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Flüchtlingsbeschulung und die vielen Fragezeichen

Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Bremen, darunter natürlich auch viele schulpflichtige Kinder. Den Schulen, Lehrkräften, Eltern und Mitbestimmungsgremien können keine verlässlichen Zahlen oder konkrete Planungen vorgelegt werden. Die Vorkurslehrkräfte in Bremen müssen oft improvisieren.

16.09.2015

Die Organisation der Flüchtlingsbeschulung wird für die Bildungsbehörde zu einem immer größeren Problem. Zu Schuljahresbeginn hat Bildungssenatorin Claudia Bogedan die Einstellung von 75 zusätzlichen Lehrkräften für Vorkurse angekündigt. Schon zwei Wochen später teilte die Behörde mit: Die Zahlen sind überholt. Fast gleichzeitig wurde gemeldet: Allein für den Bereich der berufsbildenden Schulen sollen noch in diesem Jahr 60 neue Vorkurse eingerichtet werden. Dazu werden aber qualifizierte Lehrkräfte und ausreichend Unterrichtsräume gebraucht. Die Umsetzung ist genauso ungewiss wie eine ausreichende Finanzierung der dringend notwendigen Maßnahmen. Gewiss dagegen ist, dass die Arbeit für die Organisatoren und Planer im Rembertiring bis auf weiteres turbulent bleiben wird, denn die Anzahl schulpflichtiger Kinder und Jugendlicher, die nach Deutschland flüchten, steigt unvermindert an. Nach Berechnungen der GEW Bremen müssen für etwa 3600 schulpflichtige Flüchtlinge, die in diesem Jahr erwartet werden, umgehend nicht nur die 80 geplanten, sondern zusätzliche 90 Vorkurse eingerichtet werden. Und dafür werden mindestens 150 neue Lehrkräfte gebraucht. Gewerkschaft und Personalrat Schulen haben deshalb darauf hingewiesen, dass eine unzureichende Personalausstattung bei der Flüchtlingsbeschulung die Gesamtsituation an Bremer Schulen weiter verschlechtern würde. Denn nach einem Jahr Vorkurs sollen die Flüchtlingsschüler in den Regelklassen weiter unterrichtet werden.

Kritik kommt auch vom Verein Fluchtraum Bremen. »Für viele unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (umF) endet mit 18 Jahren die Schulpflicht. Sie können oft nicht richtig Fuß fassen, wenn dann die Fördermaßnahmen enden«, sagt Mitarbeiterin Bettina Grotjahn. Sie wünscht sich ein Bildungs- und Förderkonzept für die Zeit nach der Schule.

Die Schulen, an denen bereits Vorkurse eingerichtet sind, müssen häufig improvisieren. An der Oberschule Findorff werden seit November 2013 Flüchtlingskinder unterrichtet. »Wir haben einen Besprechungsraum freigeräumt und hatten so einen Klassenraum. Unsere Vorkursleiterin Mariam Leithe-Alkhazan hat SchülerInnen im Alter von zehn bis 16 Jahren, darunter auch Analphabeten. Einen Alphabetisierungskurs gibt es aber bei uns im Stadtteil nicht. Sie muss deshalb stark differenzieren, um allen gerecht zu werden«, sagt Johanna Boomgaarden, Leiterin des Zentrums für unterstützende Pädagogik (ZuP). Sie ist froh, dass die Islamwissenschaftlerin mit Migrationserfahrung an ihrer Schule ist. »Sie ist sehr flexibel, macht viel Projektarbeit und ist zu den Schülerinnen und Schülern wie eine zweite Mutter.«

Ihre wissbegierigen VorkursschülerInnen – viele kommen aus Syrien und Osteuropa – haben schon im Altersheim gelesen, Interviews in der Schule geführt und den Film »Mein 1. Jahr in Deutschland« produziert.

Leithe-Alkhazan hat einen Vertrag bei der Stadtteilschule, aber keine Chance auf eine unbefristete Anstellung bei der Bildungssenatorin, da sie keine ausgebildete Lehrerin ist. Der Unterricht in ihrer Klasse mit sehr unterschiedlichem Bildungsniveau macht ihr Spaß, aber er ist oft auch nicht einfach. »Das eine Jahr bis zum vorgeschriebenen Wechsel in die Regelklasse ist meistens viel zu kurz. Das schaffen nur die Leistungsstärkeren.« Die Bildungslücken bei vielen ihrer Kinder seien nicht annäherend
zu schließen, sagt die engagierte Vorkursleiterin. »Einige können bald den Mittleren Schulabschluss schaffen, andere können überhaupt nicht lesen und schreiben.« Bevor der Unterricht und das Deutschlernen starten kann, muss ich häufig erstmal intensiv Beziehungsarbeit leisten.« Ähnliche Erfahrungen hat auch die Wilhelm-Kaisen-Oberschule in Bremen-Huckelriede mit Vorkursen gemacht. ZuP-Leiterin Helene Brandt-Bogert betont, dass in der Flüchtlingsklasse sehr stark differenziert werden muss. »Wenn wir zwei Vorkurse hätten, wäre das ein bisschen einfacher.« Sie kritisiert auch das zu geringe Angebot. »20 Stunden in der Woche sind zu wenig. Und ein Jahr ist zu kurz. Viele Flüchtlingskinder schaffen den Wechsel in die Regelklasse nicht. Beim Übergang besteht häufig eine Hemmschwelle.« Brandt-Bogert wünscht sich deshalb eine zusätzliche Begleitung für betroffene Vorkurs-SchülerInnen.

 

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