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BuchempfehlungHistoriker in eigener Sache

GEW-Kollege Wolfgang Liesigk arbeitet Familiengeschichte auf

 

 

 

16.05.2021 - Kalle Koke

‚Metzelsupp und Marschgetös‘ ist der Titel eines bemerkenswerten Buchs des Kollegen Wolfgang Liesigk, in dem er die Geschichte seiner Familie über 70 Jahre, nämlich von 1900 bis 1970, eingehend beschreibt. Er hat bis zu seiner Pensionierung an der GSW Politik, Geschichte und Sport unterrichtet, zusätzlich mehrere Schulprojekte wie ‚Demokratisch handeln‘ betreut und das Projekt „Eine Welt in der Schule“ der Universität Bremen aktiv unterstützt.

Akribisch recherchierter Gang durchs 20. Jahrhundert

Diese Pfälzer Familienchronik umfasst drei Generationen, wobei auf den Groß- und Elterngenerationen das Hauptaugenmerk des Autors liegt. Neben der breit angelegten Familiengeschichte kommt das allgemeine gesellschaftlich-politische Leben nicht zu kurz. Wolfgang Liesigk nimmt sich im Gegenteil der politischen Entwicklung sehr genau, umfassend und äußerst gründlich an. Denn das Kaiserreich, Erster und Zweiter Weltkrieg und die Nachkriegszeit müssen gebührend beschrieben und bewertet werden, was dem Autor über die Maßen gut gelingt. Auf der Folie der privaten Geschehnisse seiner Familie werden die politischen Ereignisse in ihren unterschiedlichen Dimensionen sichtbar, die wiederum die Alltagsgeschichte der Menschen in Landau und Plauen widerspiegeln und entsprechend beeinflussen.  Der Autor beschreibt den Alltag der kleinen Leute, ihre Verhaltensweisen und Reaktionen und ihr nicht immer konfliktfreies Zusammenleben. Dafür trägt er eine Unmenge an Informationen, Beschreibungen und Berichten über das Alltagsleben wie auch über besondere Anlässe wie Geburten, Hochzeiten und berufliche Situationen zusammen, die bezeichnende Blicke auf die Pfälzer Lebensart preisgeben. Treffen in Weinlokalen, in denen sich vorwiegend im Pfälzer Dialekt unterhalten wird, stellen die Börse für die neuesten Informationen mit fließendem Übergang zum lebhaften Tratsch dar; sie sind aus dem Alltag der Menschen nicht wegzudenken.

Der Steckrübenwinter

Wir konzentrieren uns auf die Lebenswege der Eltern des Autors, Emma genannt Emmel, und Harry. Emma, in Landau 1922 geboren, wuchs in der durch wirtschaftliche Depression gekennzeichneten Weimarer Zeit auf; Harry dagegen wurde schon 1912, vor dem ersten Weltkrieg in Plauen geboren, aus dem sein Vater Hermann unversehrt zurückkehrte, weil er Mitglied des Musikkorps und nicht an der Front gewesen war.  Die Bevölkerung in Deutschland hatte schwer gelitten, besonders Herbst/Winter 1917 ging als Steckrübenwinter in die Geschichte ein. Mit über 20 Millionen Toten endete der Krieg. An vielen Orten in Deutschland tobten politische Unruhen, die Ruhrbesetzung verschärfte das materielle Elend der Menschen. Harrys Vater trat 1925 schon der NSDAP bei. Er war noch nicht arbeitslos, hatte dagegen eine erträgliche Anstellung als Geiger beim Stadttheater. Die Arbeitslosenquote stieg auch in Plauen rasant an.

Die „Juddekinner“

Harry wurde wie sein Vater Musiker und erhielt als besonders talentiert nach einer Musikausbildung in einem Internat eine wissenschaftliche Ausbildung an der Musikhochschule. Gegen 1935 bewarb sich Harry für das Musikkorps in Nürnberg, in dem er fortan als Posaunist spielte. Emmas Werdegang verlief schon früh unter dem Einfluss der Nazis; sie trat dem ‚Jungmädelbund der Hitlerjugend‘ bei, besuchte darauf die ‚Höhere Töchterschule‘, in der sie mit ansehen musste, wie antisemitische Hetze gegenüber jüdischen Mitschülern und Mitschülerinnen aussah. Mit den ‚Juddekinnern‘ spielst du nicht, lautete das Verbot der Eltern. Sie kamen in abgesonderte Klassen, ehe sie ganz verschwanden. Überhaupt veränderte sich das Gesicht des Dorfes. Es gab viele Festnahmen und Inhaftierungen, die Bevölkerung akzeptierte in der Mehrzahl die totalitären Direktiven der Nazis. Die ersten KZ waren schon 1933 eingerichtet worden. Nach der Pogromnacht 1938 war die jüdische Bevölkerung in Landau traumatisiert, fast die Hälfte der jüdischen Bewohner verzog und flüchtete ins Ausland, falls es noch möglich war. Auch die Sinti, seit langer Zeit in der Pfalz ansässig, wurden in den Jahren 1938/39 verhaftet, ebenfalls in Landau, in sogenannten Zigeunerlagern untergebracht und dann endgültig 1940 nach Auschwitz unter den gleichgültigen bzw. wohlwollenden Blicken der Bevölkerung deportiert.  Der Nazi-Terror war allgegenwärtig.

Hochzeit im Krieg

Emma und Harry lernten sich in Landau 1941 kennen und lieben. Der Krieg unterbrach ihr Zusammensein, denn Emma musste zum Reichsarbeitsdienst nach Mähren und Harry ist mit seinem Musikkorps zu Rommels Afrikafeldzug abkommandiert worden, aus dem er schon bald wegen einer hartnäckigen Magendarmerkrankung nach Deutschland zurückkehrte. Während Harry ein Studium an der Musikhochschule in Berlin absolvierte, half Emma fleißig in der heimischen Metzgerei. Ihre Hochzeitsfeier fand dann in feierlichem Rahmen Anfang 1944 trotz der Bombenteppiche auf Deutschland („Hitler wollte die Städte der Engländer ausradieren, jetzt werden wir radiert.“) in Landau statt. Es war abzusehen, dass der Krieg verloren war. Bombardierung und Zerstörung blieben auch Landau nicht erspart. Die Nachkriegsjahre meisterte Familie Liesigk relativ erfolgreich; Vater Harry war weiterhin als Musiker aktiv, wirtschaftlich ging es der Familie gut.  Die Eltern haben im Nachhinein die „Hitlerei“ als großes Unrecht angesehen, aber nie Details von Übergriffen und Verbrechen berichtet. Sohn Wolfgang eroberte sich in der Jugendzeit seine Selbständigkeit und sein Selbstbewusstsein vor allem bei den Pfadfindern; später hat er sich der APO-Generation angeschlossen.

Wolfgang Liesigk hat ein inhaltlich und stilistisch mit großem Aufwand gestaltetes Buch vorgelegt. Es sei jeder und jedem historisch Interessierten ans Herz gelegt.