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„Keinen zusätzlichen Druck aufbauen“

Interview mit Dennis Koch (Mentor) und Leon Sittermann (Referendar)

16.06.2016 - von Jan Eric Ströh

Jan: Herzlich Willkommen zu diesem Gespräch. Wir haben uns getroffen, um über das Referendariat von Leon Sittermann im Fach Geschichte zu sprechen.  Zunächst eine Frage an dich, Leon. Gestern hast du deine letzten Prüfungen zum Referendariat abgelegt, alles ist noch ganz frisch, aber ganz allgemein und im Rückblick: Was war gut, was war schlecht am Referendariat?

Leon: Gut gefallen hat mir der Lernzuwachs in dieser Zeit. Ich wurde sehr umfassend und gut vom LIS als auch von der Schule ausgebildet. Ich habe viel mitbekommen, das ich in meiner alltäglichen Arbeit als Lehrkraft nutzen kann. Das hat mir definitiv gut gefallen. Das, worüber alle Referendare klagen, nämlich dass die Zeit im Referendariat sehr knapp ist für alle Aufgaben, die man während dieser Zeit hat, das würde ich auch so unterschreiben. Es war teilweise schon etwas stressig. Dazu kam, dass ich während des Referendariats Vater geworden bin, wodurch sich natürlich die Prioritäten etwas verschoben haben. Aber insgesamt war es doch weniger anstrengend, als ich zunächst am Anfang befürchtet hatte.

Jan: Hätte eine Verlängerung für dich als junger Vater etwas gebracht?

Leon: Nein. Ich denke, dass ich das insgesamt noch alles ganz gut unter einen Hut gebracht habe, z.B. die Besuche und auch die abschließenden Prüfungen. Wäre ich zu Beginn des Referendariats Vater geworden, dann wäre es vielleicht nochmal etwas anderes gewesen, aber da das eher gegen Ende passiert ist, ich die Lehrproben bereits hinter mir hatte, war das alles noch machbar und ich denke, dass die ordentliche Note, die ich bekommen habe, das auch zeigt.

Jan: Eine Frage an Dennis (Leons Mentor im Fach Geschichte): Nach dem ersten Durchgang als Mentor, wie fühlst du dich, was geht in einem vor?

Dennis: In erster Linie erst einmal ist da ein gewisser Stolz, dass Leon so gut durch das Referendariat gekommen ist und ich ihm an der einen oder anderen Stelle evtl. auch eine kleine Hilfe sein durfte.​ Dann ist da auch das Gefühl, dass man das gerne wieder machen möchte, denn man überdenkt noch einmal eigene Unterrichtsprinzipien neu und somit wird das Referendariat für alle Beteiligte zu einer win-win-Situation. Ich denke, man sollte nicht soviel Angst haben und öfter Referendare in den eigenen Unterricht mitnehmen, denn eigentlich gewinnen hierbei beide Parteien.

Jan: Du hast eben ein Stichwort geliefert, nämlich das des Gewinns, welches ich noch einmal aufnehmen möchte: Ist es nicht auch so, dass durch den Wechsel vom Lehrer zum Mentor auch eine endgültige Ablösung vom Status des Auszubildenden stattfindet? Wie war das für dich?

Dennis: Es war natürlich schon ein komisches Gefühl z.B. auf einmal hinten in der Klasse Platz zu nehmen, aber auch schön, in den Beratungsgesprächen seine eigenen Erfahrungen mal weitergeben zu dürfen. Von einer endgültigen Ablösung vom Status des Auszubildenen würde ich allerdings nicht sprechen wollen, da der Prozess des Lernens bei uns Lehrern nie wirklich aufhört. Immer wieder ertappe ich mich dabei, dass ich bereits gehaltene Stunden wieder abändere.

Jan: Der Rollenaspekt ist auf jeden Fall interessant. Ich habe das Wort „Mentor“ im Fremdwörterlexikon nachgeschlagen und dort wird gesagt, dass Mentor der Freund des Odysseus war, für dessen Sohn (Telemach) er ein väterlicher Freund und Erzieher, aber auch Helfer, Anreger, Fürsprecher, Förderer und erfahrener Berater war. An dich Dennis, welche Rolle aus der Definition hat am ehesten auf dein Handeln gepasst?

Dennis: Ach, der Berater auf jeden Fall. Ob ich auch eine Vaterfigur für ihn war, das muss Leon letztlich selbst entscheiden (lacht). Neben privaten Problemen, die man mit Sicherheit auch mal wälzt, sah ich mich eher in der Rolle, Vorschläge und Hilfen anzubieten und damit neben dem/der FachleiterIn eine weitere Leitplanke zu bilden. Wichtig war mir hierbei keinen zusätzlichen Druck aufzubauen, der ohnehin schon im Referendariat immens ist. Damit bin ich mit Leon eigentlich ganz gut gefahren.

Leon: Auch Hilfen bei der Orientierung im Schulalltag sind hier nicht zu vergessen. Ich würde aber auch noch die Rolle des Fürsprechers ergänzen, denn das habe ich nach den Unterrichtsbesuchen in den Reflexionsgesprächen gemerkt, dass du (Dennis) dort teilweise stark für mich eingetreten bist. Das hat meine Fachleiterin auch sogar einmal moniert, aber für mich war das schön zu sehen, dass du weißt, was ich kann und dass du mich verteidigt hast in dieser Situation.

Dennis: Für meinen Begriff gehört das ein Stück weit dazu, dass man sich auch mal dazwischen wirft und sagt, dass man die Dinge etwas anders sieht. Man kann damit natürlich auch gelegentlich etwas anecken.

Jan: Ihr habt intensiv zusammen gearbeitet, das habe ich dem Gespräch bereits entnommen. Bei einer Wochenstunde, die ein Mentor bezahlt bekommt, ist da eine gute Betreuung überhaupt machbar? Wie viel Zeit hast du, Dennis, tatsächlich investiert? Leon wie hast du das erlebt?

Leon: Mehr als eine Stunde pro Woche war das auf jeden Fall. Allein bei einem einzelnen Anruf haben wir manchmal zwei Stunden geredet. In den Pausen haben wir viel besprochen, z.B. Unterricht, den ich bei Dennis gesehen hatte. Dann habe ich ihn natürlich regelmäßig mit Fragen zu meiner Unterrichtsplanung behelligt, was auch zeitaufwendig war. Am Anfang war die Betreuung noch nicht ganz so intensiv, später lag diese aber deutlich bei über einer Stunde pro Woche.

Dennis: Natürlich steht und fällt das auch mit dem Referendar selbst, welche didaktischen Fähigkeiten er bereits mitbringt und wie die weitere Entwicklung ist, aber da hatte ich mit Leon, auch wenn ich noch keine wirklichen Vergleiche ziehen kann, einen pflegeleichten Patienten, glaube ich. (lacht) Obwohl gegen Ende der Ausbildung gerade vor dem Showdown "Lehrprobe" die Betreuung auf jeden Fall nochmal intensiviert wurde.

Jan: Welcher war den der zentrale Baustein, den du, Leon, von deinem Mentor bekommen hast und den dir das LIS auf diese Weise vielleicht nicht liefern konnte?

Leon: Zum einen die sehr große Methodenvielfalt – Dennis’ Unterricht war da wirklich auf der Höhe der Zeit – und zum anderen der Umgang mit der Schülerschaft, da konnte ich mir sehr viel abschauen.

Jan: Gut, dann kommen wir nun zum Schluss: Leon, was für einen Tipp würdest du angehenden Referendarinnen und Referendaren von hier aus noch gerne mitgeben, insbesondere im Bezug auf die Zusammenarbeit mit dem Mentor?

Leon: Zunächst sollte man versuchen, die Art des Mentors anzunehmen, wie auch immer die sein mag. Dann sollte man sich ganz genau angucken, wie der Mentor seinen Unterricht aufbaut, aber auch, wie er mit seinen Schülerinnen und Schülern umgeht. Davon kann man eigentlich nur profitieren und sich viel abschauen.

Jan: Ganz kurz und knapp, warum sollte man sich als junger Lehrer als Mentor betätigen?

Dennis: Erstens, weil man noch am Puls der Zeit ist und noch alles ganz frisch ist, was man selbst gelernt hat. Zudem liegt man auch alterstechnisch noch nicht so weit auseinander und spricht die gleiche Sprache. Je früher man mit der Mentorentätigkeit anfängt, desto präsenter bleiben auch didaktische und methodische Skills, die einem eventuell doch irgendwann abhanden kommen können. Wenn die Gewohnheit erst einsetzt, besteht schon die Gefahr irgendwann wieder Unterricht zu machen, wie man ihn selbst als Schüler erlebt hat. Außerdem macht es ja auch einfach Spaß, einem jungen Menschen bei den ersten Schritten des Unterrichtens begleiten zu dürfen und sich an den Lernfortschritten zu erfreuen und am Ende vielleicht sagen zu dürfen, einen Teil dazu beigetragen zu haben.

Jan: Vielen Dank euch beiden für das Gespräch.

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