH: Wir müssen auch über Wissenschaftspropädeutik in der Oberstufe reden – fragende/forschende Haltung, Methodenbewusstsein, Kausalitäten, kritischer Umgang mit Informationen. Teilweise wurde wissenschaftspropädeutisch ausgerichteter Unterricht auch in der Didaktik für verzichtbar erklärt. Ich halte ihn für unverzichtbar.

BR: Ich bemerke im Rahmen des Praxissemesters an der Schule, dass uns etwas abhanden gekommen ist. Ein Mensch kann am Ende eines Tages doch nur schwer ein Gefühl der Zufriedenheit erlangen, wenn ihm gar nichts gelungen ist. Ich rede nicht in erster Linie von Leistung, sondern von der Erfahrung eines Zugewinns an Wissen und Kompetenz. Doch ich erlebe  des Öfteren ein Klassenklima, in dem die nötige Fokussierung auf den Gegenstand gar nicht stattfindet. Es gibt eine Vielzahl Ablenkungen. Dann beobachte ich 90 Minuten Unterricht und denke mir: Das kann doch nicht zufriedenstellend sein! Lärmpegel, Störungen, mangelnde Konsequenzen – das verhindert Erfolgserlebnisse. In Sprachen wie Spanisch führt das zu einem Absinken des Niveaus, zunehmender Abwahl der Sprache vor dem Abitur, geringerer Anwahl an der Uni. Zur Frage der Wissenschaftspropädeutik kommen wir da gar nicht erst!

Durchgängigkeit, fachfremder Unterricht, Studierende als Lehrkräfte

ALW: Ein weiteres Problem ist die Frage der Durchgängigkeit von Fächern in der Schule. Viele Themen werden nur sporadisch unterrichtet, drei Wochen in dem Jahrgang, vier Wochen in jenem. Das führt logischerweise zu einer geringeren Anwahl der entsprechenden Fächer in der Oberstufe. Bevorzugt wird, was man zumindest annähernd durchgängig hatte, denn von den anderen Fächern fehlt die Vorstellung, wie das Fach als Ganzes aussieht. Dann ist die Kursfrequenz in solchen Leistungskursen niedriger. Die Konsequenz daraus darf aber nicht sein Leistungskurse z. B. in Physik zu streichen, wie es in den letzten Jahren in Bremen geschehen ist. Die Konsequenz muss lauten, Physikunterricht in der Mittelstufe zu stärken. Ein physikalisches naturwissenschaftliches Grundverständnis ist für jeden späteren Lebensweg unabdingbar.

BR: Wenn Voraussetzungen fehlen, greift die Struktur des Studiums mitunter nicht mehr. Beispielsweise haben wir ein verpflichtendes Auslandssemester eingeführt, basierend auf Erasmus-Verträgen. 80 Euro monatlich als Zuschuss gibt´s! Wir sind aber damals von einem deutlich höheren durchschnittlichen Sprachniveau der Studierenden ausgegangen. Zwar weisen heute etliche Studierende ein B1 Niveau nach, doch die konkrete Aussagekraft ist relativ, ähnlich wie beim Abitur. Was als Abrundung einer vorhandenen Kompetenz gedacht war, erweist sich mittlerweile oft als Überforderung, mit massiven Schwierigkeiten.

SH: Geschichte wird zwar gut als Lehramtsfach an der Universität angewählt, dennoch sehen wir häufig, dass Voraussetzungen, Kompetenzen, Methoden fehlen. Begleite ich im Praxissemester Studierende, so begegnen mir nicht selten Mentorinnen und Mentoren, die fachfremd unterrichten. Da stellt sich mir die Frage, auf welcher Basis Entscheidungen für ein Studium getroffen werden.

BR: Das ist auch in Spanisch ein Problem. Hinzu kommen Studierende, die über die Stadteilschule eingesetzt werden. Wir haben als Zentrumsrat die Behörde diesbezüglich um Zahlen gebeten, bislang vergebens. Neulich bin ich in einer Schule Studierenden von mir begegnet, die dort beschäftigt sind. Viele Studierende versäumen Veranstaltungen, weil sie zeitgleich unterrichten. Wissenschaft entsteht im Diskurs. Den versäumen sie. Bekommen sie dann schlechtere Noten, gibt es Beschwerden, sie würden deswegen keinen Platz im Referendariat bekommen.

Wertschätzung der Schule und des Lehrberufs, Qualität der Abschlüsse

ALW: Wie kommt es eigentlich, dass eine Lehrkraft heute weniger wertgeschätzt wird? Woher kommt dieser Ansehensverlust? Warum müssen Lehrkräfte sich so intensiv mit Verwaltungsaufgaben beschäftigen, warum können sie sich nicht hauptsächlich auf das Lehren konzentrieren? Stattdessen müssen sie erst einmal heterogene Lerngruppen zur Ruhe bringen, bis überhaupt ein Lernprozess beginnen kann. Viele Schülerinnen und Schüler lernen, wie sie sich durchmogeln können. Und die Abschlüsse werden an die gesunkenen Kompetenzen angepasst.

SH: Es geht um das Leitbild der Quote – die Quote muss erfüllt werden. Im Weser-Kurier und buten un binnen habe ich des Öfteren Schulleitungen gesehen, die sich mit einer hohen Oberstufenquote positiv ins Licht rücken. Fragt irgendwer, wie es den jungen Menschen später an der Uni ergeht?

BR: Ich habe das auch gelesen. Da sagt die Schulleitung sinngemäß: Leistung ist nicht alles, Hauptsache wir haben unsere 50 Prozent. Es erscheint eine Studie, in der die Folgen für die Universität untersucht wurden, aber das öffentliche Interesse in Bremen ist gering. Und die Universitäten sind auch nicht ganz frei von solchem Quotendenken. Man fühlt sich wie im Hamsterrad. Aber wie können wir den Kreislauf durchbrechen?

Von den Lehrkräften wird erwartet, dieses Spiel mitzuspielen. Ich würde mich dagegen verwahren, wenn ich Lehrerin an einer Schule wäre! Und ich verwahre mich dagegen als Mutter! Da wird Leuten die Hochschulreife zugesprochen, denen es an Grundlegendem mangelt. Sie kommen an die Uni und haben hohe Erwartungen, die dann enttäuscht werden. Wir vergehen uns an diesen Heranwachsenden! Manche würden in einem anderen Beruf vermutlich glücklicher werden. Andere könnten es schaffen, wenn sie von früh auf besser vorbereitet worden wären. Das ist tragisch mitanzusehen, denn als Lehrende möchte man ja möglichst vielen Studierenden zum Erfolg verhelfen!

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