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Interview mit Prof. Dr. Karakasoglu

Yasemin Karakasoglu ist Professorin für Interkulturelle Bildung und Konrektorin für Interkulturalität und Internationalität an der Universität Bremen. Sie gehört zum Kompetenzteam des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück.

16.09.2013 - Die Fragen stellte S. Jafer Akhzarati (AGIL-Sprecher)

Frau Prof. Dr. Karakasoglu, Ihre Expertise bildet die Grundlage für den Entwicklungsplan „Migration und Bildung“, der in die Bremer Schulentwicklung Eingang gefunden hat. Was kann eine Bremer Lehrkraft in Schulalltag davon erwarten? Mit welchen pädagogischen und bildungspolitischen Aspekten ergänzt Ihr Beitrag das neue Schulgesetz?
Kern der Expertise ist ein Perspektiv- und Mentalitätswechsel von fördernden Spezialmaßnahmen für Kinder mit Migrationshintergrund zu einer Ausrichtung des Bildungssystems auf den Normalfall des Schülers/der Schülerin mit Migrationshintergrund, die bei den Schulanfängern in Bremen 55% ausmachen. Das heißt, das Aufwachsen mit einer anderen Sprache als Deutsch bzw. mit mehreren Sprachen gehört zum Grunderfahrungsschatz einer Mehrzahl der Kinder, dem muss Schule als Querschnittdimension Rechnung tragen. Ebenfalls sollte interkulturelle Kompetenz eine Schlüsselqualifikation für alle Lehrkräfte sein, die den Umgang mit den Klassen der Vielfalt erleichtert.

Welcher Umfang haben die wissenschaftlichen Daten, die Ihrer Expertise zugrunde liegen?
Wir haben alle der Behörde vorliegenden Berichte und Evaluationen existierender Projekte dahin gehend ausgewertet, dass wir analysiert haben, inwiefern Erfahrungen früherer Projekte in aktuelle Konzepte einbezogen wurden, inwiefern Projekte nur zielgruppenspezifisch auf Kinder mit Migrationshintergrund ausgerichtet sind oder alle einbeziehen, inwiefern die Qualifikation der Pädagoginnen und Pädagogen im Mittelpunkt steht und nicht die Konformmachung von Eltern oder Kinder für die Ansprüche der Schule, inwiefern individuelle Förder- und Fordernotwendigkeiten berücksichtigt werden oder ein kulturalistischer Ansatz verfolgt wird und inwiefern ein ganzheitliches Sprachbildungskonzept in die Umsetzung gebracht wird. Die Daten zur Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen in Bremen wurden gesondert von der Behörde in einem eigenen Bildungsbericht parallel zu unserer Expertise veröffentlicht.

Würden Sie in wenigen Sätzen unseren Lesern die Kernaussagen Ihrer Expertise darlegen?
Die Expertise verdeutlicht, dass Bremen sich in vielen Bereichen bereits unter sehr eingeschränkten finanziellen Bedingungen auf den Weg gemacht hat. Hier ist hervor zu heben die universitäre Lehrerbildung, die Werbung für mehr PädagogInnen und Pädagogen mit Migrationshintergrund, die Etablierung von Sprachberaterinnen und -beratern als Unterstützung der Entwicklung von Sprachbildungskonzepten in Schulen und die Förderung von Mehrsprachigkeit durch ein sehr umfangreiches Angebot an Mutter- bzw. Herkunftssprachenunterricht. Noch nicht ausreichend ist die allgemeine Orientierung von Schulen am Regelfall der Erfahrungen mit Migration bei Schülern und Eltern in Bremen und die Fortbildung von Lehrkräften und Erzieherinnen- und Erziehern für den Umgang mit kultureller und sprachlicher Vielfalt.

Entspricht der Umsetzungsprozess im Hinblick auf Ihre Handlungsempfehlungen Ihren Erwartungen und Vorstellungen? Welche sind bereits umgesetzt, welche befinden sich in der Umsetzungsphase bzw. auf dem Weg dazu? Gibt es welche, für die es keine Umsetzungschance gibt? Wenn Ja welche und Warum?
Diese Frage ist im Rahmen eines kurzen Interviews nicht befriedigend zu beantworten. Die Handlungsempfehlungen werden derzeit in einen Umsetzungsplan der Behörde übersetzt. Die Finanzierung der priorisierten Handlungsfelder, die identifiziert wurden auf der Basis der Expertise durch die Bürgerschaft steht noch aus.
Gut auf den Weg gemacht hat sich Bremen was die Etablierung eines Kompetenzzentrums für Interkulturelle Bildung am LIS anbelangt (Kom-In), das die Ausbildung der Lehrkräfte für Interkulturelle Kompetenz in der zweiten und dritten Ausbildungsphase der Lehrerbildung nun verantwortlich in die Hand genommen hat und ebenfalls gut voran geschritten ist die Etablierung des Netzwerkes der Lehrkräfte und Pädagogen mit Zuwanderungsgeschichte. Als dritten positiven Entwicklungsschritt sehe ich die Etablierung des Langfristrpojektes Lokale Bildungslandschaft Gröpelingen durch Lernen vor Ort. (Damit ist der Transfer von Quims gemeint (J.A.).

Wie optimistisch sind Sie - im Hinblick auf Umsetzbarkeit Ihrer Vorschläge hinsichtlich der Bremer-Finanzlage - bei der Erstellung Ihrer Expertise an die Arbeit gegangen und was halten jetzt davon?
Ich gehe immer optimistisch an meine Arbeit und gehe davon aus, dass gute Argumente und wissenschaftliche Fundierung dazu beitragen, dass die Umsetzung auch vorgenommen wird. An den Beispielen aus der Antwort auf Frage 4 ist zu sehen, dass ich da nicht unrealistisch bin. Nicht alles kostet viel Geld, was wir vorgeschlagen haben. Vielfach geht es darum, bereits in anderen Projekten gemachte Erfahrungen und Ableitungen für die aktuelle pädagogische Arbeit zu nutzen, bei der anstehenden Überarbeitung von Curricula für die ErzieherInnenausbildung, die Lehrerbildung und auch die Unterrichtsfächer der Schulen darauf zu achten, dass diese die interkulturellen Aspekte angemessen berücksichtigen, auf die wir hingewiesen haben und den Prozess der Etablierung von SprachberaterInnen, der interkulturellen Fortbildung von Schulleitungen und Kollegien etc. weiter voran zu treiben. Hier sind bereits entscheidende Schritte in Angriff genommen worden von der Behörde. Bremen gilt bundesweit nicht mehr als Entwicklungsland in Sachen Interkultureller Öffnung von Schule sondern im Hinblick auf seine selbstkritische Herangehensweise mit den klaren Schlussfolgerungen für einen Entwicklungsplan Migration und Bildung als Vorreiterin. Mannheim etwa ist sehr interessiert daran, es uns nachzutun und hat bei mir um eine entsprechende Kurzexpertise nachgefragt. Was die Lehrerbildung anbelangt, sind wir ganz klar vorne.
Ich bedanke mich für das Interview.

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