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»Kinder in der digitalen Welt«

In der zahlreichen Literatur über die Veränderung des Lernens und der Kommunikation ist häufig

von »Digital Natives« die Rede, im Gegensatz zu den »Digital Immigrants«, zu denen die Eltern und Lehrkräfte gehören. Diese Konstruktion geht davon aus, dass digitale Medien in der Lebenswelt der Kinder alltäglich geworden sind. Über das Ausmaß ist im April 2015 eine Studie erschienen: Die DIVSI- U9-Studie. Hinter dem Kürzel DIVSI steht das »Deutsche Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet«, eine Gründung der Deutschen Post AG, die bereits vorher eine Untersuchung über die Nutzung des Internets durch 9- bis 24-Jährige veröffentlicht hatte.

16.09.2015 - Eine Studie über digitale Medien im Alltag der 3- bis 8-Jährigen

»Sehr unterschiedliche Internet-Milieus«

Die neu vorliegende Studie wurde vom Heidelberger SINUS-Institut durchgeführt und gliederte sich methodisch in zwei Schritte: eine qualitative Vorstudie, bei der 28 Interviews mit Kindern und Eltern durchgeführt und die Fragestellungen präzisiert wurden, und eine Repräsentativbefragung von 1832 Eltern 3- bis 8-jähriger Kinder und von 1029 6- bis 8-jährigen Kindern. Es wurde die faktische Nutzung digitaler Medien durch Kinder erhoben, d.h. der Umgang mit Endgeräten, die jeweilige Nutzungsdauer und die Aktivitäten im Netz. Die Ergebnisse wurden mit der Einkommenssituation, dem formalen Bildungsgrad und den Wertorientierungen der Eltern verknüpft. Mit dieser Verknüpfung konnte gezeigt werden, dass für die Kinder sehr unterschiedliche Internet-Milieus entstehen, die in der Studie folgendermaßen typisiert werden: Sie unterscheidet »Digital Souveräne« (26%), »Effizienzorientierte Performer« (19%), »Unbekümmerte Hedonisten« ((18%), »Postmaterielle Skeptiker« (13%), »Verantwortungbedachte
Skeptiker« (13%), »Ordnungsfordernde Internet-Laien« (9%) und »Internetferne Verunsicherte« (6%).

»42% der 6- bis 8-jährigen Kinder sind bereits online«

Zusammenfassend schreiben die AutorInnen: »Die zunehmende Digitalisierung des Alltags ist bereits bei kleinen Kindern fest im Familienleben verankert – als Thema und im konkreten Handeln. Die ersten Schritte im Netz finden deutlich vor dem neunten Lebensjahr der Kinder statt: 42% der 6- bis 8-jährigen Kinder sind bereits online, und in jeder zehnten Familie beginnt die Internetnutzung bereits im Alter von drei Jahren. Jenseits dieser rein faktischen Internetaktivität zeigen die Ergebnisse der Untersuchung aber vor allem, wie weichenstellend bereits diese ersten Jahre dafür sind, wie Menschen sich im Netz bewegen, welche Einstellungen sie zu Chancen und Risiken digitaler Medien entwickeln, welchen Personen bzw. Institutionen sie ihr Vertrauen schenken und welchen Internetakteuren sie ihre Daten überlassen.« (S. 131)

Die »Digital Natives« sind ein Mythos

»Nahezu alle Kinder haben großes Interesse an digitalen Medien und am Internet, und ob sie Zugänge zu dieser Welt haben, ist keine Frage des Bildungshintergrundes oder des zugehörigen Geldbeutels. Aber hier hören die Gemeinsamkeiten bereits auf (...) Je häufiger und selbstverständlicher die Eltern selbst im Netz unterwegs sind, desto eher sind auch ihre Kinder online und desto selbstsicherer präsentieren sich diese hinsichtlich ihrer eigenen Internet- Kompetenzen.« (...)

»Die Studie zeigt, dass zwar alle Kinder auf den ersten Blick im Internet vorrangig das Gleiche tun, nämlich spielen. Es sind aber bereits hier deutliche Unterschiede entlang des elterlichen Bildungshintergrunds erkennbar: Kinder bildungsnaher Eltern spielen neben Unterhaltungsspielen häufiger auch Lernspiele und haben ein breites Interesse an Online-Angeboten (z.B. Videos, Filme, Bilder und Suchmaschinen). In Familien mit geringerem formalen Bildungsgrad wird insgesamt erheblich mehr Zeit mit digitalen Medien (insbesondere Smartphones und Computern/Laptops) verbracht. Gleichzeitig wird hier seitens der Eltern häufiger davon ausgegangen, dass man Kinder beim Erlernen des Umgangs mit digitalen Medien kaum anzuleiten bräuchte (...) Die in den einschlägigen Medien geführten Debatten zur Chancengleichheit in Zeiten der Digitalisierung scheinen an Eltern nicht spurlos vorüber zu gehen (...) Diese Erkenntnisse verweisen darauf, dass digitale Teilhabe bereits für einen großen Teil der Eltern zu einem integralen Bestandteil eines allgemeinen ›Bildungswettrüstens‹ geworden ist, d.h. der bestmöglichen Ausstattung ihres Nachwuchses mit einer umfassenden Palette von Kompetenzen, die in einer unübersichtlich gewordenen Welt mit unsicheren Zukunfts- und Berufsaussichten am ehesten als Erfolg versprechend eingeordnet werden.«

Dabei zeigte sich in der Befragung, dass viele Eltern in Sicherheitsfragen überfordert sind. Bezeichnend ist, dass in der Studie am Schluss – wie in vielen anderen Fragen – die kompensatorische Rolle der Schule betont wird. Sie soll es wieder einmal richten.

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