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Ganztagsgrundschule im sozialen Brennpunkt

Viele Probleme sind hier zugespitzt – wie unter einem Brennglas –das gilt für viele weitere Grundschulen in Brennpunktgebieten.

Die Kluft zwischen Aufgabenbereich und Möglichkeiten, die wir zur Erfüllung dieser Aufgaben haben, wird immer größer. Es verschlechtert sich die Ausgangslage für eine erfolgreiche und ganzheitliche pädagogische Arbeit; die Belastung für Kinder und KollegInnen wächst.

16.04.2016 - (GTS Stichnathstraße) // Stellungnahme auf der PV am 18.02.2016

Die Problemlage einer Schule im sozialen Brennpunkt?

Die Lebensbedingungen in Familien summieren sich für die Kinder zu einer Belastung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten:

  • prekäre Situation ohne berufliche Perspektive, oft schon sehr lange oder gar über mehrere Generationen;
  • begrenzte und/oder negative  Erfahrung mit Schule/ Bildung
  • geringes Allgemeinwissen, kaum Wahrnehmung von Möglichkeiten, diese zu erweitern
  • sprachliche Probleme, mit der deutschen Sprache und auch oft mit der eigenen Herkunftssprache
  • Orientierung an Traditionen und Verhaltensweisen ihrer Herkunftsländer, manchmal im Widerspruch zu (Kinder)rechten, die bei uns Gültigkeit haben
  • Schon transgenerational weitergetragene Probleme, die zu einer Gefährdung des Kindeswohls führen können
  • Suchtproblematiken, innerfamiliäre Problemlagen usw.

Natürlich gibt es solche Familien fast überall. Im Brennpunkt treten die Probleme geballt auf und sie treffen für einen ganz überwiegenden Teil der Familien zu. Genauso treten uns die Probleme bei den Kindern gegenüber,in allen Lernbereichen:

  • in der sozial – emotionalen Entwicklung (Stichworte Selbstvertrauen, nicht warten können, Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz, Bindungsfähigkeit, Akzeptanz von Regeln und deren situationsunabhängige Generalisierung);
  • im Arbeitsverhalten (Konzentration, Aufmerksamkeit, Ausdauer, Motivation,  Flüchtigkeit, Tempo);
  • in der Kognition ( geringes Sach- und Weltwissen, wenig Vorkenntnisse, geringe Merkfähigkeit);
  • in der Sprache, oft als erschütternde sprachliche Armut.

Es gilt: Die Faktoren treten  oft gemeinsam auf und treffen für einen sehr großen Teil der Kinder zu.

Zusammengefasst: Wir haben es mit einer dramatischen sozialenEntmischung zu tun. Die Familien und Kinder mit stabilen, förderlichen Ausgangslagen werden zu einer  Minderheit. Die Spirale dreht sich nach unten!

Wir tun etwas dagegen: integrative Beschulung seit über 25 Jahren mit multiprofessioneller Teamarbeit, Entwicklung zur gebundenen Ganztagsschule, intensive Zusammenarbeit mit KITAS, umfangreiche schulinterne Fortbildung zu Entwicklungspädagogik, Classroom- Management, Bindung, Sprachbildung usw., guter Austausch im Kollegium, Förder- und Forderkonzepte, Sozialarbeit …

Aber es reicht nicht!

Sind unsere Kinder dümmer als andere?

Nein! Nur die Ausgangslage ist fundamental schlechter als die vieler anderer Kinder. Sie haben Entwicklungsschritte auf- und nachzuholen, die wir am Beginn der Schulzeit üblicher Weise als selbstverständlich voraussetzen. Sie brauchen Versorger, Ankerpunkte, Erklärer, Erzähler, Wegzeiger, Sprachvorbilder, Mutmacher, Strukturierer und Grenzsetzer– viel mehr als Andere.

Und sie brauchen – in allen Bereichen - nicht nur Betreuung oder Aufsicht, sondern Hände, Ohren, Augen, Bindung, Verlässlichkeit, Konsistenz, um die nächsten Entwicklungsschritte machen zu können. Menschen, die diese Aufgaben übernehmen, in zuverlässigen Beziehungsrahmen, mit hoher Kompetenz und ausgestattet mit einer zeitlichen Ressource, die individuelle Ansprache und Förderung zulässt.

Sie brauchen also mehr Menschen, viel mehr.

Kein differenziertes Arbeitsmaterial, kein ansprechendes digitales Lernprogramm und kein ausgeklügeltes System der Bewertung kann diese personelle Ressource ersetzen.

Konkret: Wir können nicht davon ausgehen, dass Schüler X sich in Ruhe und angemessen und selbständig mit seinen Aufgaben beschäftigt, während wir mit Schüler Y in den Anfängen des Leselehrgangs stecken, dass Schülerin A an ihrem Tisch der Mitschülerin B bei der Formulierung ihrer Geschichte behilflich sein kann., dass Gruppe C es aushält ruhig zu bleiben, während wir mit Gruppe D ein mathematisches Problem mit Materialeinsatz aufarbeiten.

Das erleben wir täglich, im Unterricht, aber auch außerhalb, in Pausen, beim Essen, auf Wegen, in Freizeitangeboten. Sehr viele Kinder unserer Schule sind noch weit entfernt davon, ihr Lernen und Handeln selbstverantwortlich und unabhängig von einer begleitenden Person gestalten zu können.  Eine solche Kompetenz ist unser Ziel. Dafür brauchen wir verlässliche, kontinuierliche und sachkundige Begleitung.

Und Zeit! Wir schieben die Inhalte des Unterrichts nach hinten, weil wir Basiskompetenzen im Sozialverhalten trainieren, weil wir grundlegende Sprachstrukturen erarbeiten müssen, weil wir einfachstes Sach- und Weltwissen vermitteln müssen. Am Ende der Grundschulzeit sind wir vielfach noch lange nicht so weit, wie wir laut Lehrplan eigentlich sein müssten.

Die Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf sind vor diesem Hintergrund die Spitze des Eisberges. Ihr Unterstützungsbedarf ist am augenfälligsten. Aber das Bild vom Eisberg stimmt: Nicht nur einzelne Schülerinnen und Schüler haben einen Sonderbedarf – unsere Schule insgesamt hat einen besonderen Bedarf!

In allen Bereichen: in und außerhalb des Unterrichts, in der Sozialarbeit, in der Versorgung mit sonderpädagogischer Förderung.

Nicht zuletzt: auch im Hinblick auf die Belastung der Kolleginnen und Kollegen. Die Belastungsgrenze ist überschritten!

Was brauchen wir dringend? 

  • eine durchgängige Doppelbesetzung im Unterricht
  • eine gesicherte Vollversorgung aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf in allen Klassen und jederzeit
  • in allen nicht- unterrichtlichen Zeiten eine feste Besetzung jeder Klasse mit einer Pädagogischen Mitarbeiterin
  • die Möglichkeit, zumindest für einen Teil der SuS die Schulbesuchszeit auf 5 Schuljahre zu erweitern
  • mindestens eine volle Sozialarbeiterstelle
  • eine Senkung des Stundedeputats um eine Stunde für alle Lehrerinnen und Lehrer als Ausgleich für überdurchschnittlich hohe Arbeitsanforderungen an Differenzierung, Elternarbeit, Teamarbeit usw.

Übertrieben? Vermessen? Illusorisch?    Ich sage: Aufgaben bezogen, realistisch, notwendig!   Denn:

Wir erwarten keine Abwärtsspirale – wir erleben sie, jeden Tag. Wir sind auf dem Weg,einen beträchtlichen, wahrscheinlich den größten Teil unserer Kinder nicht zu inkludieren, sondern ihre Exklusion zu betreiben, weil wir sie wegen einer unzulänglichen Versorgung ihrer Chance zu gleichberechtigter Teilhabe an Gesellschaft berauben. Das dürfen und wollen wir so nicht hinnehmen.

Und ich will es auch nicht einfach akzeptieren, dass eine dringend notwendige Änderung dieser Situation immer wieder verhindert oder verschoben wird mit dem Hinweis auf fehlende Gelder. „Die gesellschaftliche Wertschätzung der Grundschule drückt sich in der Sicherung der notwendigen Ressourcen aus,“ so die Kultusminister in ihren Empfehlungen. Die Realität sieht anders aus, nicht nur in Bremen. Fakt ist die gigantische Umverteilung des gesellschaftlich erarbeiteten Wohlstandes von unten nach oben und die gleichzeitige strukturelle Unterversorgung des Bildungswesens über Jahre. Das ist kein Naturgesetz, sondern Ergebnis von politischen Entscheidungen. Menschen trafen diese Entscheidung, Menschen können und müssen sie ändern. Chancengleichheit ist unteilbar. Gesellschaftlicher Reichtum schon!

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