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Lernumgebung

Heterogenität war BLZ- Schwerpunkt in Heft 9/08. Immer wieder angeführt werden Binnendifferenzierung und die Individualisierung. Wie geht das eigentlich ?

Für manche immer noch Schlagwörter, da sie selten mit Inhalt gefüllt werden und viele, die es benutzen auch nicht füllen. Denn konsequent durchgeführt führt es zum Gegenteil von PISA und Vera und anderen Versuchen der Abtesterei.

16.03.2010 - von Wilfried Meyer

Lernen erfordert eine angenehme Lernumgebung

Lernen erfordert eine angenehme Lernumgebung, die die Interessen und Emotion der Lernenden anspricht. Eigenständiges Lernen und Lernen in Zusammenarbeit in einem angemessenen Zeitraum muss möglich sein. Das ist so alt wie z.B. Montessori-Pädagogik, die von „vorbereiteter Umgebung“ spricht. Das kann im Gruppenraum oder speziellen Räumen wie Werkstätten, Lernwerkstätten, Ateliers wie in der Freinet-Pädagogik sein, mit Regalen und Kisten, welche didaktische Materialien zu Themen oder auch Verbrauchsmaterial des Alltags enthalten, die zum Entdecken, Forschen, Experimentieren, probieren und Üben anregen. Leseecke, Minibibliothek, Literaturkiste zum Thema, anschauliches Bildmaterial, auch Recherchemöglichkeiten wie Lexika und Internet bieten sich an. Das muss von den Lehrkräften, Mitarbeiterinnen und Teams zusammengestellt werden und wird sich mit Wachsen der Erfahrungen verändern. Sinnvoll ist ein Arbeiten in Projekten, so oft es geht, weil hier die individuellen Interessen der Lernenden besser angesprochen werden, fachübergreifend gearbeitet wird. Sinnvolle Bezüge zur Realität werden hergestellt auch in langfristigen Projekten wie Schülerbibliothek, Pausenhofgestaltung, Spieleausgabe, Kiosk, Teestube, Bands, Schülerfirmen...
Viele Erfahrungen haben Grundschulen aufzuweisen, arbeiten sie doch ohne Selektion und viele haben schon seit Jahrzehnten verschiedene Niveaus bedient z.B. in Form von Wochenplanarbeit, offenen Lernformen, Werkstattunterricht, Stationsarbeit, Pflicht und Wahlangeboten.
Da Lernende sich immer in Gruppen befinden gibt es einen natürlichen Widerspruch zum individuellen Lernen. Wir haben es mit unterschiedlichen Lerntypen und auch Lernstrategien zu tun. Individuelles Arbeiten, Lernen, Reflektieren, Dokumentieren muss möglich gemacht werden. Die Arbeit mit Lerntagebüchern, Logbüchern, Portfolios kann diese Aufgaben erleichtern. Die Kitas in Bremen haben mit Portfolioarbeit begonnen, bei guten Erfahrungen ist dies fortführbar durch alle Stufen.

Ziele

Ziele, die wir anstreben, sind in so genannten Standards festgelegt und finden sich in den diversen Lehrplänen wieder. Für das Erreichen oder Nichterreichen von Zielen gibt es gute Gründe, unter anderen das außerschulische Umfeld, mangelnde Ressourcen zur Betreuung lernschwacher und verhaltensauffälliger Kinder, zu große Gruppen, enge Räume, zu wenig Doppelbesetzung usw. Insbesondere sollen Kinder mit Lernschwierigkeiten im Bereich Lesen und Schreiben oder Rechnen sowie mit Verhaltensproblemen oder emotionalen Auffälligkeiten unterstützt werden.
Leistungsunterschiede und Lernvoraussetzungen sind heute so unterschiedlich, dass eine platte „Einteilung“ in Spitze, Durchschnitt und Schwach der Realität nicht mehr gerecht wird. Auch Gymnasien, die meinen, dass sie homogene Gruppen unterrichten, haben diese nicht und würden beim Versuch des fortgesetzten alten Striemels (Frontunterricht) immer mehr in Schwierigkeiten geraten.
Am nachhaltigsten ist jener Lernerfolg, der sich durch eigene Erfahrungen mit dem Lerngegenstand einstellt. Wir nennen das konstruktivistisches Lernen, denn jeder konstruiert sich seine Welt äußerst individuell, hier gibt es kein Kopieren von Lernprozessen im Kopf, sondern eine enge Begleitung, die das Konstruieren fördert, anregt, auch in Frage stellt und so weitere Prozesse in Gang bringt. Dafür müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die dies zulassen und fördern. Und wer es braucht, der findet inzwischen genug Unterstützung z.B. durch Wissenschaftler wie Spitzer, Roth, Hüter, die sich mit Abläufen im Gehirn im Zusammenhang mit Lernprozessen beschäftigen. Frühzeitige Anregung und Emotionen spielen eine große Rolle.
Hierfür sind gestaltete Lernumgebungen am ehesten geeignet.
Lernumgebungen werden inzwischen unterschiedlich interpretiert. Gemeinsam ist, dass es um das lösungsorientierte Arbeiten geht, das Finden eigener Fragen und Antworten, die Reflexion und Dokumentation,das Kommunizieren, das Vorstellen der eigenen Arbeit, auch um Planung und Beharrlichkeit. Dieser Prozess muss von Lehrkräften unterstützt, begleitet werden.
Lernumgebungen finden sich unter anderem in Lernwerkstätten an Kitas, Schulen und Hochschulen und tauchen unter unterschiedlichen Namen auf wie Lerngärten, Lernarrangements, Lernateliers in Lernwerkstätten, didaktische Werkstätten... Meistens bieten sie ein Thema über einen längeren Zeitraum an. Kollegien, Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler nutzen diese Umgebungen für Stunden oder Tage.

Ein Beispiel

Wir wollen ein Beispiel wählen : Oft sind Themen etwas umfassender wie Brücken, Sinne, Hände, Körper, Balance, Kugeln, Begegnung, Minibeasts, Spiralen, Seifenblasenarchitektur, Flug, Zeit, Farben, Luft, Wasser...
Erste Phase: Eine Sammlung von Ideen und Vorstellungen, Fragen und Anregungen wird erstellt (Brainstorming im Team und der Gruppe). Diese werden in Schwerpunkte geordnet.
Zweite Phase: Ein Raum wird (s.o.)dazu mit ansprechenden Materialien gestaltet, Lernende können etwas mitbringen zum Thema. Verschiedene Aufgaben/Themenbereiche werden grob oder in Stationen sortiert.
Dritte Phase: Paare, Kleingruppen, Einzelne haben Gelegenheit die Lernumgebung zu betrachten, Gegenstände anzufassen, sich einen Überblick zu verschaffen.
Gibt es erste Fragen oder Irritationen? Diese werden gesammelt, Arbeitsgruppen zusammengestellt. Entscheidungen für Anfangsarbeit werden getroffen.
Vierte Phase: Die Workshop-Arbeit mit dem Material beginnt. Lerntagebücher-Forscherhefte-Logbücher werden geführt, in ihnen wird geschrieben gezeichnet, Dinge eingeklebt.
Fünfte Phase :Zwischenstände werden berichtet, Fragen, Schwierigkeiten besprochen. Arbeitsprozesse und Ergebnisse werden den anderen vorgestellt, in Schaubildern, Skizzen, Bildern, Filmen, Tönen oder auch in Vorführung von Experimenten, Modellen dargeboten und durch die Gruppe gewürdigt.
Dies zeigt in kurzer Form die Arbeit in einer solchen Lernumgebung auf. Wir ermutigen dazu, dieses selbst mit einem Thema zu probieren. Unsere eigene Rolle verändert sich auch, wir sind nicht überwiegend unterrichtend, sondern begleitend, Ideen und Fragen eingebend, weiterführend.
Wir sind gespannt welche Angebote es für diesen Bereich im Rahmen der neuen Oberschule und der Veränderungen am Gymnasium durch die Behörde geben wird, sie sind dringend notwendig und werden durch das neue Paket der Inklusion noch notwendiger. Fortbildungen im Bereich von Binnendifferenzierung und Umgang mit heterogenen Gruppen müssen ausreichend stattfinden und können nicht über etwas fortbilden, sondern müssen praktisch zeigen wie es geht, mit Beispielen und Selbsterfahrung der Lehrkräfte, die es machen wollen. Dazu brauchen sie Zeit.(Aktuell gibt es im INZ/Lernwerkstatt Bremer Westen an der GS Am Halmerweg die Arbeit in Lernumgebungen, zur Zeit Thema „Wasser“. Gute Beispiele können auch die am Modellversuch Sinus an Grundschulen beteiligte Schulen geben. Informationen und Fortbildungshinweise gern beim Autor /Redaktion der BLZ)

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