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Kernfragen der GEW Teil 14Hundert Prozent verkalkuliert

Falsche Prognosen, fehlende Rendite, vernachlässigte Fachlichkeit – und erst recht keine Personalentwicklung

 

16.07.2021 - Bernd Winkelmann

Ein Idealbild schwebt über den Personaldebatten in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen: Die Bedarfe an qualifizierten Mitarbeiter:innen mögen zu 100 Prozent gedeckt sein. Dies ist ein zwar naheliegender, aber bedeutend zu bescheidener Gedanke!

Blenden wir zur Einschätzung zurück in die Mitte der 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals lebten wir in einer heute unvorstellbaren Situation. Der Begriff der „Lehrerschwemme“ war geprägt und sollte ein Missverhältnis zwischen einer (zu) großen Zahl an Personen zeigen, die in den Beruf drängt, und einer Schulsituation, der man von politischer Seite fast schon eine Überversorgung nachsagte. Das begriffliche Pendant war der „Einstellungsstopp“.

Klaus Klemm, ein anerkannter Wissenschaftler, der fortdauernd Berechnungen zum Arbeitsmarkt von Pädagog:innen vorgelegt hat, spricht von einem „für Absolventen der Lehramtsstudiengänge nahezu zusammengebrochenen Arbeitsmarkt“ (Klemm 1991) und nennt als Beispiel das Jahr 1986, als bundesweit nur 5.500 Lehrkräfte eingestellt wurden, im Vergleich zu 30.000 bis 35.000 jährlich im Jahrzehnt zuvor.

Nachwirkende Fehler

In dem benannten Zeitraum geht die Summe der Menschen, die in der Bundesrepublik keine Anstellung in ihrem erlernten (Lehr-)Beruf finden, in die Zehntausende. Manchen von ihnen gelingt dann noch Jahre danach der späte Einstieg in den Schuldienst, andere sind dafür längst verloren. Dies ist eine Feststellung mit gravierenden Konsequenzen, denn schon ab dem Jahre 2000 übersteigt die Zahl der Einstellungen in den öffentlichen Schuldienst die der Neuabsolvent:innen des Vorbereitungsdienstes zum Teil erheblich (vergl. KMK 2012 und 2014).

Ebenso bemerkenswert war damals die ungleichmäßige Altersverteilung von aktiven Lehrkräften. Eine von Werner Begoihn für Bremerhaven erstmals 1998 herausgegebene Grafik ist beispielhaft für weite Gebiete der westlichen Bundesländer. Sie zeigt auf, dass die nominell starken Jahrgänge zwischen dem 45. und 50. Lebensjahr angesiedelt sind. Die Daten begründen eine wenig spektakuläre Sicht auf die Zukunft: Pensionierungen in großem Umfang sind absehbar – und sie stellten sich tatsächlich ein.

Trotz dieser Signale wurde mit dem Argument hoher Kosten und eines überdimensionierten Öffentlichen Dienstes keine „Personalpflege“ betrieben. Dabei liegt der Anteil der öffentlich Beschäftigten in Deutschland im europäischen Vergleich deutlich unter dem Durchschnitt (10,6 zu 18,1 Prozent). Dies gilt in gleicher Weise für die Personalausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt (vergl. DGB 2018). Mit diesen Fakten ließe sich eher eine offensive Einstellungsstrategie begründen.

Demographie

Der bereits eingeführte Klaus Klemm macht in einer aktuellen Rückschau drei Aspekte für den Lehrkräftemangel in Deutschland verantwortlich (vergl. Klemm 2019). In die eben angesprochenen „demographischen Entwicklungen“ fallen zudem Geburtenzahlen und Migrationsbewegungen. Erstere steigen seit 2013 erheblich, letztere ließen allein im Jahre 2015 eine Million Menschen, davon viele Kinder, in die Bundesrepublik kommen. Dies betraf beide Städte des Bundeslandes Bremen substanziell: Die demographische Rendite, mit der man eine neue Schulreform ab 2009 personell abzusichern gedachte, existierte gar nicht.

Wirft man dann trotz aller Vorbehalte gegenüber Modellrechnungen zur Entwicklung von Schüler:innenzahlen einen Blick in neuere Prognosen, so können gewerkschaftliche Forderungen nach drastischen Erhöhungen der Ausbildungszahlen für Pädagog:innen nicht laut genug artikuliert werden. Selbst die immer so zurückhaltend rechnende KMK beziffert den Zuwachs an Schüler:innen in Deutschland bis 2030 insgesamt mit neun Prozent, im allgemeinbildenden Bereich mit 12%, konkret für das Land Bremen mit acht Prozent bzw. elf Prozent (vergl. KMK 2020). Sie muss ihre eigenen Daten von 2013 drastisch korrigieren, schon 2025 werden nunmehr weitere 1,1 Millionen Schüler:innen in den allgemeinbildenden Schulen erwartet.

Gemäß Klemm und Zorn werden in vier Jahren bereits 14.500 zusätzliche Klassen und 18.200 zusätzliche Lehrkräfte benötigt; 2030 sind es 28.100 bzw. 42.800 (vergl. Klemm, Zorn 2017).

Administration

Seine zweite Begründung beschreibt Klemm mit „trägen administrativen Reaktionen“. Über Jahre, so weist er nach, berechnet die KMK den Bedarf an Lehrkräften mit veralteten Zahlen. Was sie zudem in der Regel nicht mit einbezieht, sind Gedanken an echte Verbesserungen, also pädagogische Reformen wie die Einführung der Inklusion, oder sozialpolitisch orientierte Programme, beispielsweise eine schulische Unterstützung von armen Familien. Desgleichen nicht berücksichtigt sind die Arbeitsbedingungen von Pädagog:innen, ob nun hinsichtlich der zu erteilenden Unterrichtsstunden, einer kalkulierten Vertretungsreserve, der Zeiträume für Kooperation und Präsenzpflichten sowie die Lernbedingungen von Kindern und Jugendlichen in kleineren Klassen bzw. unter Fördergesichtspunkten.

Aber auch wenn das geltende Recht nur fortgeschrieben wird, wären Einstellungen in Größenordnungen notwendig gewesen, die nicht realisiert wurden. Klaus Klemm hat diesen Sachverhalt für die fünf norddeutschen Bundesländer exemplarisch quantifiziert (vergl. Klemm 2009). Die von ihm bezifferten Einstellungserfordernisse für Lehrkräfte und Erzieher:innen sind das Minimum, aber nicht einmal dieses wurde verwirklicht. Zum Zeitpunkt seiner Erhebung, also 2009, das sei mit Nachdruck vermerkt, hätte man die notwendigen weiteren Stellen noch mit Aussicht auf Erfolg ausschreiben können. Es war erst einmal die letzte echte Chance.

Berufswahl

Teil drei der Klemm´schen Analyse bezieht sich auf „prozyklische Entscheidungen“, welche junge Menschen in der Regel bei ihrer Berufswahl treffen. Das bedeutet: Steigen die Einstellungszahlen, dann steigt die Summe der Lehramtsstudierenden – und umgekehrt. Die Länge der Ausbildung, durchschnittlich mindestens sieben Jahre, müsste allerdings die Lage des Arbeitsmarktes am Ende, nicht zu Beginn des Studiums berücksichtigen. Hier kommen dann wieder, wie geschildert, die wenig verlässlichen Prognosen der Vergangenheit ins Spiel.

Sicher ist aber, deutschlandweit betrachtet und mit erheblichen Konsequenzen nicht nur für strukturschwache Regionen, dass die aktuelle Zahl der Studienplätze nicht reicht, im Übrigen ebenso wenig die Ausbildungskapazitäten in der Sozialen Arbeit und der Erziehung. Sie genügen nicht für die Altersersatzeinstellungen und schon gar nicht für eine bildungspolitische Perspektive, die auf die Bedürfnisse der Gesellschaft eingeht.

Junge zukünftige Kolleg:innen benötigen neben Ermutigung verlässliche politische Entscheidungen, die Einstellungssicherheit und ansprechende Arbeitsbedingungen betreffen.

Verantwortlichkeiten

Wir sehen uns mit einem Ergebnis politisch gewollter Fehlentscheidungen konfrontiert. Diese reichen weit zurück: Für die Jahre von 1992 bis 2004 ermittelten wir für Bremerhaven einen Stellenabbau von 14,3 Prozent bei nur geringfügig zurückgehenden Schüler:innenzahlen von knapp 2% (GEW Bremerhaven 2008), für die Jahre 2011 bis 2015, also die Zeit vor der letzten großen Migrationsbewegung, eine Steigerung der Anzahl der Klassenverbände in den Grundschulen um 9 Prozent (GEW Bremerhaven 2014). Ein Kurswechsel in diesem Zeitraum, Stichwort Ausbildungsdauer, auf den wir gedrängt haben, hätte u.a. im Sommer 2021 einiges an Entspannung bewirkt.

Bei unseren vielfältigen Einlassungen haben wir nur die Zahlen der Behörden ausgewertet. Das aktuelle Desaster kann also niemanden überraschen.  So liegen mittlerweile Jahre mit unbesetzten Stellen, auch in der Stadt Bremen, hinter uns, mit in die Nachbarbundesländer abgesprungenen Referendar:innen, hunderten von Vertretungslehrkräften ohne zweitem Staatsexamen sowie Seiten- und Quereinsteiger:innen, die ohne grundständige Ausbildung arbeiten. Im Ergebnis werden die 100 Prozent der Zuweisungsrichtlinie für schulisches Personal nicht mehr erreicht. Es sind überdies „schwache“ 100 Prozent, denn die (amtlichen) Unterrichtsausfallstatistiken weisen stabile Krankheitswerte nach, auch schon vor der Seuche, so dass man leicht auf 106 Prozent Personalbedarf kommt, wenn man zumindest näherungsweise 100 Prozent Unterricht und Betreuung absichern möchte.

Da wir gerade bei den Fehlentscheidungen sind: Es sei erinnert an das Schließen von Studiengängen an der Uni Bremen, die zwischenzeitliche Reduzierung der Ausbildungsplätze im LIS, die durch die Föderalismusreform verschärfte Konkurrenzsituation zwischen den Bundesländern, die Abwertung nicht gymnasialer Lehrämter in Bremen im Jahre 2005, welche 2021 nach zähem Ringen endlich wieder rückgängig gemacht wird. Und dann wabert noch der Einstellungsstopp nach, ein Einschnitt, von dem sich ein im bundesrepublikanischen Wirtschaftsreglement agierendes Schulsystem kaum erholen kann.

Perspektive

Lehrämter und Unterrichtsfächer haben ihre Bedeutung als Auswahlkriterium für Einstellungen verloren. Die Ansprüche an die Bildungsprozesse wachsen dagegen stetig, auch und gerade auf fachlicher Seite. Die politische Rhetorik bleibt billig: Zwar wird ein Fachproblem zugestanden, das es fast schon ewig gibt, nämlich MINT und Sonderpädagogik betreffend, doch eigentlich bilde das Land Bremen „bereits jetzt über den eigenen Einstellungsbedarf hinaus aus“ (NZ 2021). Die Aussage des Sprechers der Wissenschaftssenatorin ist unfassbar, weil sie einerseits falsch ist und andererseits durch eigene Äußerungen im gleichen Zeitungsartikel widerlegt wird. Wir werden es also nicht leicht haben. Dennoch: Bundesweit bis kommunal gehören wir als Gewerkschaft zu denen, die Änderungen politisch erwirken können.

Nur in Abstimmung aller Bundesländer werden die erforderlichen Veränderungen erfolgen, um die Zahl erfolgreicher Absolvent:innen von Lehramtsstudiengängen spürbar zu erhöhen. Es bedarf einer auf das gesamte Land ausgerichteten Bedarfsplanung, der pädagogisch und fachlich abgeleitete Parameter zu Grunde liegen. Einen hilfreichen Kriterienkatalog hat der Bundesgewerkschaftstag 2017 beschlossen (vergl. GEW 2017), wenngleich die Entwicklung von Strategien zur Umsetzung dieser Forderungen nahe liegender Weise stetig angepasst werden muss. Ähnliches gilt für andere pädagogische Professionen.

Dessen ungeachtet sind die vorhandenen kommunalen Zuständigkeiten zu nutzen, um die „Entwicklung des Personals“ in aller Differenziertheit anzugehen. Dabei hat die „Bescheidenheit“ des 100-Prozent-Gedankens zwei Ebenen: Neben dem oben angemahnten Maßstab als Berechnungsgröße gilt es, die Vielschichtigkeit eines echten Personalentwicklungskonzeptes zu beachten, beispielsweise eine Qualifizierung für gelingende Schulentwicklung, die Absicherung von Kooperationen des Personals oder eine Aufgabenstrukturanalyse für Pädagog:innen mit der Eingrenzung ihrer Arbeitslast (vergl. GEW Bremerhaven 2015).

Verkalkulieren, das zeigen die Darstellungen, kann man sich bei diesem Thema leicht. Es lohnt sich deshalb in der Regel, das Argumentieren mit den 100 Prozent kritisch zu prüfen. Wenn allerdings Frau Bogedan über die Pressestelle des Senats mitteilt: “Es werden laufend Lehrkräfte eingestellt“ (Senatspressestelle 2019), so ist eine Replik mit den Worten „Was denn sonst?“ im Lichte der Geschichte noch eher freundlich formuliert. 

Quellen:

  • DGB (2018): DGB Personalreport 2018, Berlin
  • GEW (2017): Lehrkräftemangel bekämpfen – Schulqualität sichern –Schulreformen offen halten, Beschluss DS 288 des Bundesgewerkschaftstages in Freiburg, Frankfurt a.M.
  • GEW Bremerhaven (2008): Papier zur Pressekonferenz am 7.05.2008, Bremerhaven
  • GEW Bremerhaven (2014): Informationen des Stadtverbandes 4/2014, Bremerhaven
  • GEW Bremerhaven (2015): 7 Schritte zu einem Personalentwicklungskonzept, Bremerhaven
  • Klemm (1991): Der Teilarbeitsmarkt Schule in den alten und neuen Bundesländern 1992 – 2010, Frankfurt a.M.
  • Klemm (2009): Zur Entwicklung des Lehrerinnen- und Lehrerbedarfs sowie des Erzieherinnen- und Erzieherbedarfs, Essen
  • Klemm (2019): Lehrkräftemangel – eine unendliche Geschichte, in: Zeitschrift „Pädagogik“, Heft 6
  • Klemm, Zorn (2017): Demographische Rendite adé, Bielefeld
  • KMK (2012 und 2014): Einstellung von Lehrkräften 2008 bzw. 2012, Berlin
  • KMK (2020): Vorausberechnung der Schüler- und Absolventenzahlen bis 2030, Berlin
  • NZ (2021): Schulen: Lehrermangel und Raumnot, Artikel in der Nordsee-Zeitung vom 3.06.2021, Bremerhaven
  • Senatspressestelle (2019): Bogedan:“Es werden laufend Lehrkräfte eingestellt“, Pressemitteilung vom 13.08.2019, Bremen