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Hermann Tietke

Auszüge aus der Trauerrede seines Freundes Heinz-Gerd Hofschen:

Am 16. Dezember verstarb Hermann Tietke, langjähriger Schwerbehindertenvertreter der Bremer Lehrerinnen und Lehrer und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Bildung in der SPD. Wir veröffentlichen hier Auszüge aus der Trauerrede seines Freundes Heinz-Gerd Hofschen:

16.01.2010 - 29.11.1952 – 16.12.2009

Wir nehmen Abschied von Hermann Tietke, unserem Verwandten, Freund und Kollegen, der im Alter von 57 Jahren gestorben ist. Es war ein viel zu kurzes Leben und kein einfaches, auf das wir heute zurückblicken.
Bereits in der Schule politisch aktiv, entschloss er sich, Politik und Geschichte zu studieren. Dass er an die Marburger Universität ging, hatte mit seiner politischen Haltung zu tun, war Marburg in den 1970er Jahren doch eine Hochburg der Linken. Sein Studium bei Wolfgang Abendroth, Frank Deppe und Karl Christ hat ihn sein Leben lang wissenschaftlich und politisch geprägt. Das Studium war für ihn ein großes Glück. Nicht nur in seinen Fächern, sondern auch in der Entdeckung der Belletristik und der Musik zeigte sich sein großer Bildungshunger, der bis zu seinem Tode anhielt. Hermann trat in den Sozialistischen Hochschulbund SHB ein und bearbeitete dort vorrangig ein Feld, das auch in seinem späteren Werdegang wichtig werden sollte, die Sozialpolitik.
Er war seit seinen Marburger Jahren bei den Jungsozialisten und in der SPD aktiv. Als er nach hervorragendem Examen 1978 nach Bremen ging, wo er das Refendariat machte, setzte er diese Tätigkeit fort und wurde bald zum Juso-Vorsitzenden im größten SPD-Unterbezirk gewählt. Die jahrelange Arbeit in der SPD war für einen marxistischen Sozialisten weder konfliktarm noch einfach. Die Ideale seiner Jugend zu vergessen oder gar zu verraten war Hermanns Sache nicht und für die Wendehälse hatte er Verachtung und Spott. Er blieb zwar in der SPD als in der Schröder-Zeit viele seiner Freunde und Genossen die Partei verließen, aber der Jugoslawien-Krieg und die Hartz-Gesetze führten auch bei ihm zu einer längeren Zeit parteipolitischer Inaktivität. Dass er sich dann in den letzten Jahren wieder stark in der SPD engagierte, folgte aus seiner nicht unberechtigen Hoffung, dass sich die Bremer Partei nach der Großen Koalition wieder sozialdemokratischen Zielen zuwenden würde. Und es war Ergebnis seiner Haltung, mitzuwirken, statt nur kritisch zu analysieren. So wurde er zum Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten im Bildungsbereich gewählt und vor drei Jahren wählte ihn der Parteitag in den Landesvorstand der Bremer SPD.
Bildung war für Hermann ein zentrales Thema, nicht nur weil er ein begeisterter Lehrer war, sondern auch, weil er an seinem eigenen Werdegang die Bedeutung erfahren hatte, die Bildung für die Emanzipation des Menschen hat. Und daher war es für ihn ein besonderes Glück, an der Erwachsenenschule zu unterrichten.

Neben seiner Tätigkeit als Lehrer hatte Hermann seit vielen Jahren ein weiteres Aufgabenfeld, dem er sich mit großem Engagement widmete: Er war Vorsitzender der Schwerbehindertenvertretung der Bremer Schulen. Dass Hermann selbst in mehrfacher Hinsicht schwerbehindert war, haben viele erst bei genauerer Bekanntschaft gemerkt. Nur seine Sehbehinderung war offensichtlich. Was das für einen Menschen bedeutete, der Bücher und Zeitungen so liebte, der in seinen beruflichen und politischen Tätigkeiten auf Lesen und Schreiben hochgradig angewiesen war, wieviel er an Kraft, Energie und Willen aufbringen musste, um mit diesem Defizit zu leben und zu arbeiten, können wir nur erahnen. Aber das war nur eine Behinderung. Bereits mit 34 Jahren wurde eine Bypass-Operation notwendig, die Hermann nur knapp überlebte. Hermann hat sich auch von dieser schlimmen Krankheit nicht unterkriegen lassen. Er hat mit ungeheurer Energie versucht, ein normales, selbstbestimmtes Leben zu führen. Und das ist ihm auch weitgehend gelungen. Vor eineinhalb Jahren erlitt er bei einer Fahrradtour in Kärnten einen Infarkt. Die verbliebenen physischen Folgeschäden bekämpfte er mit der ihm eigenen Kraft, arbeitete seit diesem Frühjahr wieder in seinem Beruf und reiste im Sommer in sein geliebtes Kuba. Wir hatten so die sicherlich irrationale Hoffnung, dass jemand, der solches Unglück überlebt hat, noch lange leben würde. Umso tiefer ist das Entsetzen und die Trauer jetzt.
Hermanns Stolz und Eigensinn, mit denen er so erfolgreich seine Behinderungen bekämpfte und teilweise überwand, gerieten bisweilen zu Starrköpfigkeit, die ihm selbst und seinen Freunden im Wege stand. Wie jeder Mensch hatte er Marotten und Schwächen, neben dem ungeheuren Mut, der Kraft und dem starken Willen, mit denen er seine schwierige Lebenssituation meisterte.
Es war kein einfaches Leben, das jetzt zu Ende gegangen ist. Aber es war dennoch ein erfülltes und reiches Leben. Tapferkeit und Gradlinigkeit, Solidarität und der Kampf für Zustände, in denen der Mensch des Menschen Helfer sein möge, haben es geprägt.

Wir trauern um Hermann Tietke. Wir sind dankbar, dass wir ihn hatten. Wir denken an ihn mit Achtung und Liebe.

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