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Freiburger Inklusion

GEW und Inklusion - Gewerkschaftstag der GEW in Freiburg

16.08.2017 - Bernd Winkelmann

Bundesgewerkschaftstag Freiburg 2017. Zum Thema „Inklusion“ liegt eine Reihe von Anträgen vor. Nach heftigen Debatten auch um einzelne Formulierungen wird ein Kompromiss verabschiedet. Der entscheidende Satz findet sich im Antragstext fast am Ende. Unter der Überschrift „Nächste Schritte der GEW“ heißt es: Sie „initiiert einen bis 2021 angelegten Prozess der systematischen Weiterentwicklung eines gewerkschaftlichen Inklusionsverständnisses“ (Beschluss 3.17 „Es gibt keine Alternative zur Inklusion“).

Diese zunächst wenig spektakulär erscheinende Formulierung darf nicht unterschätzt werden. Einerseits knüpft sie an das gerade beendete Verfahren eines „Zukunftsforums“ an, welches die GEW auf dem Gewerkschaftstag 2013 verabredete und in den vergangenen vier Jahren erfolgreich mit präzisen Ergebnissen beim Themenkomplex „Lehrer*innenbildung“ umsetzte. Andererseits nimmt sie sich der gewerkschaftlichen Beschlusslage an, das ehrgeizige Ziel, „Eine Schule für alle“ durchsetzen zu wollen. In der Formulierung schwingt ebenso mit, dass der Kulturföderalismus uns als Gesamtgewerkschaft mit unterschiedlichen Wirklichkeiten schulstruktureller Entwicklungen konfrontiert, in denen „Inklusion“ vorkommt, manchmal unter Bezug auf integrative konzeptionelle Bemühungen (i. d. Regel mit Wurzeln in der entfernteren Vergangenheit), manchmal nicht.

Ein wichtiger Ausgangspunkt

In gewerkschaftlichen Zusammenhängen ist der Gedanke nicht so außergewöhnlich, einmal innezuhalten und sich vorangegangener Diskussionen und Beschlüsse zu erinnern, um die Festlegungen der Gegenwart einordnen zu können. Ich knüpfe bei unserem Thema an die richtungsweisenden „Schulpolitischen Positionen“ des Jahres 2001 an, mit denen der Bundesgewerkschaftstag in Lübeck das schulstrukturelle Ziel der GEW des „gemeinsamen Lernens in der Einen Schule für alle“ (Antrag 3.10, Zeilen 3364/65) festschrieb.

Seitdem gingen nicht nur die Jahre ins Land, sondern die GEW mühte sich um die Klärung der Fragen (und der daraus folgenden praktischen Politik), wie verschiedene Wege und Zwischenschritte zur Einen Schule für Alle unter den jeweils vorzufindenden landesspezifischen Gegebenheiten denn aussehen sollen, ob das Einfordern von „Zwischenschritten“ überhaupt die richtige strategische Ausrichtung sei und welchen Stellenwert das Wachsen der Zahl von Gesamtschulen in einigen Bundesländern gemessen an dem oben formulierten Ziel habe. Landesverbände nahmen die ebenfalls in diesem Text ausgewiesene Aufforderung an und entwarfen Entwicklungskonzepte. Diese bildeten ihrerseits den Kulturföderalismus ab.

Inklusion als neuer Maßstab

In diese Phase der Erörterung von „Vielfalten“ fiel die Entscheidung der UN, durch die Formulierung einer Behindertenrechtskonvention Maßstäbe für eine gemeinsame Beschulung von Kindern und Jugendlichen zu setzen. Landesregierungen reagierten darauf durch schulgesetzliche Änderungen. Bremen war durch die entsprechenden Novellierungen im Jahre 2009 zumindest schnell. Hinsichtlich der strukturellen Veränderungen ging es im Wesentlichen um die Bedeutung des Gymnasiums in Relation zu den anderen Schulformen und den Fortbestand bzw. die Auflösung von Förderzentren / Sonderschulen. Parallel dazu entfacht wurde die Diskussion um Rahmenbedingungen, die Verteilung und den Umfang von Förderressourcen sowie die Vorbereitung der Kollegien auf diese grundlegende Veränderung ihrer Tätigkeit. Bremen erließ zu den Regularien die entsprechenden Verordnungen, begrenzte insbesondere den Zugang zum Gymnasium, definierte zwei Wege zum Abitur und schrieb in der Grundschule, einem Basisort des Lernens, den gemeinsamen Unterricht fort. Der „Schulfriede“, ausgehandelt zwischen maßgeblichen Parteien der Bürgerschaft, fixierte diese Struktur auf zehn Jahre.

Gewerkschaftsinterner Diskussionsprozess

Auf Initiative einzelner Vorsitzender und Vorstandssprecher*innen verschaffte sich der Koordinierungsvorstand 2010 eine Übersicht über die bundesrepublikanische Schulentwicklung. Es ging zum einen um den Trend zu „landestypischen 2-Säulen-Modellen“ und zum anderen um die Definitionshoheit bei der Umsetzung der Inklusion. Mittlerweile war in der öffentlichen Diskussion vieles „inklusiv“, so, wie in den Jahren zuvor mit der Formulierung „für alle“ inflationär umgegangen worden war. Im Ergebnis der beharrlichen Fleißarbeit des KoVo lag eine umfängliche, kriterienreiche, ins Detail gehende Matrix vor, die Übersicht gewährte, aber erst in eine landesverbandsübergreifend gültige Positionierung übersetzt werden musste. Dies gelang im Rahmen des KoVo nicht bis zur „Beschlussreife“. So legte zum Bundesgewerkschaftstag 2013 der Landesverband Bremen unter dem Titel: „Inklusion – ein nicht umkehrbarer Weg“ einen Antrag vor, der in seinen Kernaussagen bis heute Gültigkeit beanspruchen kann. Darin heißt es u. a.: “Die GEW stellt fest, dass dem politischen Willen für ein inklusives Bildungssystem auch die Bereitstellung der erforderlichen Strukturen und Ressourcen folgen muss“. Dieser Zusammenhang von Einstellung und Mitteln zieht sich durch den Text, wird anhand relevanter Kriterien verdeutlicht. Der Maßstab musste hoch sein, um dem strukturellen Widerspruch von Inklusion und 2-Säulen-Modell zu begegnen: „Jede Schule wird inklusive Schule, jede Klasse wird inklusive Klasse, jedes Kind ist – Kind“ hatten wir prägnant formuliert.

Am Ende gab es einen Beschluss auf der Grundlage eines zwischen Bremen und Berlin abgestimmten Papiers. Das Austarieren der Beziehung von Haltung und Bedingungen prägte dann die Diskussion der folgenden 4 Jahre bis zum Freiburger Gewerkschaftstag. In so manchen Gremiensitzungen herrschte eine Polarisierung vor: „Mit der richtigen Überzeugung lässt sich Inklusion auch umsetzen“ gegen „Bevor nicht die Voraussetzungen geschaffen sind …“. Es wurde zunehmend deutlich, wie weit die GEW von einem „geeinten“ Verständnis dieses Sachverhalts entfernt ist und wie viele Zweifel tatsächlich bestanden, wenn es in die Konkretisierung der Grundsatzbeschlüsse ging. Die Debatte, gerade in HV und KoVo, spitzte sich zu und erreichte eine ungewöhnliche Schärfe. Letztlich zog sie sich durch bis zur Vorstellung der Kandidat*innen zum Vorstandsbereich „Schule“ in den Jahren 2013 und 2017 und der anschließenden Debatte darüber.

Initiative Nord

Die Vorsitzenden und Sprecher*innen der fünf Nordlandesverbände regten wiederholt die innergewerkschaftliche Positionsfindung an und legten schließlich ein Papier vor, das auf der Basis der Perspektive von „Einer Schule für Alle“ vier Fragestellungen (Rahmenbedingungen, Entwicklungen in den Bundesländern, innergewerkschaftliche Diskussion, Akzeptanz im öffentlichen Raum) aufwarf und damit die Polarisierung aufzuheben versuchte. Dieses Papier geht über ein erneutes Bekenntnis zur Inklusion hinaus, ermittelt sieben aktuelle Trends, die sich auf den Umsetzungsprozess beziehen und u. a. die Komponenten Ressourcen, Zeit, umfassendes Inklusionsverständnis, wissenschaftliche Unterstützung, inklusive Lernprozesse, Fachkräftemangel und gesellschaftliche Bündnisse ansprechen. Die Autor*innen verbindet die Überzeugung, dass die GEW mindestens zu diesen Aspekten Entscheidungen treffen muss, zumal die 16 Bundesländer sich höchst unterschiedlich und nicht zwingend auf eine „inklusive Praxis“ hin entwickeln.

„… systematische Weiterentwicklung“

Eine Verständigung ist auch nach dem Freiburger Gewerkschaftstag dringend nötig. Der letztlich mit einem großen Willen zum Kompromiss verabschiedete Text bestärkt eher die Überlegungen des Bundesgewerkschaftstages 2013 als dass er die notwendige Weiterentwicklung schafft. Dies mag der Ungleichmäßigkeit der schulpolitischen Entwicklung geschuldet sein. Das Postulieren dieser Aussage hilft uns als Gesamtorganisation aber nicht weiter, und die Spannungen sind unübersehbar. Hinweise aus Bundesländern, in denen vom Wunsch nach Beibehaltung der Förderzentren gesprochen wird, lassen aufhorchen. Dies ist aus Bremer Sicht die falsche Position, allerdings wirft sie ein Licht auf die Diskussion innerhalb unserer Organisation.

Die gesamte GEW ist gefordert und muss in den Diskurs einbezogen werden. Die Erörterung der Inklusion darf nicht das Anliegen und der Gegenstand nur einzelner Fachgruppen sein. Deshalb entstand die Idee, an die Organisationsform der Zukunftswerkstatt anzuknüpfen. Auch die Anlage des Prozesses wird darüber entscheiden, ob es gelingt, die Inklusionsdebatte tatsächlich in die Breite der Organisation zu tragen.

Denn inhaltlich wird dieser Schritt in die Zukunft nicht leicht. Neben der Erörterung von Modellen und der Ermittlung von Ressourcen gibt es mindestens zwei weitere Stränge:

  • Wie gelingt eine konstruktive Anknüpfung an die Auseinandersetzung um „Integration“ der vergangenen Jahrzehnte, zumal auch dabei die Reduzierung der sozialen Ausgrenzung und das Gewinnen von „Chancen“ im Mittelpunkt standen. Das Klima in Bremen und Bremerhaven wäre ohne diese Schulkultur ein anderes und ein Mangel an Geschichtsbewusstsein ist selten hilfreich und
  • Inklusion ist ein gesamtgesellschaftliches Anliegen, immerhin in der Auffassung der GEW, und fordert die Auseinandersetzung mit eben diesen Entwicklungstrends in der Bundesrepublik, deren inklusives Potenzial, wenn es denn vorhanden ist, sich nicht von selber durchsetzen wird.

Neben diesen großen Linien wird sich eine „systematische Weiterentwicklung des gewerkschaftlichen Inklusionsverständnisses“ einigen praktischen Fragen stellen müssen, die von einiger Brisanz zeugen. Nur wenige Beispiele: U. a. geht es um

  • den Wandel der eigenen Tätigkeit, wenn die Sonderpädagog*in in der gesamten Klasse wirkt und die Gymnasialkolleg*in nicht mehr abschult;
  • die Ausrichtung des Unterrichts, die in der Auseinandersetzung um das „kompetenzorientierte Lernen“ und dessen Bezug zur Inklusion steht;
  • die „Last der Umsetzung“, die in den Kollegien angekommen ist. Schnell werden schlechte Arbeitsbedingungen mit „Inklusion“ in Beziehung gesetzt, obwohl sie Ausdruck einer generellen Unterfinanzierung sind. Nur: Unzufriedenheiten befördern keine Schulentwicklung in unserem Sinne.

Der GEW muss es gelingen, eine bundesweit übergreifende Strategie auszugestalten und praktische Konsequenzen zu ziehen. Die Inklusion als Vision auf dem Transparent ist zu wenig. Das Bekenntnis alleine reicht nicht.

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