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Lernplattform: Du kannst es machen, aber du musst nicht!

Zum 1.6.14 hat die Bildungsbehörde für die Nutzung durch Bremer Schulen die Lernplattform eines norwegischen Privat-Anbieters eingekauft:

16.12.2014 - Wilfried Meyer

Zu welchem Preis, das wird bisher geheim gehalten. Verschwiegenheitspflicht? Nach unseren Recherchen liegt der durchschnittliche Preis solcher Plattformen bei ca.450000 Euro, laufzeitabhängig. Die Kosten pro Schüler sollen um die 2 Euro liegen. Je mehr Nutzer, desto höher werden die Kosten.

 

Wie kam es dazu?

Das Zentrum für Medien vom LIS und das LIS schreiben auf ihrer Website unter http://www.lis.bremen.de/sixcms/detail.php?id=32095 :
„Ab sofort nimmt das Zentrum für Medien Bewerbungen von Schulen entgegen für die Teilnahme an der ersten Phase der Einführung der neuen Lernplattform. Bewerbungsschluss ist der 1. April 2014. Erste Fortbildungen werden ab Mai angeboten, zum Schuljahresbeginn 2014/15 steht die Plattform uneingeschränkt zur Verfügung. Im Frühjahr 2015 beginnt die zweite Phase, an der sich wiederum bis zu 20 Schulen beteiligen können.“

 

Worauf fußt die Entscheidung für den Einkauf dieser Plattform?

Dazu das LIS: „Vor der Beschaffung dieser Lernplattform wurden die Erfahrungen vieler Schulen ausgewertet, die Ergebnisse sind in einem Bericht ...zusammen gefasst.“ Dieser Bericht heißt: Evaluation von Lernplattformen und ist vom April 2013. Dort werden im Wesentlichen von wenigen Lehrkräften in Interviewform Meinungen eingeholt zum Verlauf einer einjährigen Erprobung mit einer ganz anderen Plattform, nämlich Fronter. Dies betrifft ganze 6 Schulen,soweit zu „vielen“ Schulen, s.o. Und dabei hat es bei 2 Schulen gar nicht funktioniert.(OS Obervieland : „während der Projektlaufzeit praktisch nicht genutzt werden“ und OS Lehmhorster Straße: „Aus diesen Gründen konnte die Plattform praktisch nicht genutzt werden“. (Gut gefallen hat uns Testfrage 3 bei Lernplattform Fronter unter IT G3 Folie im LIS-Bericht auf Seite 21: Was ist ein Browser?
Ein Erfrischungsgetränk?
Ein Programm mit dem man im Internet surfen kann?
Ein Mann unter der Dusche?)

 

Evaluation ?

Zur Arbeit mit der Plattform itslearning gibt es nur ganz magere Auswertungen von 3 (in Worten DREI) Lehrkräften: „Während der Projektlaufzeit haben einzelne Lehrkräfte vom Kippenberg-Gymnasium (306), der Wilhelm-Olbers-Schule (404) und dem SZ Bördestraße(602) mit ihren Lerngruppen die kostenfrei eingerichteten Zugänge nutzen können.. ..Für das Interview stand je eine(!) Lehrkraft aus den genannten Schulen zur Verfügung. L1 verfügte über Erfahrungen mit anderen Lernplattformen und kennt it ́s learning von einer früheren Erprobung. Er findet, dass die Oberfläche inzwischen bunter und schülergerechter(!) geworden sei. L2 hat bei den Schüler/-innen eine größere Akzeptanz im Vergleich zum Portal festgestellt und hält den in der Plattform integrierten Workflow(!) (Aufgabenstellung durch L., Bearbeitung und Abgabe durch S., Kontrolle und Rückmeldung durch L.) für elegant gelöst(!). L3 empfand den Einsatz der Plattform in Lerngruppen als angenehm(!). Auch die Einbindung der Online-Medien in die Plattform und der schnelle Support wurden gelobt.“ Und in der Auswertung: „Die Schulen, bei denen während der Projektlaufzeit praktisch nicht(!) mit der Plattform gearbeitet werden konnte, haben das generelle Interesse am Einsatz solcher Werkzeuge dadurch nicht verloren. Etliche Schulen, die gar nicht direkt am Projekt beteiligt waren, haben davon erfahren und zeigen großes Interesse an den Ergebnissen(!). In den meisten Fällen stellen sie eine schulinterne Entscheidung für eine konkrete Lösung zurück und warten darauf, welche Konsequenzen die Bildungsbehörde aus dem Projekt zieht.“(Hervorh.v.W.M.)
Wir zitieren hier ausführlich, weil dies die behauptete Evaluation wiedergeben soll. Dieses als Evaluation zu bezeichnen hält aber qualitativen und natürlich auch quantitativen Kriterien für eine repräsentative Evaluation nicht stand. Auf dieser beruht aber im Kern die Entscheidung für itslearning!? Natürlich, so wird geschrieben, ist es auch das „günstige“ Angebot wie immer dies auch aussieht. Im Übrigen erscheinen die Unterscheidungsmerkmale z.B. zwischen dem Nutzen von Moodle oder Fronter einerseits und itslearning andererseits nicht sehr gravierend. Andere Bundesländer fahren ganz interessante Alternativen wie z.B. Schleswig-Holstein, wo mittlerweile 163 Schulen die Plattform „SchulCommsy“ nutzen, die von Studenten an der Hamburger Uni entwickelt wurde.
Ebenso irritiert uns eine Bemerkung des LIS auf Seite 30:
„Das dabei unverzichtbare Engagement der Schule und deren Kollegium kann durch eine Beteiligung der Schule an den laufenden Kosten deutlich gemacht werden und schafft eine größere Verbindlichkeit innerhalb der Schule und in der Beziehung zu externen Unterstützern.“ Heißt das, man muss sich mehr anstrengen, damit sich die Kosten auch lohnen?!

 

Und die Mitbestimmung?

Zur Lernplattform haben wir den Personalrat Schulen befragt, der zur Zeit an einer Dienstvereinbarung mit der Behörde arbeitet. Diese hätte schon vor der Anschaffung der Plattform erarbeitet werden müssen, denn es handelt sich um eine Mitbestimmungsmaßnahme, in die der PR von Anfang an hätte einbezogen sein müssen. Es betrifft auch die Schulgremien, die bei Einführung dieser neuen Arbeitsweisen, Methoden und Mittel darüber mitzuentscheiden haben (§33 ff. BSVG). Der Personalrat muss darüber wachen können, ob die datenrechtlichen Voraussetzungen gewährleistet sind. (Was, wenn in Blogs Lehrkräfte angegriffen werden, Schüler mobben... Wer darf einschreiten, wer löschen, wer hat Zugriff, wie ist dieser ausgebildet? Was ist mit dem Copyright? Wie wird mit wem vernetzt? Kann man Eingaben nachverfolgen?) Ebenso muss Bedingung sein, dass die Teilnahme und die Arbeit mit der Plattform freiwillig ist, d.h. die Lehrkraft kann nicht gezwungen werden, damit zu arbeiten. (Pädagogische Freiheit!) Und wenn die Schule das Ganze administrativ von einer Lehrkraft betreuen lässt, wie ist es mit Überstunden, Mehrarbeit und Belastung bestellt? Und nicht zuletzt muss eine technische Wartung bei Fehlern und Ausfällen von Hard-und Software gewährleistet sein, die nicht in der Verantwortung der Schule liegt. Wie sieht diese aus, welche Stellen sind dafür vorgesehen? Es bleiben also weiterhin viele Fragen offen, welche im Vorfeld der Einführung lange auf dem Tisch lagen. Uns als PädagogInnen und GewerkschafterInnen darf die Begründung des LIS nicht reichen, dass „heutige (Management-)Systeme für Schulen leistungsfähiger sein müssen“ und „ für unsere strategische Ausrichtung auf mobile Endgeräte spielt eine Lernplattform eine unverzichtbare Rolle“. Lehrkräfte müssen an Strategien mitarbeiten und mitentscheiden, denn andere haben auch Begehren an diese Plattformen, wie Bertelsmann und CO, die möchten dadurch z.B. „Analysemöglichkeiten des Lernverhaltens der Nutzer“ gewinnen. Und ob eines unserer pädagogischen Endziele des Unterrichts die „mobilen Endgeräte“ sind, das ist noch sehr die Frage?!

 

Vorläufiges Fazit:

Der Kauf und die Einführung von itslearning scheint auf schwachen argumentativen Füßen zu stehen und wurde nicht ausreichend erprobt und geprüft. Ausreichende Anzahl von Lehrkräften haben sich damit nicht beschäftigen können. Der Personalrat wurde in die Planungen der Behörden nicht von Anfang an einbezogen, der Mitbestimmungsvorgang wurde nach Schaffung von Fakten viel zu spät eingeleitet.

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