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Kommunikation in der Schule:

 

Wer zum ersten Mal ein voll besetztes Lehrerzimmer zur Pausenzeit betritt, weiß, dass es sich dabei um eine einzigartige Kommunikationslandschaft handelt: spitze Schreie, helles Lachen, verschwörerisches Gemurmel, Klappern aus der Kaffeeküche, Rufe nach bestimmten Personen, monotone Stimmen am Telefon und Fluchen aus dem Kopierraum bilden eine dichte, zähe Fläche. Die Schulleitung bittet nachdrücklich um Ruhe und man wird als Neuankömmling kurz vorgestellt: „Das ist der neue Kollege XY, er unterrichtet die Fächer XY...“ Ein kurzes Nicken, einige unkoordinierte „Willkommen“-Rufe, dann schwillt der Lärm wieder auf seinen vorherigen Pegel an.

16.10.2014 - Auf der Suche nach echten Informationen und einem guten Gespräch | Von Jan Ströh

Zunächst werden der neuen Lehrkraft die zentralen Kommunikationsmittel gezeigt: das Mitteilungsbuch, der elektronische Einsatzplan aller KollegInnen, das eigene Fach und das mit persönlichem Kürzel versehene Postfach. Eine Kontaktliste der KollegInnen rundet die Grundausrüstung ab, man schüttelt vereinzelten KollegInnen (evtl. gleicher Fachrichtung) die Hand. Man wolle sich in Zukunft gegenseitig unterstützen, bei Fragen solle man gerne auf sie zu kommen – kein leeres Versprechen wie sich später oft herausstellt. Später entdeckt man Orte, an denen zusätzlich der Jahresplan, Klausurenpläne und spezielle Einsatzpläne für Prüfungen, Hofaufsichten und Zeugniskonferenzen angebracht sind und zukünftige Aufgaben verkünden. Fast alle Pläne werden auch per email verschickt.

Als eine Herausforderung erweisen sich Pläne, die vorsehen, dass man zeitglich an zwei unterschiedlichen Orten eingesetzt werden soll (zum Glück eher die Ausnahme) oder die einen (z.B. wegen falscher Adressen) nicht erreicht haben. Alle diese Pläne zusammen geben den Takt der Arbeit vor. Um zu verstehen wie man die Pläne liest, muss man sich an erfahrene Lehrkräfte wenden. Der engste Kontakt besteht in meinem persönlichen Fall zu den KollegInnen, mit denen ich während der Pausen regelmäßig den Tisch im Lehrerzimmer teile. Hier bekomme ich die wichtigsten Informationen zu Prüfungen, Richtlinien etc. – besonders gut informiert sind oft die KollegInnen, die im Personalausschuss mitarbeiten. Als Neuling im Lehrberuf ist es entscheidend, sich wichtige Informationen schnellstens zu besorgen, damit gerade formale Fehler (z.B. bei Prüfungen) vermieden werden können. Dieses wird den NeuanfängerInnen jedoch nicht immer leicht gemacht. Die Gründe sind vielfältig:
Sogenannte Schulen im Reformprozess mit verschiedenen auslaufenden und neu eingeführten Schulformen werden durch unterschiedliche Pläne koordiniert. Viele Richtlinien fallen in jeder Schulform im Detail anders aus. Gesamtkonferenzen bringen meist fast alle zusammen, aber wirklich wichtige Informationen zur alltäglichen Unterrichtstätigkeit sind eher auf den kleineren Fach-, Stufen- und Jahrgangsteamkonferenzen zu bekommen, wobei erstere daran kranken, dass der Vorsitz oft wechselt oder phasenweise auch unbesetzt bleibt – eine Folge der Überbelastung vieler KollegInnen, die den Vorsitz sonst gerne übernehmen würden.

„Verständigung, Verbindung, Zusammenhang“
Schlägt man das Wort Kommunikation im Duden nach, so steht dort als Kurzdefinition: „Verständigung untereinander; Verbindung, Zusammenhang.“ Nach den ersten Monaten wird der neuen Lehrkraft schnell klar: Kommunikation in der Schule hat vor allem mit Mitteilungen (häufig der Schulleitung) und weniger mit Verständigung untereinander zu tun. Oft hat die Kommunikation eher einseitigen Charakter – auch wenn es sich um Mitteilungen verschiedener auch mit KollegInnen besetzter Arbeitsgruppen handelt. Dies zeigt sich vor allem in den Konferenzen, wo neue Richtlinien und Konzepte verkündet werden, zu denen sich die Lehrkräfte in der Regel direkt im Anschluss positionieren sollen – teilweise fehlt der Mehrheit der umfassende Einblick in die Thematik, sodass es oft viele Enthaltungen und wenige ganz klare Mehrheitsentscheidungen gibt. Mögliche Ursache ist eine Unsicherheit oder Grundskepsis, die aus allgemeinem Informationsmangel und ständigen neuen Veränderungen herrührt. Unter dem gegebenen Zeitdruck wirken manche Konzepte für den kurzfristig Eingeweihten nicht immer komplett nachvollziehbar.
Hinzu kommt die meist fehlende Zeit vor den Abstimmungen zur Verständigung über neue Konzepte untereinander (ein Kriterium gelungener Kommunikation, s.o.). Oft gibt es ein Endkonzept, aber die Prozesse – und damit Interessenskonflikte dahinter – bleiben oft zu undurchschaubar. Gleiches gilt für die praktischen Folgen für den täglichen Arbeitsablauf, die durch bestimmte Entscheidungen auftreten, ohne dass vorher daran gedacht oder darüber informiert wurde (Stichwort: Belastung). Gelegentlich können die KollegInnen auch gar keinen Einfluss nehmen, da genannte Zwänge (Stundeneinsparungen, Schulreformen) eine Neuausrichtung der Abläufe unausweichlich erscheinen lassen.
Einige KollegInnen finden sich in den neuen Konzepten und Gesprächsthemen nicht mehr genug wieder, da sie in auslaufenden Schulformen tätig sind und dort mit eigenen Problemen zu kämpfen haben. Hier entsteht Frust, der dazu führt, dass manche KollegInnen sich nicht mehr am Austausch in der Schule beteiligen wollen: Sie brechen die Verbindung ab. Einige KollegInnen haben auch deshalb angeregt, einen Teil der Konferenzen für die Aussprache unter KollegInnen zu verwenden oder sich auch einmal außerhalb der Schule zu treffen, um in einen echten Austausch untereinander zu kommen. Und genau hier liegt das Kernproblem: An Kommunikation, die primär den Fluss von Informationen beinhaltet, mangelt es in keinem Falle. Leider ist dieser eher einseitig und theoretisch (Gesamtkonferenzen/Dienstbesprechungen) oder fragmentiert (unter gestressten KollegInnen in der Pause). Auch emails der Schulleitung und mancher KollegInnen fluten phasenweise das Konto. Was fehlt ist der Dialog – besonders die Zeit und Gelegenheit dazu, die Informationen und ihren Zusammenhang für sich selbst zu verarbeiten. Gerade dies ist durch die Arbeitsdichte immer schwieriger herzustellen, obwohl es doch die Grundvoraussetzung der Partizipation und damit auch die Basis für einen Konsens im gesamten Kollegium für erfolgreiche Veränderungen darstellt.
Diese (und andere) Entwicklungen tragen mit dazu bei, dass ein echter Dialog unter den KollegInnen oft nur schwer zustande kommt und die allgemeine Stimmung auf Versammlungen nicht gerade von Offenheit und Konsens geprägt ist. Viele KollegInnen wirken (und fühlen sich) gehetzt, arbeiten in jeder Pause und beschäftigen sich mit den jetzt gerade pressierenden Problemen. Ein kurzer zwangloser Small Talk, bei dem man nicht alle zwei Minuten wegen Anfragen von SchülerInnen oder KollegInnen unterbrochen wird, ist hier schon als ein Moment gelungener Interaktion zu betrachten, der Freude über eine gelungene zwischenmenschliche Verbindung auslösen kann.

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