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Hass in vier Wänden

Das Internetprojekt “Neonazi-Zimmer” klärt auf

16.10.2016 - Karsten Krüger

Was ist das "Neonazi-Zimmer"? Welche Idee steckt dahinter? Was ist zu sehen, wenn man es unter www.kein-raum-fuer-rechts.de anklickt? Eine kleine Presseschau der BLZ hilft beim Einordnen:

Laut ndr.de ist das Neonazi-Zimmer “ein virtuelles Jugendzimmer, das ein vermutlich minderjähriger Neonazi bewohnt. Links hängt eine Reichskriegsflagge, im Kleiderschrank stapeln sich szenetypische Klamotten.”

“Jugendliche, aber auch Eltern oder Lehrer können auf dem Computer, Tablet oder Smartphone virtuell in die Welt des jungen Nazis eintauchen. Sie erfahren, welche Fanartikel, Kleidungsstücke oder Musik charakteristisch für die Szene sind”, schreibt die Redaktion von nwzonline.de.

Nina Pitschmann, Online-Reporterin des Bayrischen Rundfunks (br.de), bekommt beim Klicken auf der Seite wiederholt “Gänsehaut”. Das virtuelle Zimmer ist mir unsympathisch. Dunkel, düster. Der Fernseher läuft - irgendeine Neonazi-Kundgebung. Ein Typ sitzt auf dem Sofa. Er trägt einen schwarzen Kapuzenpulli, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen - vielleicht hat er schon mal ein Flüchtlingsheim angezündet? Plötzlich macht er das Heil-Hitler-Zeichen. Mein erster Impuls: raus aus dem Zimmer oder Augen zu. Aber gleichzeitig bin ich auch fasziniert.”

Das Onlineportal des Weserkurier berichtet distanzierter. „Das Jugendzimmer auf dem Bildschirm ist eher schlicht eingerichtet, Schreibtisch, Kleiderschrank, Bett und Sofa. Doch schnell fallen die Hakenkreuzfahne und andere Nazi-Fan-Artikel ins Auge. Per Klick können die Nutzer etwa den Kleiderschrank öffnen. Heutzutage hat die Neonaziszene sogar eigene Modelabels. Schicke Kleidung mit Botschaften. Sie heißen etwa Hermannsland, Kategorie C oder Ansgar Aryan.“

“Auf 20 virtuellen Quadratmetern sammeln sich Nazi-Fanartikel”, so der Kommentator der Neuen Osnabrücker Zeitung (noz.de), “die teils erst auf den zweiten Blick als solche zu erkennen sind. Der interaktive Ansatz des Online-Auftritts ist ein bildungspolitischer Quantensprung im Vergleich zu den bisherigen Aufklärungsseminaren und veralteten Broschüren.

radiobremen.de fragt: Wie erkenne ich einen jungen Neonazi? Hat der auch einen Laptop? Ist da die "Reichskriegsflagge" als Desktop-Hintergrund gespeichert? Welche Musik hört ein Rechtsextremer? Wie sieht sein "Jugendzimmer" aus? Wem nützt es, wenn ich all dies weiß? Das Zentrum für Demokratische Bildung in Wolfsburg erklärt per Mausklick Hintergründe der Szene.

Eine ganz andere Sicht der Dinge liefert dagegen die rechtsextreme Wochenzeitung Junge Freiheit. Sie vermutet hinter dem Projekt ein "voyeuristisches Vergnügen, dass klischeehaft den modernen Neonazi vorstellt. Es ist ein Rundumschlag mit der Nazi-Schablone, in dem ein Feindbild multimedial perfektioniert wird.” Diese Meinung hat das Sprachrohr der Neuen Rechten allerdings exklusiv.

Seit August ist das Projekt online. In den ersten Tagen haben schon mehr als 30.000 Besucher die Seite angeklickt. Und sie bleiben im Schnitt sieben Minuten auf der Seite. Desktop-Nutzer sogar elf Minuten, so Ole Leifels, Chef der Agentur Kubikfoto3, die die Seite produziert hat.

"Um das Neonazi-Zimmer möglichst realitätsnah einzurichten, haben wir Informationen über polizeiliche Hausdurchsuchungen bei Neonazis zusammengetragen", sagt Mitinitiatorin und Journalistin Andrea Röpke. Seit über einem Jahrzehnt dokumentiert sie zusammen mit einem kleinen Team Neonazi-Demonstrationen, beobachtet geheime Treffen und spricht mit Aussteiger/innen der Neonazis." Vorbilder waren auch die Jugendzimmer der Mitglieder des NSU.

Die Zielgruppe von Kein-Raum-für-Rechts.de ist auch die größte Zielgruppe der Neonazis selbst: junge Menschen. Die Website mit videospielähnlichem Charakter ist auf Jugendliche zugeschnitten: interaktiv, multimedial und für das Smartphone optimiert. Die User können selbst Fragen zum Thema stellen, jede Menge Fotos und Filme schauen, rechte Musik erkennen lernen und weiterführende Texte lesen.

Das interaktive Zimmer ist im Rahmen des vom Niedersächsischen Sozialministerium geförderten Projekts „Frauen im Rechtsextremismus“ entstanden und hat neben den Jugendlichen auch Multiplikatorinnen und Multiplikatoren der Jugendarbeit, im Sport, in der Schule sowie die Gleichstellungsbeauftragten und Beraterinnen bzw. Berater der Familienberatung als weitere Zielgruppen.

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