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England: Leistungstests bei Vierjährigen

Erlebt England eine Variante Orwellscher Gesellschaftsutopie? Am Rande des ‚International Summit on the Teaching Profession‘ Anfang März in Berlin hatte die GEW Gelegenheit, mit Christine Blower, der Präsidentin des Dachverbands europäischer Bildungsgewerkschaften (EGBW) und Vorsitzenden der größten Bildungsgewerkschaft Englands, der National Union of Teachers (NUT), über die neuesten Entwicklungen der Testeritis im englischen Schulwesen zu sprechen.

16.06.2016 - von Barbara Geier

Tests bereits zum Schulanfang
In England besucht fast jedes dreijährige Kind die Nursery (Kindergarten), denn schon ein Jahr später beginnt die Schulpflicht. Mit vier Jahren kommen die Kinder in die Reception Classes (=Empfangsklassen, Vorschule). Wie „einladend“ die ersten sechs Wochen für diese Kinder aussehen sollen, hat uns Christine Blower eindrücklich geschildert. Das Bildungsministerium hat Richtlinien für ein 'baseline assessment' (Eingangstest) erlassen und hierfür Testmaterialien erstellen lassen.  Was beinhaltet dieser Test? Das Kind soll in einer Einzelprüfung Fragen zu Zahlen, Rechnen, Sprache, Buchstabieren, phonetischen Unterscheidungen und Alltagsdingen beantworten. Der/die Lehrer/in trägt die Antworten in ja/nein - richtig/falsch Kästchen ein. Am Ende der Prüfung steht eine Punktzahl, die als Testergebnis in die Schülerakte kommt. Dieses Ergebnis soll mit späteren Testergebnissen, besonders mit dem großen Test für Elfjährige, dem sog. Key Stage 2 Test nach der 6. Klasse, verglichen werden. So soll der individuelle Fortschritt des Kindes, sowie die Leistung der Lehrer*innen und die Leistungsentwicklung der Schule verfolgt und überprüft werden. Utopie, Erinnerungen an Orwell 1984? Selbst in England, wo schon seit dem ausgehenden letzten Jahrtausend die Testerei zu immer größerer Perfektion ausgebaut wurde, geht die Regierung hier zu weit und stößt auf Widerstand. Die beiden großen britischen Bildungsgewerkschaften NUT und NASUWT haben in ihrem Protest gegen diese neuen Tests starke Verbündete in den Eltern und Kinderschutzorganisationen gefunden. Beim noch nicht verpflichtenden ersten Probelauf dieses Jahr haben mehr als 2000 Schulen ihre Teilnahme verweigert.

Testindustrie trägt zur Kommerzialisierung von Bildung bei
Christine Blower benennt die Hauptkritikpunkte:  Für die Beurteilung eines Kindes ist dessen Lernentwicklung maßgebend. Dies kann nur die unterrichtende Lehrkraft, die das Kind in seiner ganzen Entwicklung begleitet, was nichts, aber auch gar nichts mit dem Häkchen in einem Kästchen zu tun hat. Ein Kind soll beurteilt werden von einer fremden Person, in einer Phase, in der es erst einmal Vertrauen in seine neue Umgebung fassen muss. Diese grundlegenden ersten Wochen werden durch Leistungsdruck, Versagensängste und Konkurrenzaufbau torpediert. Die Frage drängt sich auf: Wer hat welchen Nutzen von diesem Test? Vordergründig lässt sich dies schnell beantworten: die drei Agenturen, die die Ausschreibung für die Testmaterialien gewonnen haben. Jede Schule muss diese Materialien aus ihrem laufenden, hierfür nicht erhöhtem Budget kaufen und dies jedes Jahr neu. Das ist eine sichere, sehr lukrative Einnahmequelle und Teil des sogenannten Education Business, durch das die Kommerzialisierung der Bildung vorangetrieben wird.

Privatschulen auf dem Vormarsch
Welche weiteren Auswirkungen haben die Tests? Mittelfristig können die erhobenen Daten als Begründung dafür genutzt werden, immer mehr Grundschulen, die die Vorgabeziele/Punktwerte nicht erreichen, aus der lokalen Schulaufsicht in die zentrale nationale Ministeriumsaufsicht zu übergeben und von dort in eine private Trägerschaft mit weiterhin staatlicher Finanzierung zu überführen. Dieser Trend, bisher öffentliche Schulen als sogenannte 'Academies'  in die Trägerschaft von Unternehmen, Organisationen oder Einzelpersonen zu überführen, der bislang vor allem Sekundarschulen betrifft, soll nach Regierungsbeschluss bis 2020 auch auf alle Grundschulen im Land übertragen werden. Das wird der größte Coup im Rahmen der fortschreitenden Privatisierung des Bildungswesens in England sein. Die Träger der Academies werden nicht nur Besitzer von häufig sehr wertvollem Grundbesitz, sondern sind auch Arbeitgeber, die mit den Lehrkräften individuelle Verträge außerhalb der Tarifvereinbarungen abschließen können. Dies zusammen mit einer Einschränkung der Gewerkschaftsrechte durch die Cameron Regierung, macht es für die Lehrer*innen schwer, sich zu organisieren.

Kampf gegen die Testeritis
Christine Blower war ihr ganzes Berufsleben, sei es als Lehrerin, gewerkschaftliche Vertrauensfrau, Delegierte und seit neun Jahren Vorsitzende der NUT eine Kämpferin gegen die Testeritis in ihrem Land. Schon bei den ersten Tests (Key Stage 2) 1994 nahm sie ihr Recht als Mutter wahr und ließ ihre damals elfjährige Tochter die Tests nicht mitschreiben. Der Bildungsbiographie ihrer Tochter schadete dies in keiner Weise. Sie absolvierte Schule und Universität und steht heute voll im Berufsleben. Christine Blower fasst ihre Kritik an der Testeritis in ihrem Land ganz schlicht zusammen: "Die Tests haben nichts Positives zu den Erfahrungen der Kinder in der Schule oder zu dem Verständnis der Lehrer von Schule beigetragen."

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