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Essen, Lernen, Spielen.

„Thank you Lord for giving nice food“ wird von 35 Kindern laut und hingebungsvoll gesungen. Anschließend beginnt die ruhigste Phase des Tages: Das Mittagessen wird um halb zwei serviert und normalerweise vollständig aufgegessen. Häufig ist es Milli Papp, ein aus Maismehl hergestellter Brei, der mit einer Gemüsesauce serviert wird. Für einige Kinder ist es die erste Mahlzeit des Tages und wird auch die einzige bleiben. Die Kinder sind seit 6 Uhr auf den Beinen und seit 7 in der Schule gewesen.

16.07.2011 - Fördern in Usakos, Namibia | von Werner Bojert

Das Projekt Usakos Needy Children Support Organisation (UNCSO) wurde vor 8 Jahren von Marianne und Izak Izaaks gegründet. Es kümmert sich um die ärmsten der armen Kinder aus dem ehemaligen township Hakhaseb, vor den Toren der kleinen Stadt Usakos. Zunächst waren es nur fünf Kinder, die in den Privaträumen der Izaaks mit Essen, Hausaufgabenhilfe und Freizeitgestaltung versorgt wurden. In den Jahren wurde die Zahl der Kinder, die von den Lehrern aufgrund ihrer äußerst armen Verhältnisse vorgeschlagen wurden, größer und die Privaträume der Izaaks reichten bei weitem nicht mehr aus. UNCSO zog in einen leerstehenden Klassenraum der Elifas Goseb Primary School um. Die Folge war die Einstellung einer Kraft, die für das Essen und die Reinigung zuständig ist. Inzwischen kann das Projekt drei Klassenräume nutzen.
Mit der Zunahme der Kinderzahl ging natürlich auch eine Erhöhung der finanziellen Aufwendungen einher. Das Essen muss besorgt werden, die geringe Raummiete muss bezahlt werden. Schulkleidung ist Pflicht, kann aber von den Familien häufig nur unter enormen Schwierigkeiten gekauft werden, sodass das Projekt auch für die Schulkleidung und das Schulgeld aufkommt. Wie notwendig das ist erkennt man daran, dass Kinder in dem Projekt sind, deren vier- oder fünfköpfige Familien von 500 namibischen Dollar einen Monat lang leben müssen. Das entspricht etwa 50 €. Selbst in Namibia ist das zum Leben bei weitem zu wenig und so ist das Projekt von Spenden jeglicher Art abhängig. Durch Geldspenden werden die laufenden Ausgaben bestritten. Sachspenden wie Kleidung für die Kinder, Bücher und Material für die study time und Spiele für die Freizeitgestaltung sind ebenfalls sehr willkommen.

Die shacks (Wellblechhütten) bieten immer noch Wohnraum für einen großen Teil der Bewohner Hakhasebs. Ohne Anbindung an die öffentliche Strom- und Wasserversorgung findet das Leben auf äußerst bescheidenem materiellen Niveau statt. Gegen eine monatliche Gebühr von 30 N$ kann sich eine Familie mit Wasser versorgen, das von einer Wasserentnahmestelle geholt werden muss. Einige shacks haben als Stromversorger eine Batterie und so sieht und hört man in einigen Wellblechhütten Fernsehapparate, Ausdruck bescheidenen Wohlstands an der oberen Grenze der Armut.
Ziel der namibischen Regierung ist die vollständige Ersetzung der shacks durch kleine Steinhäuser bis 2030. Der Staat stellt den Familien Baumaterial in Form eines zinsgünstigen Kredits zur Verfügung, der in monatlichen Raten von 200 N$ zurückgezahlt werden muss. Selbst unter diesen guten Bedingungen sind die Kosten für viele Familien zu hoch. Ohne Job ist das nicht zu leisten. Die Arbeitslosigkeit liegt (landesweit) bei 50%. Ein Blick in die Zukunft erscheint also recht aussichtslos und solch ein Steinhaus ist eben diese Zukunft. Die dramatisch hohe Aids-Rate von mehr als 35% tut ein Übriges, den Blick auf die Gegenwart und nicht in die Zukunft zu richten. Die einzig realistische Zukunftsperspektive für junge Leute ist die Bildung.
In der Elifas Goseb Primary School werden die Kinder von der ersten bis zur siebten Klasse unterrichtet. In jeder Klasse sitzen 45 bis 50 Kinder. Auf den ersten Blick überraschend handelt es sich bei Namibia mit seinen nur 2,5 Millionen Einwohnern um einen Vielvölkerstaat, in dem zehn verschiedene Sprachen gesprochen werden. In der Schulpolitik muss dem Rechnung getragen werden. So wird an der Elifas Goseb in drei Sprachen unterrichtet: Englisch, Afrikaans und Khoi Khoi. Englisch ist seit der Unabhängigkeit Namibias 1989 die erste Amtssprache, Afrikaans wird von einem Großteil der Bevölkerung als Überbleibsel der südafrikanischen Besatzung gesprochen und Khoi Khoi ist eine der Sprachen mit 4 Klicklauten, an denen sich Europäer die Zunge brechen können. Die Schule ist also in jedem Jahrgang mindestens dreizügig was manchmal zu absurden schulbehördlichen Entscheidungen führt. Die Zwillinge Chaminda und Cherolda sind in unterschiedlichen Klassen. Chaminda in der Khoi Khoi, Cherolda in der Afrikaans. Außer Zahlen – die Klassen sollen gleich groß sein – gibt es hierfür keine Begründung. Da die Eltern tot sind, war von der Seite der Erziehungsberechtigten kein Widerstand zu erwarten. So sieht man, dass die Denkstruktur in Behörden international ist.
Mit sieben Jahren beginnt die Schulpflicht in Namibia und endet mit dem Abschluss der 10ten Klasse der secondary school. Die Kinder in der UNCSO sind dementsprechend zwischen 7 und 15 Jahre alt. Der Zusammenhang zwischen sozialem Status und Bildung wird in dem Projekt sehr deutlich. Wird die Notwendigkeit zur Schule zu gehen noch eingesehen - schließlich ist es Pflicht - ist es sehr schwierig, die Kinder davon zu überzeugen, auch die Hausaufgaben zu machen, um den schulischen Anforderungen gerecht werden zu können. Wenn die Eltern noch leben, fehlt auch ihnen häufig die Einsicht in diese Notwendigkeit. Viele der Kinder im Projekt sind allerdings Halbwaisen und Waisen. Diese leben bei Großeltern, großen Geschwistern oder Tanten. Für die Kinder ist es gut so aufgefangen zu werden, allerdings erweisen sich ihre Erziehungsberechtigten oft als überfordert.
Tatsächlich arbeiten die meisten Schüler lieber an den Aufgaben, die die Volunteers stellen, als an Hausaufgaben. Nach dem Essen beginnt etwa um 2 Uhr die study time. Eine Stunde täglich ist Pflicht. Entweder werden die Hausaufgaben gemacht oder die Volunteers geben den Kindern individuell abgestimmte Übungen. Vor allem Mathe ist ein durchgehendes Problem. Grundschullehrer wird es wahrscheinlich nicht überraschen, dass das Dezimalsystem für einige ein riesiges Hindernis darstellt. Es gibt Schüler in der 4. oder 5. Klasse, die kaum die Zahlen benennen können und dementsprechend keine Möglichkeiten haben, die Grundrechenarten zu beherrschen. Ellen kann weder lesen noch schreiben oder rechnen. Sie kann Buchstaben und Zahlen nicht benennen, kann also mit Fug und Recht als Analphabetin bezeichnet werden. Trotzdem ist sie in die 6. Klasse durchgerutscht. Bei UNCSO ist für Ellen eine Alphabetisierung in Gang gesetzt worden. Bis zu den Zwischenzeugnissen im Juni sollte sie die Buchstaben benennen können und es ist das Ziel, dass sie bis Ende des Jahres einfache Sätze lesen kann. Bei nahezu 50 Schülern in der Klasse wird Ellen nicht der einzige Fall sein, für individuelle Förderung fehlen der Schule personelle und materielle Ressourcen.

Im UNCSO-Projekt sind die personellen Möglichkeiten vorhanden. Zumindest bedingt. In der Regel sind die Volunteers jung, weiblich, aus Deutschland, unerfahren und für drei Monate im Projekt. Dreimal im Jahr müssen sich also die Kinder auf neue Personen einstellen. Eine nachhaltige Förderung wird somit natürlich sehr erschwert. Damit die Übergänge mit möglichst geringen Reibungsverlusten über die Bühne gehen, wird gerade ein Berichtssystem entwickelt, aus dem die individuellen Probleme und Fördernotwendigkeiten der Kinder ersichtlich werden.
Neben dem Lernen wird großer Wert auf sinnvolle Freizeitgestaltung gelegt. Handarbeiten, Basteln, Sport, Tanzen, Singen. Auch die wenigen, die sich erfolgreich der study time entziehen, sind spätestens zur Freizeitgestaltung wieder zurück. Alle machen mit. Jungs stricken, Mädchen spielen Fußball und alle ohne Ausnahme singen gerne, laut und richtig. Hier bestätigt sich endlich ein Vorurteil, sie können es einfach. Man muss ihnen keine Lieder beibringen, sie singen einfach mit. Mehrstimmigkeit? Kein Problem, sie singen einfach mehrstimmig. Welche Lieder? Alle. Und auch wenn offiziell um 4 Uhr nachmittags UNCSO seine Pforten schließt, schaffen es die Kinder regelmäßig das Ende bis 5 hinauszuzögern. Dann muss Schluss sein, denn der einzige Supermarkt schließt um 6.

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