GEW Bremen
Du bist hier:

„Er brauchte Brot, Benzin und Zigaretten“

Heinrich Böll wäre am 21. Dezember 100 Jahre alt geworden. Sein Sohn Rene berichtet für die BLZ über seinen berühmten Vater und Literaturnobelpreisträger.

16.12.2017

Heinrich Böll (1917-1985) gehört zu den bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellern der Nachkriegszeit. Romane wie „Ansichten eines Clowns“ oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ waren Bestseller. Die Bremer Heinrich-Böll-Stiftung erinnert an ihn in mehreren Veranstaltungen. Sein Sohn René Böll wurde 1948 in Köln als dritter Sohn von Heinrich und Annemarie Böll geboren. Er ist bildender Künstler, Verleger und Verwalter des Heinrich-Böll-Nachlasses.

Rene Böll über…

die Bedeutung des Jubiläumsjahres.
Ich merke immer mehr, wie früh mein Vater gestorben ist – schon mit 67. Nicht so alt, wie ich jetzt schon bin. Ich glaube, dass er für Jugendliche heute eine historische Persönlichkeit ist, zu der sie relativ wenig Beziehung haben. Obwohl ich denke, dass er ihnen viel zu sagen hätte – gerade in Bezug auf Freiheit, auf Unabhängigkeit.

… nötige Erinnerungen im Jubiläumsjahr.
Sein literarisches Werk ist das Entscheidende. Mein Vater hat ja auch viel als Publizist und als Redner gewirkt. Doch das Wesentliche ist die Literatur.

… Bleibendes von den Büchern des Vaters.
Ich denke, dass der Roman „Fürsorgliche Belagerung“ immer noch nicht richtig erkannt worden ist. Bei seinem Erscheinen ist er von der Kritik schlecht besprochen worden. Da spielten sicher auch politische Gründe eine Rolle. „Frauen vor Flusslandschaften“ ist ebenfalls noch zu entdecken. Das gilt generell für die Romane. Marcel Reich-Ranicki hat mal, was mich immer noch ärgert, sehr herablassend geschrieben: Es gebe in diesem Werk ein paar schöne Kurzgeschichten, aber den Rest könne man mehr oder weniger vergessen. Schwachsinn.

… seinen Vater und die heutige politisch-gesellschaftliche Situation.
Er hat uns beigebracht, selbstständig, unabhängig zu denken und nicht auf andere zu hören. Aber natürlich wäre ihm vieles fremd, gerade die AfD und diese ganze Neonazi-Bewegung, das ist klar. So ein Mann wie Trump wäre ihm ein Horror gewesen.

das Werk seines Vaters und die aktuelle Wirkung
Es ist Weltliteratur. Es bleibt aktuell. Es hat eigentlich mit Politik wenig zu tun. Er wird immer sehr als Politiker gesehen, gerade in der Stiftung. Das finde ich falsch. Er wird auch ein bisschen benutzt, finde ich, plakativ benutzt.

seinen Wunsch, wie Heinrich Böll heute wahrgenommen werden soll.
Als Künstler. Natürlich auch als jemand, der sich eingemischt hat, der viel riskiert hat – politisch und persönlich. Er hat einmal zusammen mit meiner Mutter eine Frau aus der Tschechoslowakei geschmuggelt. Wir haben sehr viele Manuskripte aus der DDR oder aus Russland oder Geld hin- und hergebracht oder Briefe. Das war für ihn und uns selbstverständlich.

… harte Winter, Not und Elend.

Brot war immer von entscheidender Bedeutung für uns. Meine Eltern haben – wie viele ihrer Generation – Essen nie wegschmeißen wollen. So etwas vererbt sich natürlich. Butter war wichtig, Zigaretten natürlich. Und Benzin fürs Auto. Um beweglich zu bleiben und wegfahren zu können. Mein Vater ist ja auch oft umgezogen, mein Großvater ebenso, ich glaube sechs oder sieben Mal.

… die häufigen Wohnungswechsel der Familie Böll.
Mein Vater sagte dann immer: Das Arbeitszimmer ist verbraucht. Dann wollte er ein neues Ambiente haben. Er hatte zeitweise ein Zimmer in der Stadt angemietet, wohin er sich zum Arbeiten zurückziehen konnte und seine Ruhe hatte.

… die katholische Prägung in der Familie.
Wir wurden zwar katholisch erzogen, aber das war alles sehr liberal. All diese bürgerlichen Sachen waren meinem Vater eher unwichtig – auch die Schule.

… das gemeinsame Erleben des „Prager Frühlings“ 1968.
Das war dramatisch. Wir waren dort auf Einladung des Schriftstellerverbandes. In der Nacht nach unserer Ankunft hörten wir über uns die Militärflugzeuge und in den Straßen die Panzer. Wir wohnten am Wenzelsplatz, mitten im Geschehen. Dann sind wir auch mal an den Stadtrand gefahren, um Ostdeutsche zu treffen, fanden aber keine. Mein Vater hat noch ein paar illegale Radiointerviews gegeben. Ich selbst bin beschossen worden, als der Rundfunk gestürmt wurde und ich das beobachtete.

… den „Deutschen Herbst“ 1977 und die Verdächtigungen gegen seinen Vater.

Die Polizei ist gezielt in unsere Wohnung eingebrochen. Angeblich hat sie den ganzen Häuserblock durchsucht, aber das stimmt nicht. Die haben eine Leiter genommen und die Scheibe zu unserer Wohnung im ersten Stock eingeschlagen.

… Unveröffentlichtes.
Der Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann wird 2018 herausgegeben. Da geht es um literarische Debatten unter Kollegen. Wir haben Ingeborg Bachmann, als sie mit Max Frisch in Rom lebte, einmal besucht. Aber für meinen Vater war Rom nichts. Das war ihm viel zu heiß.

(Antworten aus Interviews mit dem Kölner Stadtanzeiger und den Norddeutschen Neuesten Nachrichten)

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „100 Jahre Heinrich Böll“ zeigt das Kino City46, Birkenstraße 1, den Film „Das Brot der frühen Jahre“, 1962, 89 Min. am Fr. 15.12. (18 Uhr) und Di. 19.12. (20:30 Uhr). Am Do. 21.12. (19 Uhr) gibt es dort einen bunten Abend „Happy Birthday Heinrich Böll!“ Filmausschnitte, Lesungen, Überraschungen.

Zurück