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„Erst drei haben eine Lehrvertrag unterschrieben“

Gespräch mit einem Vater aus einer Sekundarschulklasse

16.06.2012

Carsten, dein Sohn wird doch dieses Jahr auch die Schule verlassen. Hat er schon eine Lehrstelle gefunden?
Carsten: Ja, mein Sohn Sascha hat gerade die Abschlussprüfungen für die erweiterte Berufsbildungreife an unserer Oberschule absolviert. Ab August wollte er gerne eine Lehrstelle beginnen, aber bis jetzt Mitte Juni hat er keinen Ausbildungsplatz bekommen.

In der Zeitung ist zu lesen, dass es eine vergleichsweise hohe Zahl von Lehrstellen gibt. Ist dein Sohn von der Schule schlecht auf das Berufsleben vorbereitet worden?
Carsten: Sascha geht jetzt in eine 10.Sekundarschulklasse an unserer Oberschule. Wir sind mit der Berufs-Vorbereitung der Schule bzw. der Klassenlehrerin sehr zufrieden. Schon in der 8.Klasse hat die ganze Klasse eine Werkstattphase in der Berufsschule an der Schongauer Straße absolviert. Hier haben sie sich einen ganzen Tag in der Woche mit den verschiedenen Berufen im Holz- und Metallbereich auseinander gesetzt.

Setzte sich diese Berufsfindung in den beiden letzten Jahren fort?
Carsten: Im Jahre 2010 schloss sich ein 3-wöchiges Betriebspraktikum für alle an. Sascha hat dabei den Beruf des Tischlers ausprobiert. Dies waren für ihn sicherlich harte Wochen. Mit seinen 14 Jahren musste er jeden Tag früh aufstehen und körperlich arbeiten. Er hat aber sehr viel gelernt, nicht nur Inhalte dieses Berufes, sondern auch die Betriebsregeln und die sozialen Anforderungen.

Hatte die Schule dabei ein Konzept oder war dies die Initiative der Klassenlehrerin?
Carsten: Dies war das Konzept der Klassenlehrerinnen der Sekundarschulklassen und wurde von der Schulleitung unterstützt. Auch die Elternvertreter der Klassen haben dies sehr unterstützt. Auf Initiative der Klassenlehrerinnen konnten die Schüler vorletztes Jahr ein Praktikum in der überbetrieblichen Ausbildungsstätte Bau ABC Rostrup in Bad Zwischenahn machen. Dies wurde vom Bauverband bezahlt und die Schüler wurden sogar 2 Wochen mit dem Bus abgeholt und zurückgebracht.

Was war dabei das Konzept der Schule?
Carsten: Das ausgearbeitete Konzept der Schule ist, jedes Jahr ab Klasse 8 Zeit zu reservieren für ein mehrwöchiges Betriebspraktikum, welches die Schüler sich selbst suchen müssen. Unterstützt wird dies mit Besuchen auf Ausbildungsmessen, in berufsbildenden Schulen und Beratungen durch das Arbeitsamt. Auch mussten die Jugendlichen Berichte verfassen und diese in der Klasse vorstellen.

Dein Sohn hat also auch dieses und letztes Jahr Praktika absolviert?
Carsten: Ja, mein Sohn hat in 2011 und auch dieses Jahr ein zweiwöchiges Betriebspraktikum absolviert. Zusätzlich hat mein Sohn in den Herbstferien letztes Jahr an einem Berufsorientierungscamp der WABEQ teilgenommen.

Der Lebenslauf deines 16-jährigen Sohnes ist ja schon richtig mit Betriebserfahrungen gefüllt. Warum bekommt er doch keine Lehrstelle?
Carsten: Es scheint ja so zu sein, dass es derzeit mehr Ausbildungsplätze als üblich gibt. Aber diese müssen auch auf meinen Sohn mit seinem Abschluss passen. In den vielen Praktika hatte er eine Negativ-Auswahl bei den Berufen getroffen und sich dann auf Ausbildungsstellen im Bereich Holz und Gartenbau konzentriert. Hier gibt es aber nun nicht sehr viele Stellen. Hinzu kommt, dass viele auch für ihn interessante Berufe mindestens Realschulabschluss voraussetzen.

Wie viele Bewerbungen hat er bisher geschrieben?
Carsten: Mein Sohn hat sich ab den Herbstferien letzten Jahres auf 13 Ausbildungsstellen beworben, hatte 5 Vorstellungsgespräche, aber bisher keinen Erfolg. Die Stellen sind z.T. im Bremer Umland bis Worpswede und Syke, wohin die Busverbindungen natürlich sehr schlecht sind. Gleichzeitig hatte er sich auf Hinweis der Lehrerin bei der Berufsfachschule an der Alvin-Lonke-Straße angemeldet.

Was sind seine Erfahrungen mit den Betrieben?
Carsten: Die Erfahrungen sind teilweise nicht gut. Es wird für Dachdecker- und Gärtnerstellen ein Realschulabschluss gefordert. Die Betriebe melden sich nicht und erst nach mehreren Telefonaten, bestätigen sie eine Absage, mit dem Hinweis, dass die Bewerbungsunterlagen vernichtet wurden. Klar ist, dass sich für den Holz- und Gartenbaubereich auch Realschüler und Gymnasiasten bewerben, die Konkurrenz ist entsprechend groß.

Wie geht es mit deinem Sohn nun weiter?
Carsten: Unser Sohn und wir als Eltern haben beschlossen, dass er die Lehrstellensuche abbricht und sich auf die Berufsfachschule, wo er eine Zusage bekommen hat, konzentriert. Hier kann er im Holzbereich weitere Erfahrungen sammeln und auch den Realschulabschluss nachmachen. Dies wird seine Chancen verbessern und ihm auch weitere Berufsfelder erschließen.

Die berufsbildenden Schulen stehen derzeit unter massivem Kostendruck und der Bereich soll verkleinert werden. Was ist deine Meinung dazu?
Carsten: Ich finde dies sehr schlecht, denn für meinen Sohn ist diese Lösung das richtige Übergangssystem. Trotz sehr guter Vorbereitung der Schule gibt es für die Schüler oft nicht die richtige Lehrstelle. Meines Wissens haben aus Saschas Klasse zum jetzigen Zeitpunkt erst 3 Schüler/innen einen Lehrvertrag unterschrieben. Gerade für die Schüler mit Berufsbildungreife ist der Lehrstellenmarkt begrenzt, wenn sie nicht „irgendwas“ lernen wollen.

Die Fragen stellte Michael Graf-Jahnke

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