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Elf Kinder auf 18 Quadratmetern

An vielen Bremer Schulen entstehen Vorkurse, aber Unterrichtsräume sind nur begrenzt vorhanden. Auch deshalb werden in mehreren Flüchtlingsunterkünften Hausbeschulungen für Kinder und Jugendliche durchgeführt. Ein Besuch im Bundeswehrhochhaus.

16.12.2015 - Karsten Krüger

Der Blick aus dem 6. Stock über die Stadt ist grandios, aber die Aufmerksamkeit der Flüchtlingskinder ist ganz bei ihrer "Anze". "Anze" ist ihr Wort für ihre Vorkursleiterin und Lehrerin. Der Name "Frau van der Westhuizen" ist den Sechs- bis Elfjährigen viel zu lang und viel zu schwer auszuprechen. Jeden Tag von 10 bis 12 Uhr lernen die Kinder Deutsch im Raum 6.01, nachmittags sind die etwas Älteren an der Reihe - auch eine sehr heterogene Gruppe von zwölf- bis 17-jährigen Flüchtlingen.

In ihrem Klassenzimmer stehen vier Tische, eine Rolltafel, unterschiedlich hohe Stühle, zwei Regale, ein Waschbecken, auf dem Fensterbrett eine Gitarre - und mittendrin elf Schülerinnen und Schüler auf nur 18 Quadratmetern. Vorkursleiterin Sonja van der Westhuizen ist schon froh über diesen Raum. Der eigentlich geplante in der Falkenstraße 45 - direkt an der Hochstraße - war noch kleiner. Problematischer als die Enge ist für sie die schlechte Ausstattung. "Das Budget reicht nicht aus und im Haus ist auch kein Kopierer", klagt van der Westhuizen. Die Anschubfinanzierung der Bildungsbehörde war schnell aufgebraucht. Sie muss sich um vieles selbst kümmern, und sie muss vor allem multiprofessional sein. Die engagierte Lehrerin ist Übersetzerin, Inklusionsbeauftragte, Kleidungsspenderin, Alltagsberaterin für viele Familien in einer Person. "Und Raumpflegerin", ergänzt van der Westhuizen. "Das Putzteam vergisst unseren Klassenraum immer." Zuletzt musste sie auf den Tisch hauen. Die sanitären Anlagen waren verdreckt und für ihre Schüler/innen mal wieder nicht benutzbar. Daneben besorgt sie auch Kugelschreiber, Kinderwagen, auch Vitamintabletten.

Haubeschulungen werden derzeit an vier Standorten mit je zwei Kursen angeboten (Reepschlägerstraße, Hempenweg, Vegesacker Bahnhof). Derzeit gibt es 24 Übergangswohnheime. An den anderen 20 soll auch bald Deutschunterricht stattfinden, so das Ziel der Bildungsbehörde. Koordinator Helmut Kehlenbeck, der derzeit vorwiegend mit dem Aufbau eines Vorkurs-Netzwerkes an regulären Schulen beschäftigt ist, verspricht auch bei den Hausbeschulungen "die Strukturen zu verbessern".

Im Bundeswehrhochhaus versucht Sonja van der Westhuizen alles, um den Start für der Kinder zu erleichtern. "Ich bekomme hier viel mit. Traurige Geschichten, die berühren mich." Schon häufig hat sie erfahren, dass Kinder von ihren Eltern geschlagen werden oder auch Gewalt gegen Frauen ist unübersehbar. "Da muss ich doch zuhören und helfen." Hilfe bekommt sie aber auch zurück - von ihren kleinen, wissbegierigen Zuhörern. "Meine Kinder sind meine Kollegen. Sie helfen sich gegenseitig, haben ein Gespür für Solidarität. Sie merken, wenn es jemanden nicht gut geht." Krank werden darf sie allerdings nicht, denn dann fällt der Unterricht ersatzlos aus. Und krank war sie bisher noch nicht, versichert van der Westhuizen. Dennoch macht sich ihr Umfeld Sorgen. "Ich werde häufig gefragt: Sonja, wie lange hälst du diesen Knochenjob noch aus?" Die Vorkurslehrerin hält ihn seit Schuljahresbeginn aus. Und nicht nur das, die Arbeit macht ihr Spaß. "Ich liebe die Kinder und ich bin belastbar. Die Anstrengungen und Probleme verlieren an Bedeutung, wenn zum Beispiel eine Mutter sagt, ihre Tochter mit Förderbedraf hätte jetzt mehr Selbstbewusstsein und würde sogar wieder singen."

 

Gäste im Unterricht (so wie der Autor dieser Zeilen) merken sofort, was hier oben in der 6. Etage wichtig ist und das Betreuer flexibel sein müssen. Van der Westhuizen bestätigt dies mehrmals im kurzen Gespräch. "Improvisation ist angesagt." Mit einer kontinuierlichen Lerngruppe kann die Vorkursleiterin nicht arbeiten. Sie schickt oft Kinder zum Wecken der Mitschüler, die wegen der Unruhe im Hochhaus nicht immer genügend Schlaf bekommen. "Es können jederzeit mehrere Schüler, auch unangemeldete, in die Tür kommen. Und es gehen auch viele ebenso schnell wieder." Das Zauberwort heißt "Transfer". Abdul aus Afghanistan hat heute seinen letzten Tag, seine Familie zieht in eine Wohnung nach Bremen-Nord. Er bekommt zum Abschied von seiner Lehrerin den selbstgebastelten Kopfschmuck als Geschenk.

 

Der Unterricht beginnt meistens mit dem Erkunden von neuen Buchstaben und Wörtern. Danach kommen Bastel- und - wenn die Konzentration nachlässt - auch Spielphasen. "Wegen Feuergefahr dürfen wir aus Honigwachs leider keine Kerzen basteln. Dann bauen wir damit einfach Häuser." Es wird auch gerechnet, gemalt und gesungen. Das Lieblingslied der Kinder ist gerade "Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne". Es hört ein bisschen schräg an, aber die jungen Sänger sind schon textsicher. "Das hier ist ein Mix aus Kindergarten und Grundschule", so die Vorkursleiterin. Beliebt zum Schluss des Vormitags ist das "Bello-Bello-Spiel. Dabei gibt es immer Schokoladentaler als Preis. Kurz vor 12 Uhr stellen sich die Kinder in einer Reihe auf, nach der Verabschiedung geht die Tür auf und die Kinder flitzen über die Flure und zum Fahrstuhl. Die Eltern der Kinder, die direkt neben und unter dem Unterrichtsraum ihre Schlafzimmer haben, sind froh über den täglichen Unterricht, über die Ablenkung für ihre Kleinen und sie haben so vormittags Zeit, Behördengänge oder Arztbesuche zu organisieren.

 

Das Bundeswehrhochhaus liegt mitten in der Stadt, aber viele Bewohner haben dennoch kaum Kontakt zu Bremerinnen und Bremern. Auch die Kinder und Jugendlichen verlassen nur selten ihr markantes Übergangswohnheim. "Die Integration muss warten", sagt van der Westhuizen. Etwas bessere Bedingungen hat die Lerngruppe zwei, die 12 bis 17-Jährigen. Van der Westhuizen hat im benachbarten Alten Gymnasium in Kooperation mit dem dortigen ZUP-Leiter Ingo Matthias einen Raum ergattert, der geräumiger und besser ausgestattet ist. Dort schnupern die Flüchtlingskinder zum ersten Mal in der neuen Heimat richtige Schulatmosphäre.

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