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Hunger – Demokratie – Rock’n’Roll

Das Schulmuseum Bremen hat im Herbst 2013 Bremer Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer zur Zusammenarbeit an einem Forschungs- und Ausstellungsprojekt mit dem Titel Hunger – Demokratie – Rock’n’Roll eingeladen.

16.03.2014 - Erinnerung an die Jahre 1945 bis 1960 gesucht – Erinnerung gefunden! | Für das Projektteam: Frauke Hellwig, Ulla M. Nitsch

Diese Einladung wurde sehr positiv aufgenommen: Mehr als dreißig Lerngruppen aus verschiedenen Altersstufen und Schularten sind ihr gefolgt. Sie beschäftigen sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven mit Kindheit und Jugend in der Nachkriegszeit und in der Zeit des Wiederaufbaus in den 1950er Jahren. Dabei wählen sie sich ihren eigenen Themenschwerpunkt und suchen sich Zeitzeug/innen, die damals jung waren. Sie finden sie meist in ihren Familien, aber auch in der Nachbarschaft oder im Seniorenheim.

Zur Vorbereitung der Gespräche finden die Schüler/innen heraus, wie Erinnerung funktioniert. Sie sammeln Hintergrundinformationen und erstellen Fragenkataloge. In Rollenspielen, erproben sie Fragestrategien. Sie denken auch über schwierige Gesprächssituationen nach: Wie können sie sich beispielsweise verhalten, wenn jemand traurig wird. Je nach Alter fließen in diese Arbeitsphase theoretische und methodische Überlegungen ein: Es werden Hypothesen formuliert und genauer bestimmt, an welche realen Ereignisse sich ein Zeitzeuge dieses oder jenes Jahrgangs erinnern kann. Trotzdem ist es für die Schüler/innen, auch der Oberstufe, nicht immer leicht vorauszusehen, dass jemand, der erst 1946 geboren ist, die Frage „Haben Sie Hitler persönlich gekannt?“ verneinen wird.
Bei ihrer Vorbereitung werden die Klassen und Kurse vom Schulmuseum begleitet. Projektbeteiligte führen in die Zeitzeugenarbeit ein, liefern Expertenwissen und stellen sich als Übungsobjekt für eine probeweise Befragung zur Verfügung.
Manche beginnen ihre „Fahrt“ durch die Zeit“ auch im Schulmuseum vor einer fantasieanregenden Sammlung von Objekten, andere stürzen sich spontan in das Fragen und wieder andere gehen mit Nase und Zunge auf die Suche nach Traumspeisen, erkunden in praktischer Arbeit Fußballhosen von früher oder entwickeln Plakatentwürfe, um die Ausstellung zu bewerben.

Die Themen, die Historiker/innen meist zuerst einfallen – wie Entnazifizierung, Schulpolitik, Rolle der Amerikaner – interessieren nur manche Lerngruppen spontan. Sie finden ihren Einstieg in die Geschichte eher mit alltagsgeschichtlichen Fragestellungen: Wie wohnten Kinder und Jugendliche nach dem Zweiten Weltkrieg? Was haben sie besonders gerne gegessen? Hatten sie Haustiere? Ab wann gab es ein Badezimmer, einen Plattenspieler, ein Auto in den Familien? Wie weit mussten sie laufen, um zur Schule, zum Kaufladen oder zu ihren Freund/innen zu gelangen? Worüber haben sie gesprochen, wovon geträumt? Und wie war Schule, wie die Lehrkräfte? Die Auseinandersetzung mit diesen nur vordergründig banalen Fragen erlaubt eine Annäherung an eine Zeit, die für heutige Kinder und Jugendlich sehr fern ist. Da brauchen sie sinnliches Futter für Augen und Ohren. Das hilft ihnen ein Gefühl für die Lebensverhältnisse, die Sorgen und Freuden im Kinder- und Jugendalltag zu entwickeln. Und schließlich stehen dann auch die größeren Fragen der Nachkriegszeit und der frühen Jahre der Bundesrepublik im Raum.

Inzwischen sind viele Zeitzeugengespräche geführt. Einige Lerngruppen haben ihre Ergebnisse schon in Produkte für die Ausstellung verwandelt: Kurze Filme entstehen, Informationen werden anschaulich in eine Zinkwanne, einen Laufstall, eine Kommode gepackt. Ganz junge Schüler/innen fertigen Zeichnungen von den Geschichten an, die sie am meisten beeindruckten, andere bauen zeitgenössisch bekleidete Figuren, die den Ausstellungsbesuchern etwas erzählen werden. Einige Klassen bereiten Auftritte vor: Sie entwickeln Theaterszenen oder üben Lieder und Schlager aus den 1950er Jahren. Gleichzeitig erschließen sich Mitarbeiter/innen aus dem Schulmuseum und dem erweiterten Projektkreis schon seit Monaten die Bremer Situation in der Zeit von 1945 bis 1960. Dabei soll ein historischer Bezugsrahmen für die vielen Erinnerungsgeschichten entwickelt werden, in denen die Ereignisse vorrangig vom subjektiven Standpunkt aus bespiegelt werden. Schließlich sollen die Ergebnisse der Schülerprojekte und die historische Darstellung zu einer Ausstellung verflochten werden. Dabei bilden die beteiligten Klassen und Kurse mit dem Schulmuseum Bremen und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen ein ungewöhnliches Team von Ausstellungsmachern. Dafür gibt es kaum Vorbilder und so sind wir alle gespannt, wie unsere Ausstellung letztendlich aussehen wird.

Alle Beteiligten, ob aus Schule oder aus dem Museum, ob sehr jung oder schon ziemlich alt, laden Sie und ihre Klassen herzlich in die Ausstellung ein, um im Gedächtnis unserer Stadt spazieren zu gehen und zu entdecken, was Kindern und Jugendlichen in der Zeit zwischen 1945 und 1960 an Schwierigem wie Gutem widerfahren ist.

  • Die Ausstellung „Hunger – Demokratie – Rock ’n’ Roll – Kindheit und Jugend 1945 bis 1960“ wird vom 1. bis zum 29.Juni in der Unteren Rathaushalle gezeigt.
  • Anmeldungen für Führungen durch die Ausstellung sind ab sofort möglich:
    per Email: schulmuseum [at] bildung.bremen.de oder telefonisch: 0421-696 2330.
  • Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm mit Aufführungen von Schüler/innen, Lesungen aus Zeitzeugenerinnerungen und Diskussionsrunden.
  • Das Kino City 46 bietet ein reichhaltiges Vormittagsprogramm mit zeitgenössischen Filmen an. –Infos auf www.schulmuseum-bremen.
    Sie können schon buchen: info [at] city46.de oder 0421-44 96 35 85
  • Zur Ausstellung erscheint ein Buch mit Beiträgen von fast 20 Autor/innen und Zeitzeug/innen, 160 S., ca. 250 Abb., 14,90 €.
  • Alle Schülerprojekte werden nach Abschluss der Ausstellung in einer gesonderten Publikation dokumentiert.
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