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Ausbildungsvorbereitende BildungsgängeLernzeiten zu kurz – Beratung unzureichend

Lehrkräfte Beratung unzureichend kritisieren die Verordnung für Ausbildungsvorbereitende Bildungsgänge (AVBG-VO)

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16.09.2019 - Karsten Krüger

Die betroffenen Lehrkräfte wissen, wie es gehen oder besser gehen könnte: Die große Anzahl an neuen Schülerinnen und Schülern, die vor allem seit 2015 neu nach Bremen gekommen sind, pädagogisch vernünftig zu beschulen und mit einer guten Perspektive in das Berufsleben wechseln zu lassen.

„Sie brauchen ausreichend Lernzeit und keine Prüfung, die diese Lernzeit massiv verkürzt und die zu früh abgelegt werden muss.“

Dies sagt Ümit Zerdali, Fachbereichsleiter für Interkulturelle Bildung an der Allgemeinen Berufsbildenden Schule in Walle und zitiert damit auch seine Kollegen/innen in den Sprachklassen an anderen Schulstandorten.

Nur 18 Monate Deutsch

Offiziell werden schulpflichtige Jugendliche ohne oder mit geringen Deutsch-Sprachkenntnissen nur zwei Jahre in Berufsorientierungsklassen unterrichtet. Schon früh vor Ende des zweiten Jahres muss nach der neuen AVBG-VO eine Prüfung abgelegt werden, die dann die Schulzeit in der Regel beendet. Faktisch haben die Lehrkräfte nur eineinhalb Jahre Zeit, um die Schülerinnen und Schülern auf ein Sprachniveau zu heben, mit dem dann der Übergang in den Beruf erfolgreich und nachhaltig geschafft werden soll. Das zu schaffen, ist aus Sicht der Lehrkräfte oft unmöglich. Nur 18 Monate Deutschunterricht – „das erzeugt Stress und Druck für alle Beteiligten“, sagt Zerdali. Ein drittes Schulbesuchsjahr, welches viele zugewanderte junge Menschen brauchen, um besser vorbereitet in den neuen Lebensabschnitt zu starten, gibt es nicht automatisch. Auf Antrag kann es gewährt werden. Wiederholt wird dann das Prüfungsjahr. Eine schlechte Lösung aus Sicht der Experten. Zerdali: „Pädagogisch besser wäre eine Wiederholung des ersten Schuljahres, um mit einem dann besseren Sprachniveau die Prüfungen bestehen zu können. „ Eine insgesamt längere Schulbesuchszeit und sprachsensiblerer Unterricht in allen Fächern würde auch die hohe Quote an Abbrechern bei der Einstiegsqualifizierung und in der Ausbildung reduzieren helfen. Die Betreuer und Lehrkräfte müssen schon unkonventionelle Ideen haben, um ihren Jugendlichen eine längere Schulzeit zu ermöglichen“, so der Fachbereichsleiter.

Entscheidung „nach Papierlage“

Die jungen Menschen und ihre Lehrkräfte haben im Unterricht eine weitere große Hürde zu überwinden. Die Klassen sind oft heterogen zusammengesetzt. Eine Testung in der ersten Schulwoche hilft etwas weiter. Aber alle haben krass unterschiedliche Schulbesuchszeiten, haben unterschiedlichste Fluchtbiografien mit unterschiedlichen und ungelösten Problemlagen. Für viele eine zu große pädagogische Herausforderung. Die beste Lösung für den Einzelnen wird oft nicht gefunden – ein zielgruppengerechtes Angebot fehlt, gerade für die Lernschwächeren und die Jugendlichen mit Förderbedarf. Die Probleme ließen sich durch eine bessere und differenzierte Zuweisung in die Klassen vermeiden, aber die Behörde entscheidet „nach Papierlag“. Langjährige, schulinterne Beratungsstrukturen sind in den vergangenen Jahren geschwächt worden. Zum Nachteil für die Zugewanderten und deren Zukunft.

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