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CoronaGEW: Senatsentscheidungen nicht im Takt mit Realität an Schulen

Lehrkräfte und Betriebsgruppen melden sich zu Wort

22.01.2021

Durch die Fortschreibung der Aufhebung der Präsenzpflicht bleibt die Situation an den Schulen unkalkulierbar. Das Festhalten an Unterrichtsangeboten in Präsenz in Verbindung mit Distanzangeboten führt zu mehr Bildungsungerechtigkeit, erheblicher Mehrarbeit und geht an den bundesweiten Erfordernissen zur Pandemiebekämpfung vorbei

 „Es gibt erhebliche Unruhe an den Schulen“

sagt GEW-Stadtverbandssprecherin Corinna Genzmer und berichtet, dass sich bereits Kolleg*innen mehrerer Schulen mit Briefen an die Bildungssenatorin gewandt haben.

Da die Eltern über den Schulbesuch ihrer Kinder entscheiden, müssen die Schulen in aller Regel gleichzeitig das Lernen von Kindern und Jugendlichen zuhause organisieren und in der Schule normalen Unterricht anbieten. Das ist doppelte Arbeit und auf Dauer nicht zu stemmen.

„Die GEW hat lange für Wechselunterricht in Kleingruppen geworben,“ ergänzt GEW-Landesvorstandssprecherin Barbara Schüll. Diese hätten geholfen, Verlässlichkeit und Ruhe in die Schulen zu bringen. Sie hätten die Einhaltung der Abstandsregeln ermöglicht und damit Ansteckungen und Ausfälle durch Quarantäne begrenzt. Das Ziel war, eine komplette Umstellung auf Distanzunterricht zu vermeiden. „Nun sind wir aber in der Situation, dass die Inzidenzwerte und die ansteckenderen Virusmutationen bundesweit zu einem Lockdown führen, der dann auch an den Schulen eingehalten werden sollte,“ so die Grundschullehrerin. Die im Sommer noch wenig betroffenen Bundesländer, die meinten auf schärfere Regelungen verzichten zu können, sind heute die Corona-Hotspots. „Darüber kann man klagen, man könnte aber auch daraus lernen.“

„Das Aufheben der Präsenzpflicht führt zudem zu mehr Bildungsungerechtigkeit. Rückmeldungen aus den Schulen zeigen, dass es häufig bildungsbenachteiligte Schüler*innen sind, die nicht in der Schule erscheinen.

Und egal wie gut Distanzunterricht organisiert wird, dem Personal bleibt für differenzierte und aufsuchende Distanzlernangebote zu wenig Zeit, wenn sie zeitgleich in Präsenz arbeiten müssen“,

so Schüll weiter. „Wenn die Schulen und die Kitas grundsätzlich geschlossen blieben, könnten Kriterien für eine Notbetreuung erstellt werden, durch die sicherlich auch bildungsbenachteiligte Schüler*innen erreicht werden könnten.“

Die GEW Bremen fordert die Senatorin für Kinder und Bildung auf, sich an die Absprache der Länder mit dem Bund zu halten und die Schulen in den Lockdown einzubeziehen. Darüber hinaus brauchen Eltern, Beschäftigte an Schulen und Schüler*innen ein längerfristiges Konzept, wie unter Pandemiebedingungen ein kontinuierliches Lernen aufrecht erhalten werden kann. Die GEW fordert daher, dass nach dem Lockdown Wechselunterricht in Halbgruppen angesetzt wird, mindestens bis zu den Osterferien, besser bis zum Sommer. Dadurch können dann Bildung, Beziehung und Gesundheit gewährleistet werden.

Sehr geehrte Frau Senatorin Bogedan, 
Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Schulleitung, 
Sehr geehrte Vertreter*innen der Presse, 
hiermit möchten wir Ihnen und euch unsere Gedanken zu den Beschlüssen des Senats vom 
06.01.2021 zur Kenntnis bringen: 
 
Zum Unterricht in Corona-Zeiten oder Die Mär des Hybridunterrichtes 

Ab dem 18.1.2021 ist für die Schülerinnen und Schüler ab der Jahrgangsstufe 7 ein mit der Schulaufsicht abgestimmtes Angebot zum Distanzlernen bzw. zum Lernen vor Ort gesichert. Unterricht nach Stundentafel kann so unabhängig vom Lernort allen Schülerinnen und Schülern zu teil werden.“ 


Dies ist also die Information, die unseren schulischen Alltag ab dem 18.01. bestimmen soll. Es ist die Mär vom Hybridunterricht. Von Bildung á la Carte. Es löst wahrscheinlich Verzückung bei Teilen der Elternschaft aus und unsere oberste Dienstherrin darf sich in den Medien mit einem Kompromiss präsentieren. 
Leider wird hier aber das Bild vermittelt, es gäbe einen Mittelweg, wo es faktisch keinen gibt. Distanzlernen und Unterricht nach Plan überfordern das Personal und die Infrastruktur der Schulen. 
Darum ist es an der Zeit für uns, Kolleginnen und Kollegen, endlich klar zu stellen, welche Möglichkeiten die Schule hat, und welche nicht. Wir dürfen nicht weiter zulassen, dass die Kosten für den Erhalt der Arbeitskraft in unserer Gesellschaft in Zeiten der Pandemie, nach Belieben auf die Schulen abgewälzt wird.  

Schule ist keine Betreuungseinrichtung

, sondern wir haben einen eindeutigen Bildungsauftrag, dem wir nicht mehr gerecht werden können, solange wir sowohl Präsenzunterricht in der Schule gestalten müssen und gleichzeitig die Schülerinnen und Schüler an den Bildschirmen zu Hause beschulen sollen. 
Wenn wir nach Stundentafel in den Unterricht vor Ort eingesetzt werden, sind wir mit unserem Deputat am Ende. Es ist nicht möglich, nach dieser Unterrichtszeit noch via. Zoom und Konsorten Online-Unterricht stattfinden zu lassen, der seinen Namen verdient. Daran ändert sich auch nichts, 
wenn einzelne Klassen zu Hause bleiben, andere aber nicht. Im Gegenteil, diese Situation verschärft die Inkompatibilität dieser Unterrichtsmodelle noch, da die Wegezeiten zusätzlich anfallen. 
Die Lösung, die Frau Senatorin Bogedan vorschwebt, also die vorhandenen Konzepte, die sie in den Medien anspricht, scheint die Mär des Hybridunterrichts zu sein. Der Glaube, die verteilten Ipads und die Lernplattform Itslearning, könnten diese Form des Unterrichts nun ermöglichen, greift viel zu kurz.  
Was wir bräuchten, um Unterricht gleichzeitig in der Schule und via Zoom umzusetzen, wären entsprechend ausgestattete Klassenräume: 

  • Zwei Kameras, die den Lehrenden und das Plenum filmen. 
  • Eine große Projektionsfläche, die alle Schüler*innen in die Schule holt. 
  • Eine Soundanlage, die deren Beiträge in den Klassenraum bringt. 
  • Ein Headset für den Lehrenden und ein Mikrofon für die Schüler*innen im Klassenraum. 
  • Ausreichend Ipads - ja, hier kommt die neue Errungenschaft der Digitalisierung ins Spiel - 

damit alle Schüler*innen, unabhängig von ihrem Standort in Gruppen zusammenarbeiten können. 
Diese Ausstattung müsste also vorhanden sein, in jedem Raum. Diese Ausstattung kann nicht vor jedem Unterricht von den Kolleg*innen auf- und danach wieder abgebaut werden. Sollte nun jemand einwenden, solche Hybridmeetings seien in der Wirtschaft doch schon lange Standard, den bitten wir, sich einmal in den Konferenzräumen dieser Unternehmen umzusehen. Man wird überrascht genau diese Ausstattung dort vorfinden. 
Selbstverständlich ist diese Forderung für Schulen zumindest mittelfristig eine reine Traumtänzerei. 
Sie zeigt aber deutlich, wie fern der Realität die Vorstellungen des Senates von einem Unterricht nach Stundentafel Online und vor Ort sind. 

Wir können keine Bildung à la Carte anbieten! 
Wenn wir unserem Bildungsauftrag gerecht werden wollen, wir gesund bleiben und unsere Arbeitskraft erhalten wollen, muss endlich eine Entscheidung getroffen werden. Machen wir es weiterhin nur irgendwie, um diesen faulen Kompromiss umzusetzen, geht das vor allem zu Lasten derer, die zu Hause bleiben und lernen möchten. 
Es muss also endlich eine klare Linie umgesetzt werden: Entweder alle Schüler*innen kommen in die Schule und wir gestalten den Umständen entsprechenden Präsenzunterricht, oder sie bleiben alle zu Hause. Dann gestalten wir Unterricht in virtuellen Räumen und stellen eine Notbetreuung sicher.  
Denn ja, wir können das! Viele Kolleginnen und Kollegen beschäftigen sich schon lange mit den Möglichkeiten und Problemen der Digitalisierung und wir alle haben gemeinsam in den letzten Monaten enorm viel gelernt, entwickelt und umgesetzt. 
Wenn wir diese Fähigkeiten aber einbringen sollen, brauchen wir dafür Zeit. Das geht nicht, während wir zwischen dem heimischen Arbeitsplatz, der für den Onlineunterricht ausgestattet ist und der Schule hin und her pendeln, um unsere Präsenzpflicht zu erfüllen. Dies gilt auch und im Besonderen für die Umsetzung von Halbgruppenunterricht, da sich dadurch die Präsenzzeit der Kolleg*innen in der Schule zusätzlich erhöht. 
Wir fordern also die Verantwortlichen energisch dazu auf, endlich eine Entscheidung zu treffen. 
Diese kann weder den Schul- oder Jahrgangsleitungen noch den einzelnen Lehrkräften überantwortet werden. Ebenso können nicht die Eltern oder die Schüler*innen darüber entscheiden, wie die Organisation der Schule in Zeiten der Pandemie umgesetzt werden kann. 

Entweder… 
…die Schüler*innen bleiben zu Hause und die meisten Kolleg*innen ebenfalls, um einen sinnvollen Distanzunterricht zu gestalten. Die Schüler*innen, die nicht zu Hause bleiben können, werden in kohortenkonformer Notbetreuung mit deutlich geringerem Personalaufwand beaufsichtigt und nehmen aus der Schule am Online-Unterricht teil. Dafür reicht tatsächlich das Ipad und eine WLAN-Verbindung. 
Oder… 
…die Schüler*innen kommen in die Schule, wir gestalten normalen Präsenzunterricht und die Schüler*innen zu Hause bekommen die Arbeitsmaterialien und Aufgaben. Dabei ist es aber nicht mehr möglich, diese Schüler*innen direkt zu betreuen oder konkrete Rückmeldungen zu ihren Ergebnissen der Heimarbeit zu geben. 

Denn eines ist vollkommen klar, beide Modelle zur gleichen Zeit sind weder umsetzbar noch gerecht.  


Daraus folgt zwangsläufig, dass nur Präsenzunterricht in der Schule stattfinden kann, solange die Kolleginnen und Kollegen die Präsenzpflicht nach Stundentafel erfüllen müssen. 
Wir erklären also hiermit, dass wir bis zu einer Entscheidung für eines der Modelle, unseren „Dienst nach Vorschrift“ in diesem Sinne in der Schule umsetzen werden.  
 
Die GEW-Betriebsgruppe der Oberschule Findorff 

„Die GEW unterstützt ausdrücklich die Idee, die Senatorin in offenen Briefen auf die Probleme an den Bildungseinrichtungen hinzuweisen“,

sagt abschließend GEW-Stadtverbandssprecher Andreas Rabenstein.

Für Nachfragen stehen zur Verfügung:    
Corinna Genzmer |  Barbara Schüll  | Andreas Rabenstein 

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