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Bildung für Geflüchtete„Ich vermisse den Mut zu richtigen Entscheidungen“

Schulleiter Frank Grönegreß sieht bei der Beschulung von Geflüchteten noch dringenden Handlungsbedarf

 

16.09.2019 - Karsten Krüger

Viele minderjährige Flüchtlinge haben zum Ende der offiziellen Schulpflicht mit 18 Jahren noch keine ausreichenden Sprachkenntnisse, um den Berufseinstieg nachhaltig zu schaffen. Einigen jungen Menschen wurde der Schulbesuch sogar verwehrt. ABS-Schulleiter Frank Grönegreß kritisiert im BLZ-Interview die Einschulungspraxis und hofft auf Verbesserungen durch die rot-grün-rote Koalition.

Kann man in Bremen für junge Geflüchtete von einer Willkommenskultur sprechen?

Grundsätzlich muss man anerkennen, dass sich das Land Bremen gegen den negativen europäischen Trend stellen möchte. Besonders positiv ist der neue Koalitionsvertrag, in dem Migranten/innen, die älter sind als 18 Jahre, in der Schule eine Chance gewährt. Für sie ist ein drittes Schuljahr möglich. Dennoch: Von der positiven Grundstimmung ab 2014 sind wir leider wieder Lichtjahre entfernt. Während damals allen unbegleitenen, minderjährigen Flüchtlingen ein Schulplatz gewährt wurde, schaut man nun kleinlich auf das Alter mit dem Blick auf den Königsteiner Schlüssel. Und dies obwohl die Geflüchteten hier oft Wurzeln geschlagen haben und obwohl ausreichend Schulplätze vorhanden und finanziert sind.

2018 wurden einigen jungen Menschen aus der Flüchtlingsunterkunft an der Gottlieb-Daimler-Str. der Schulbesuch verwehrt. Warum?

Es ging um Altersfeststellung und andere Statusprobleme. Offensichtlich sollten Hindernisse zur weiteren Verteilung gemäß Königsteiner Schlüssel vermieden werden. Das ist unfassbar. Immerhin handelt es sich um Personen, die seit Jahren auf der Flucht sind und in Bremen endlich angekommen sind. Eine Verfügung der Behörde besagt aber, dass diese Personen unabhängig vom Status zu beschulen sind.
Das ist eigentlich eindeutig.

Wie sind Sie an ihrer Schule mit diesem Problem umgegangen?

Wir wurden von den Mentoren gebeten, diese jungen Leute nicht allein zu lassen. Also haben wir die jungen Geflüchteten als Gastschüler/innen aufgenommen. Einer offiziellen Einschulung hat die Behörde aus oben genannten Gründen nicht zugestimmt. Diese Personen wollten und wollen aber lernen. Sie waren und sind zutiefst dankbar, für die Chance, die wir ihnen gewährt haben. Sie gehören zu den fleißigsten Lernern. Übrigens haben nicht wenige nach guten Lernberichten einen Status erworben.

Wie hat das zuständige Fachreferat in der Bildungsbehörde reagiert?

Die Signale waren eindeutig. Formale Gründe sprachen gegen die offizielle Einschulung. Ich denke, man hat aber sehr wohl gewusst, was wir getan haben und die Einschulung als Gastschüler geduldet. Ich würde mir dennoch aber mehr Zivilcourage wünschen, also auch den Mut zu richtigen, aber nicht erwünschten Entscheidungen.

Welche Haltung hat das ABS-Kollegium zum Beschluss, diese Gastschüler/innen aufzunehnen?

Man darf nicht vergessen, es waren komplizierte Schülerinnen und Schüler in den Klassen. Das bedeutete undbedeutet mehr Arbeit auf ganzer Linie. Aber unsere Lehrkräfte waren von Beginn an hoch motiviert und haben mit unglaublich viel Empathie diese Personen begrüßt und unterrichtet. Dafür bin ich zutiefst dankbar.

In welche Richtung wird sich die neue rot-grün-rote Koalition bewegen?

Erstens sehe ich eine breitere Zustimmung, auch Migranten/innen in schwieriger Position eine Perspektive zu geben. Ich denke, dass die Bildungsenatorin taff genug ist, diese positive Grundhaltung auch umzusetzen. Und ich sehe mit den Linken und speziell mit der Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt Chancen, diesen Migranten/innen eine Zukunft zu geben. Das Stichwort ist Fachkräftemangel. Das ist doch absurd: Da fehlen gute Leute an allen Ecken und Kanten, und wir verweigern aus formalen Gründen den Zugewanderten eine wirkliche Perspektive in Bremen. Da waren wir schon einmal viel weiter. Unsere Schule hat in den ersten Tagen der Flüchtlingskrise Speed-Datings mit der Handelskammer und namhaften Betrieben durchgeführt. Das war erfolgreich, da müssen wir wieder hin.

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