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Inklusionsdebatte

Henrik Skov Andersen; „Notlösungen, Chaos und Sparmaßnahmen!“

Kai Reimers: „In bundesdeutschen Großstädten wie Bremen ist es nicht praktizierbar“

16.12.2014 - Henrik Skov Andersen und Kai Reimers über Inklusion

Henrik Skov Andersen

„Notlösungen, Chaos und Sparmaßnahmen!“
Rede des Kollegen Henrik Skov Andersen auf der Bremer Personalversammlung am 11.11.14

Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

die Inklusion in Bremen ist ins fünfte Jahr gegangen, wir haben diskutiert, ausprobiert und geackert, um den Kinder in unseren Schulen eine gute Ausbildung zu bieten. Viele von uns sind oft nahe an der Verzweiflung, weil wir täglich Kinder erleben, die in ihrem Alltag untergehen. Wir wissen vielleicht, was wir gerne tun würden um ihnen zu helfen, aber wir haben nicht die Zeit und den Rahmen dafür! Zu diesem Rahmen werde ich gleich zurückkommen.
Im Folgenden würde ich gerne die Entwicklung der Inklusion in einer Oberschule im Bremer Westen in den letzten fünf Jahren kurz schildern:
Zuerst generell zur Lehrerversorgung:
An der Schule sind keine Vertretungsreserven vorhanden. Jede krankheitsbedingt ausgefallene Lehrerstunde kann nur durch zusätzliche Arbeit der KollegInnen aufgefangen werden.
Am Schuljahresanfang hatte die Schule 77 Minusstunden in der Woche.
Stand November: 35 Minusstunden pro Woche. Als wir der Behörde dieses mitgeteilt haben, lautete die Antwort: Ist doch normal!?
Jetzt zur Lehrerversorgung der Inklusion:
Die erste Inklusionsklasse des 5. Jg. fing 2010 an und hat in den vier Jahren an unserer Schule drei verschiedene Sonderpädagogen gehabt und auch Zeiten, in denen die Klassenlehrerin auf sich allein gestellt war. Dazu hat die Klasse einen großen Schülerwechsel erlebt; so sind auch Kinder ohne Deutschkenntnisse kurzfristig in die Klasse gekommen.
2011 war die zweite Inklusionsklasse unserer Schule sofort mit einer Sonderpädagogin besetzt. Danach gab es einen Sonderpädagogen – Wechsel, dazwischen war die Klassenlehrerin allein mit der Klasse.
Die nächste Inklusionsklasse (2012) war bis Oktober 2013 nur sehr sparsam mit sonderpädagogischer Unterstützung ausgestattet. Der Klassenlehrer war in diesem Zeitraum größtenteils auf sich allein gestellt. Danach wurde eine Referendarin eingestellt und hat seitdem m8it ihrem zugeteilten Stundendeputat die Klasse unterstützt.
Im letzten Schuljahr wurden zwei von vier Klassen des neuen 5. Jahrgangs als Inklusionsklassen eingerichtet. Die eine Klasse war von Anfang an mit sonderpädagogischer Förderung ausgestattet; für die andere Klasse wurde erst nach zwei Monaten jemand gefunden.
Alles Anfangsschwierigkeiten - könnte man denken. Leider nicht, wie es sich herausstellen sollte.
In diesem Schuljahr haben wir wieder zwei Inklusionsklassen im fünften Jahrgang. Nur eine von den zwei Klassen hat bis jetzt Sonderpädagogische Unterstützung!
Erkennt vielleicht jemand hier im Saal ähnliche Verhältnisse an ihren Schulen?
Durchgehend war die Besetzung der Stellen mit viel Dramatik verbunden und lief sehr kurzfristig ab, was keine Zeit für Vorbereitung und Absprache zuließ. Dazu war die Besetzung der Stellen größtenteils verbunden mit Eigeninitiative der Kollegen der Schule.
Lehrerversorgung ist aber nicht unsere Aufgabe!
Die Senatorin für Bildung hat im letzten Jahr von Einzelfällen gesprochen als wir solche Verhältnisse geschildert haben. Dieses sind keine Einzelfälle mehr! Sie sind die Regel!
Es reicht nicht, wenn aus politischer Sicht in Frage gestellt wird, wie wir Pädagogen die mit der Inklusion verbundenen Problemstellungen handhaben.
Wir können uns schließlich nicht multiplizieren!
Meine Frage lautet deswegen: Weiß man in der Schulbehörde von diesen fehlenden Stellen nichts oder will man es nicht wissen?
Wie kann eine erfolgreiche Integration von Schülerinnen und Schülern in die Regelschule denn stattfinden?

Ich möchte jetzt gerne meine Tätigkeit als Lehrer in der inklusiven dänischen Volksschule schildern:

Ich war zu der Zeit Klassenlehrer einer Förderklasse mit eigenem Klassenraum mit max. 10 Schülerinnen und Schülern innerhalb der Regelschule. Es gab eine solche Klasse pro Jahrgang in unserer Schule. Das Ziel dieser Klasse war eine schrittweise Integration der Schülerinnen und Schüler in die Regelklassen: in der Regel innerhalb von einem Schuljahr. Mindestens 15 Unterrichtstunden in der Woche waren wir in dieser Förderklasse Klasse zwei Lehrkräfte. Dieses hat es uns erlaubt, ein/zwei Schülerinnen und Schüler in eine Regelklasse zu begleiten um sie auf das Leben und das Lernen in einer solchen Klasse vorzubereiten. Gleichzeitig konnten die Lehrkräfte dieser Klassen sich um ihren Unterricht kümmern. Wir Begleitlehrkräfte waren ja da, um eventuelle Schwierigkeiten, verbunden mit unseren Schülerinnen und Schülern, aufzufangen. Währenddessen hat die zweite Lehrkraft den Rest der Förderklasse im eigenen Klassenraum unterrichtet. Nach erfolgreichen Besuchen wurde es Zeit, die Schülerinnen und Schüle allein die Regelklassen besuchen zu lassen. Erst im kleinen Umfang, danach vermehrt. Nach höchstens einem Jahr waren viele Kinder vollständig in eine Regelklasse integriert und konnte so aus der Förderklasse raus. So haben viele Kinder gelernt den schnellen und manchmal chaotischen Alltag in einer Klasse mit bis zum 28 Kinder zu meistern und wir Förderlehrkräfte haben gemeinsam mit unseren Kollegen die Möglichkeit gehabt, „Werkzeuge“ zu erarbeiten, um diese Kinder erfolgreich zu integrieren. („learning by doing“).
Über eins muss man sich im Klaren sein: Eine erfolgreiche Integration braucht Zeit für die Kinder und für die Lehrkräfte!
Warum war denn so eine eigene Klasse mit eigenen Lehrern am Anfang so wichtig für Kinder mit Förderbedarf?
Viele dieser Kinder haben bis zu diesem Zeitpunkt in ihrem Leben wenige Erfolge feiern können. Sie können vielleicht schlecht theoretisch lernen. Vielleicht leiden sie unter Konzentrationsschwächen oder sind traumatisiert. Sie sind deswegen abhängig von festen Strukturen innerhalb ihres Schulalltages, sowie von Lehrkräften, die Zeit für sie haben. Sie profitieren auch davon, feste Ansprechpartner unter den Lehrkräften zu haben sowie von der Einrichtung von Ruhezonen, wenn der Alltag zu schwierig für sie wird. Dieses können wir Pädagogen in den Bremer Schulen, mit dem hier herrschenden Chaos im Alltag, den Schülerinnen und Schülern einfach nicht anbieten.

Eine solche Inklusion braucht mehr Lehrerstellen! Mit dem heutigen Modell in Bremen reichen 15 Unterrichtseinheiten mit Doppelbesetzung einfach nicht aus!
Ich erlebe in Bremen Kinder, die jeden Tag ein bisschen mehr aufgeben sowie Lehrkräfte die Tag für Tag besonders zeitlich überfordert sind bis auch sie am Ende aufgeben. Wir sind aber nicht nur zeitlich überfordert: Müssten nicht alle zukünftige Lehrkräfte in Bremen Sonderpädagogik studiert haben?
Das Bremer Modell zur Inklusiven Schule ist also nicht von Kontinuität, Struktur und entsprechender Finanzierung geprägt, sondern von Notlösungen, Chaos und Sparmaßnahmen!
Inklusion ist eine Investition in die Zukunft. Sie darf auf keinem Fall eine Maßnahme verbunden mit einer Schuldenbremse sein!
Es ist ein riskanter Weg, den wir hier in Bremen gehen. Unterfinanzierte Bildung lässt die Kinder im Stich und eine nicht erfolgreiche Inklusion wird grauenhafte Konsequenzen für zukünftige Generationen haben.
Wir Beschäftigte an den Schulen sind seit mehr als vier Jahren mit unseren Herzen sowie all unseren Kräften drin. Meine Frage an die Politik lautet: Seid ihr es auch???

Kai Reimers

„In bundesdeutschen Großstädten wie Bremen ist es nicht praktizierbar“
Gegenplädoyer von Kai Reimers zur Inklusionsrede auf der Personalversammlung

Lieber Henrik,
du hast eine leidenschaftliche Rede zum Thema Inklusion auf der PV vom 16. 10. gehalten, in der du u.a. die übereilte Einführung der Inklusion und deren mangelhafte personelle und finanzielle Ausstattung kritisiert hast. Für diese Rede hast du viel Applaus erhalten.
Leider hast du es dabei nicht belassen, sondern hast als positiven Gegenentwurf zur aktuellen Bremer Praxis deine dänischen Inklusionserfahrungen geschildert. Du hast berichtet, dass du in einer Lerngruppe von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf gearbeitet hast, die an einer allgemeinen Schule angesiedelt war (also ein Modell der Teilintegration: Sonderpädagogische Lerngruppen werden nicht mehr an räumlich getrennten Sonderschulen unterrichtet, sondern als eigenständige Lerngruppe in der allgemeinen Schule). Du hast berichtet von den positiven Erfahrungen, wie es Euch gelang, aus dieser Förderklasse heraus immer wieder einzelne Kinder in die Regelklassen zu begleiten, also zu inkludieren.
Es entstand somit der Eindruck, als ob du diese Form der Teilintegration von sonderpädagogischen Schülern der derzeitigen Bremer Inklusionspraxis vorziehen würdest. Mit dieser inhaltlichen Position bin ich überhaupt nicht einverstanden und ich will dir und den übrigen Kollegen und Kolleginnen, die deine Rede hörten, begründen warum.

Ich ziehe deine positiven Erfahrungen nicht in Zweifel, aber ich stelle ihnen meine eigenen überaus negativen Erfahrungen mit dem Modell der Teilintegration gegenüber. Denn tatsächlich hat es auch in Bremen schon einmal einen ähnlichen „Schulversuch“ gegeben und zwar von 2000 bis 2007 in Bremen-Blumenthal an den Schulzentren In den Sandwehen und Lehmhorster Straße. Und die Ergebnisse waren so ernüchternd, dass dieser Integrationsversuch nach sieben Jahren komplett abgebrochen wurde und für mehrere Jahre zur Sonderbeschulung am Förderzentrum Reepschläger Straße zurückgekehrt wurde. Was war passiert?
Aufgrund von Platzmangel wurden damals sonderpädagogische Förderklassen des 7. Jahrgangs den Hauptschulzweigen beider Schulzentren zugeordnet und dort dann parallel bis zur 10. Klasse hochgeführt. Tatsächlich zeigte sich schon damals, was wir auch heute in der Inklusion beobachten, dass die Feststellung von sonderpädagogischem Förderbedarf wenig „gerecht“ erfolgt: D.h. In allen Hauptschulklassen fanden wir andere Schüler die z.T. schlechtere Schulleistungen zeigten als unsere Förderkinder. Dementsprechend einfach war es für die beteiligten Sonderpädagogen die leistungsstärkeren Förderschüler in die Regelklassen zurückzuführen, zu integrieren, wie man damals noch sagte.
Erstaunlicherweise wurden unsere sonderpädagogischen Förderklassen trotzdem nicht kleiner. Denn für jeden abgegebenen Schüler erhielten wir postwendend einen Schüler zurück, in der Regel einen stark verhaltensschwierigen Schüler, der nach mehreren Klassenkonferenzen in seiner Regelklasse nicht mehr tragbar schien.
Obwohl einzelne dieser Förderklassen trotzdem durchaus erfolgreich hochgeführt wurden, etablierten sich nach kurzer Zeit einige dieser Lerngruppen als „echte Problemklassen“, in denen die Regelkollegen sich weigerten zu unterrichten. Die Schüler dieser Klassen fühlten sich stigmatisiert als „Doofen-Klasse“ und bildeten kompensatorische Verhaltensweisen heraus, wie extrem rüdes Auftreten auf dem Schulhof, hohe Aggressions¬bereitschaft, einschließlich Delinquenz und Drogenkonsum. Die Klassenräume dieser Gruppen waren durch Vandalismus gekennzeichnet, teilweise war ein irgendwie geordneter Unterricht überhaupt nicht mehr möglich. Die psychischen Belastungen der unterrichtenden Kollegen waren unglaublich. Niemals vorher oder nachher habe ich Angst und echte Bauchschmerzen gehabt, in eine Klasse zu gehen.
Es kann sein, dass das von dir skizzierte Modell einer Teilintegration und additiven sonderpädagogischen Förderung in ländlichen Räumen praktizierbar ist (für gut halte ich es trotzdem nicht). Aber unter den Bedingungen hoher sozialer Verwerfungen in bundesdeutschen Großstädten wie Bremen ist es nicht praktizierbar.
Auch wenn man die Einführung der Inklusion zu Recht als übereilt und ungeplant kritisieren muss, Eine Alternative zur inklusiven Beschulung von Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in Regelklassen gibt es nicht mehr. Diese hat nämlich durch die UN-Behindertenrechtskonvention von 2008 trotz der Bedenken so manchen Regelschulkollegen inzwischen den Rechtsstatus eines Menschenrechts.
Sozial- und Arbeitstrainingsgruppen mit temporären Charakter zur zeitweiligen Herauslösung von Schülern in akuten Krisensituationen sowie schulersetzende Maßnahmen für extrem schwierige und fremdgefährdende Schüler müssen die Ausnahme bleiben und nicht ein Regelmodell der Inklusion.

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