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Gedanken zu CoronaFrau Merkel hat Recht

In einschlägigen Nachrichtensendungen wurde die Bundeskanzlerin am 20.04.20 mit der Aussage zitiert, sie kritisiere die aktuellen „Öffnungsdiskussionsorgien“, und zwar scharf, vorsichtiges und umsichtiges Vorgehen seien vielmehr das Gebot der Stunde.

23.04.2020

Schon vorher sprach sie von einem fragilen Zustand hinsichtlich der sich langsam reduzierenden Fälle der Corona-Neuinfektionen in Deutschland. Demgegenüber vermitteln meinungs- und wirtschaftlich starke Interessenverbände, von der Metallverarbeitung über das Hotel- und Gaststättengewerbe bis zur Deutschen Fußball Liga eine Stimmung, die notwendige Vorsichtsmaßnahmen problematisiert, denn es gehe schließlich um Existenzen. Jede*r Interviewpartner*in weiß vorzutragen, warum gerade ihre / seine Branche besonders hart getroffen ist. Bei manchen Hinweisen auf die Systemrelevanz kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Mit am Schlimmsten sind die Heuchler der Fußballvereinsvorstände, welche ihre prekär beschäftigten Bratwurstverkäufer*innen jetzt vorschieben.

Für uns Pädagog*innen ist allerdings eine Argumentationslinie besonders bedeutsam:
Damit „die Wirtschaft“ wieder „hochgefahren“ werden kann, geraten Schulen und KiTas immer mehr unter Druck, möglichst schnell  möglichst viele Kinder und Jugendliche wieder aufzunehmen. Dabei ging es in den vergangenen Wochen eigentlich insbesondere um die Gesundheit.
Die Schulschließungen wurden verfügt, um die Ausweitung des Virus´ einzudämmen. Ist dieses Ziel hinreichend erreicht? So ganz genau weiß man das nicht!

Im Mittelpunkt der Debatte muss also die Frage stehen:

Wie müssen KiTas und Schulen vorbereitet werden, damit dort nicht sogenannte „hotspots“ entstehen?

Wir müssen uns dabei vor Augen führen, dass es bei der nunmehr verabredeten „schrittweisen“ Öffnung nur um Abschluss- und Übergangsklassen geht. „Nur“ bedeutet in diesem Falle aber, dass nach und nach insgesamt 2,6 Millionen Schüler*innen in die allgemeinbildenden Schulen zurückkehren. Whiteboards, das kann man mit Gewissheit sagen, werden wenig helfen, wenn in den Räumlichkeiten Waschbecken fehlen. 

Für die GEW gilt: Gesundheit muss weiterhin oberste Priorität haben!

Sie ist der Maßstab dafür, ob überhaupt eine Einrichtung oder Schule geöffnet werden darf. Für diesen Maßstab bedarf es einer Reihe von Kriterien, die erfüllt werden müssen, bevor es wieder losgeht. Einige Beispiele:

  • Jede Schule/Einrichtung hat einen eigenen Hygieneplan und feste, eindeutige Hygieneregeln aufgestellt;
  • innerhalb jeder Schule/Einrichtung  sind alle Mitarbeiter*innen über die Sachlage und Schutzbestimmungen informiert, Risiko- bzw. Personengruppen sind definiert, identifiziert  sowie notwendige Maßnahmen zu deren besonderem Schutz vollzogen;
  • Reinigung und Infektionsschutz sind zu jeder Zeit gewährleistet: warmes Wasser, Seife, Desinfektionsmittel, Einmalhandtücher und Schutzmasken sind in ausreichender Zahl vorhanden;
  • die gründliche, engmaschige Reinigung aller Räumlichkeiten ist gewährleistet, insbesondere die der Toiletten;
  • als „Checkliste“ gilt der SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, relevante Stichworte sind u.a. die Arbeitsplatzgestaltung, Lüftung, Dienstreisen und Meetings, Sicherstellung ausreichender Schutzabstände, Arbeitszeit- und Pausengestaltung, aktive Kommunikation sowie psychische Belastung.

Alles in allem geht es darum, dass die hygienischen Verhältnisse in den Einrichtungen nachhaltig so verbessert werden müssen, dass ein effektiver Infektionsschutz gegeben ist. Dies gilt im Übrigen schon jetzt im Rahmen der stattfindenden „Notbetreuung“.
Der Sanierungsstau der Öffentlichen Hand, das wird in dieser Krise deutlich, zeigt sich an vielen Stellen, eben auch in den Schulgebäuden.

 Kinder wollen aber rennen ...

und vor allem die Jüngsten haben gerade gelernt, wie sinnvoll es ist, mit dem Partner und in der Gruppe zusammen zu arbeiten. Natürlich kneift sich der Corona-Gesundheitsschutz mit anderen für das Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen hilfreichen Maßnahmen. 
Selbstverständlich gibt es viele junge Menschen, deren Wohnverhältnisse beengt sind, die eine Migration hinter sich haben oder keinen geeigneten Zugang zum Onlinelernen besitzen. Ihnen ist unbedingt zu helfen.

 Aber wenn das alles so wichtig ist, dann müssen die Bedingungen erst recht stimmen: 

Die Wiedereröffnung der Schulen und KiTas  ist eine Gratwanderung, die nur gelingt,  wenn die Regeln eingehalten werden. Abstände müssen gewahrt bleiben, in der Eingangstür, im Flur, im Klassenraum und während der Lernaktivitäten. (Vergl. RKI zu Wiedereröffnung von Bildungseinrichtungen)

Am 29.04. spricht die KMK

An diesem Tag, so ist es verkündet, äußern sich die Kultusminister*innen zur Gestaltung der sukzessiven Öffnung. Sie wollen entsprechende Szenarien vorlegen. Die Bundes-GEW weist in einem Schreiben an die Präsidentin der KMK darauf hin, dass eine Einbeziehung der Erfahrungen von Lehrkräften und Eltern bei deren Erarbeitung dringend geboten ist, um tragfähige und realitätsnahe Lösungen zu finden. Dies gilt umso mehr für die kommunale Ebene.

Dabei betont die GEW in dem Brief die zeitliche Enge im Handeln der Kultusminister*innen. Das Datum für die Vorlage ihrer Ergebnisse sei nicht mit einer angemessenen Vorbereitungszeit der Schulen vereinbar.

Als Anlass für das Tempo werden stetig der verpasste „Stoff“ und die anstehenden Abschlussprüfungen genannt. Selten nur reicht es für den Hinweis, dass Vorleistungen schon immer in Abschlüsse eingegangen sind und ein Prüfungsverzicht nur dem Agieren anderer Länder folgen würde, wie beispielsweise den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich, Spanien und Portugal.

Auch mag eine Erinnerung an die Vergangenheit ein wenig zur Beruhigung beitragen.

Jahrzehntelang gab es keine Abschlussprüfungen in den damaligen Haupt- und Realschulbildungsgängen und auch diese Generationen haben ihren Weg in Beruf und Gesellschaft gefunden. Mitte der 60-er Jahre des letzten Jahrhunderts absolvierte zudem ca. ein Dutzend Jahrgänge die so genannten Kurzschuljahre: In 15 Kalendermonaten waren die Inhalte von zwei Schuljahren zu schaffen. Dies betrifft im Übrigen den Personenkreis, der jetzt das Ende seines Berufslebens erreicht und gerade an einigen der im Moment  wichtigen Entscheidungsstellen sitzt.
Hat also trotz der verlorenen Monate einigermaßen geklappt.

Die GEW schlägt deshalb vor, auf Prüfungen zu verzichten und Noten aufgrund bisher erbrachter Leistungen zu vergeben.

Was hat das mit dem 1. Mai zu tun?

Die Kundgebungen fallen aus – einzigartig in der Geschichte der Bundesrepublik. Der DGB behilft sich mit „Countdown-Flugblättern“.
Auf dem Blatt Nr. 3 der Region Bremen-Elbe-Weser schreibt Rudolf Hickel, dass der Infektionssumpf Neoliberalismus trockengelegt gehöre und die Gesellschaft nun das brauche, was ihr die neoliberale Profitorientierung und Egozentriertheit zu entziehen versucht hat, nämlich Solidarität! Diesen Gedanken wollen wir gerne aufnehmen, wenngleich der momentan ständige Gebrauch des Solidaritätsbegriffes uns doch gelegentlich aufschrecken lässt.

Weiterhin hat Frau Merkel Recht: Vorsicht ist geboten!

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