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BildungsreiseFelix Austria?

Österreichisches Schulsystem geschnuppert

 

16.11.2019 - Dorothea Schulz

Wie jedes Jahr in der ersten Herbstferienwoche von Hamburg und Schleswig-Holstein fuhr eine GEW-Gruppe unter Leitung unseres Bildungsreferenten, Frank Hasenbein, für eine Woche in ein europäisches Land, um das dortige Schulsystem und die dortige Schwestergewerkschaft kennen zu lernen. Dieses Jahr ging es nach Österreich. Die dortige Lehrergewerkschaft hatte ein vielseitiges und interessantes Programm organisiert.

 

In Österreich gilt eine neunjährige Schulpflicht. Nach dem 8. Schuljahr können die Schüler*innen der Neuen Mittelschule bzw. Unterstufe des Gymnasiums sich für vier Schularten entscheiden: einjährige Polytechnische Schule (berufliche Orientierung mit Praktika) und anschließender Berufsausbildung im dualen System, Oberstufe des Gymnasiums (9. - 12. Klasse), fünf Jahre Berufsbildende Höhere Schule (Gymnasium einschließlich einer Berufsausbildung) und vier Jahre eine Berufsbildende Mittlere Schule (Fach- oder Handelsschule).

 

Wir besuchten u. a. zum Schulverbund Föhrenwald der Wiener Neustadt. Dieses umfasst eine Landessonderschule für Kinder mit Körper- und weiteren Behinderungen und eine Volksschule (1.-4. Klasse) mit integrativen Mehrstufenklassen und Schwerpunkten im Bereich Ökologie und Bewegung.  Die Vollzeitstelle einer Lehrkraft umfasst 24 Unterrichtsstunden, wobei zwei Stunden für Sonderaufgaben genutzt werden. Die Schüler*in-Lehrer*in-Relation scheint etwas günstiger als bei uns zu sein. Problem dort ist, dass einige Jahre keine Sonderpädagog*innen ausgebildet wurden. Nach einer allgemeinen Reform ist die Lehrkräfteausbildung momentan für alle Schulstufen sehr theoretisch.

 

Dann besuchten wir die Polytechnische Schule der Wiener Neustadt mit Ausrichtung Metall. Das pädagogische Personal besteht überwiegend aus Personen mit fachpraktischer Berufsausbildung, die pädagogisch fortgebildet wurden und Sozialpädagog*innnen. Ähnlich wie in Deutschland ist die Tendenz zu höheren Abschlüssen zu verzeichnen. Auch konnten wir eine Berufsschule und eine Berufsbildende Höhere Schule in Neuenkirchen kennen lernen. Die erste hatte die Fachrichtung Technik mit vielen Werkstätten und z.T. durch die Wirtschaft finanzierte Maschinen, z.B. Industrieroboter, Laserschweißgeräte etc. In Österreich gilt, dass auch die fachpraktische Ausbildung in der Schule stattfindet, damit alle die gleiche Ausbildung erhalten, egal wo sie ihre Ausbildungsplätze haben. Auch hier arbeiten vor allem Personen, die im ersten Beruf eine praktische Ausbildung haben. Der Fachkräftemangel beginnt sich ebenfalls in Österreich bemerkbar zu machen.

 

In der Berufsbildenden Höheren Schule, Bereich Handelsschule erwerben die Schüler*innen neben dem Abitur auch ein Diplom, das europaweit anerkannt ist. In Wien besuchten wir eine Berufsbildende Höhere Schule; Bereich Tourismus. Neben 36 – 38 Stunden Regelunterricht können weiteren Fremdsprachen (zwei sind Pflicht) erlernt werden. Praxisstunden werden während der Schulzeit und in den Ferien gesammelt, also weit mehr als eine 40-Stunden-Woche. 

 

Zum Abschluss trafen wir Romana Beckenbacher, die stellvertretende Vorsitzende des GÖD (vergleichbar mit dem DGB), die aus dem Bildungsbereich kommt. Nach einer Reform gibt es kaum noch verbeamtete Lehrkräfte sondern Vertragsbedienstete. Das Rentenalter ist niedriger als bei uns und die Frauen können bereits mit 60 Jahren gehen. Dies soll jedoch dem der Männer angeglichen werden (65 Jahre). Das Einkommen ist etwas niedriger, Überstunden werden jedoch bezahlt. Ein neueres Problem ist die „Flucht“ aus Wien, da die Lebenshaltungskosten zu hoch sind. Der Organisationsgrad ist vergleichsweise hoch, zwischen 50 und 70 Prozent. Sie agieren sozial partnerschaftlich und verhandeln so lange, bis ein für beide Seiten verträgliches Ergebnis erreicht wird. Streiken ist sehr selten. Der letzte Lehrerstreik war 2009, als die Regierung die Lehrerarbeitszeit erhöhen wollte. Die Lehrkräfte konnten sich durchsetzen.

 

Nach vielen Eindrücken und Informationen über die österreichische Schullandschaft konnten wir am letzten Tag Wien intensiver erkunden. Es war eine beeindruckende Reise unter sehr guter Leitung von Frank in einer interessanten, fröhlichen Gruppe. Danke allen Verantwortlichen. Übrigens: Nächstes Jahr soll es nach Irland gehen. Siehe das Bildungsprogramm der GEW, das im neuen Jahr herauskommt.