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Eine westliche Institution in der Region

Die Deutsche Schule in Erbil

16.12.2017 - Dr. Zurab Aloian, SZ Neustadt

Deutsche Schule in Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan, ist die erste Privatschule in dieser Millionenstadt. Die irakische Verfassung, die am 15.10.2005 per Volksentscheid angenommen wurde, erkennt Kurdistan-Irak als föderale Region und Kurdisch als die zweite Amtssprache neben Arabisch an. Aufgrund der Konflikte zwischen Kurdistan-Iraq (oder Südkurdistan) und der Zentralregierung in Bagdad, verschärft durch den Kampf gegen ISIS, fand in Kurdistan am 25.09.2017 das Unabhängigkeitsreferendum statt, an dem mehr als 92% der Bevölkerung die Souveränität befürworteten. Auch wenn das Votum nicht bindend ist und die regionale Regierung auf Dialog mit Bagdad setzt, hat es doch eine große Symbolkraft. Die irakische Kurdenregion mit ihren mehr als 7 Millionen Einwohnern verfügt seit Jahrzehnten über weitgehende Autonomie und eigene Peschmerga-Streitkräfte, die unter anderem von der Bundeswehr im Krieg gegen ISIS ausgebildet worden sind.

In der turbulenten Umgebung zwischen Syrien, der Islamischen Republik Iran und der Türkei setzt die südkurdische politische Klasse auf enge Kontakte mit den internationalen, vor allem westlichen Staaten und Institutionen. Begünstigt durch die stabile Sicherheitslage und als Standort des kurdischen Regionalparlaments und Präsidialamtes haben mehrere Staaten und internationale Organisationen wie die UNO, die USA, Russland, https://de.wikipedia.org/wiki/Iran, Großbritannien, Frankreich, China, Deutschland, Indien, Japan und Südkorea ihre Vertretungen in Erbil eröffnet. Der Bürgermeister von Erbil ist Nihad Latif Kodscha, der 23 Jahre lang in Deutschland im Exil lebte.

Die bekannten ausländischen Hochschulen leisten ihre Arbeit in Erbil (British Royal University for Science and Technology und BMU Lebanese French University) sowie in anderen kurdischen Städten (American University in Duhok und Sulaimani). Zu den wichtigen westlichen kulturellen Einrichtungen gehören Institut français à Erbil und Goethe-Institut.

Da nach dem Chaos in Irak viele Christen und andere Minderheiten in Kurdistan Zuflucht gefunden haben, sind dort auch katholische und andere internationale Hilfsorganisationen tätig, die freilich positiven Einfluss auf das Weltbild jüngerer Kurdinnen und Kurden haben. 

Bildungssystem in Kurdistan

Die Grundlage für den Aufbau eines unabhängigen Bildungssystems wurde nach der de-facto Autonomie in den 1990ern gelegt. Die Förderung von Bildung erreicht derzeit etwa 16 % des Haushalts der Regionalregierung. Inzwischen ist etwa ein Fünftel aller Erwerbstätigen in Kurdistan im Bildungssektor angestellt. Für diesen sind das Ministerium für Bildung (primärer und sekundärer Bildungsbereich) und das Ministerium für höhere Bildung und Forschung zuständig.

Unterrichtssprache ist Kurdisch, eine indogermanische Sprache mit zwei umgestalteten Schriftsystemen, nämlich dem persisch- und lateinbasierten Alphabeten. Arabisch wird nur als Fremdsprache gelehrt, aber Englisch hat Vorrang. Öffentliche Primär- und Sekundarschulen sind wie 15 staatlichen Universitäten kostenfrei.

Deutsche Schule deckt den Bedarf

Unter mehr als 1,2 Millionen kurdisch-stämmigen Migranten in der Bundesrepublik sind viele aus Kurdistan-Irak. Als die Lage dort nach 2003 sich im Gegensatz zum restlichen Irak stabilisierte, kehrten Tausende Kurden in die Heimat zurück. Viele sehnten nach einer Möglichkeit, ihre in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Kinder weiterbilden zu können. Der Schulleiter Jürgen Ender und viele anderen engagierten Kollegen, zum Teil in Deutschland lebende kurdische Akademiker, und Eltern haben schließlich 2007 die Schule eröffnen können. Dabei haben viele Lehrerinnen und Lehrer selbst beim Aufbau der Schule mitgeholfen. Unbestreitbar ist, dass es die Spenden der Privatsponsoren und großen Firmen waren, die die Existenz der Schule entscheidend ermöglicht haben.

Unterrichtet wird ausschließlich auf Deutsch, und den kurdischen Kindern, die keine Deutschkenntnisse haben, werden Sprachkurse angeboten. Neben den regulären Schulfächern werden auch Kurdisch, Englisch und Arabisch gelehrt. Der erreichbare Abschluss, inklusive Abitur, wird europaweit staatlich anerkannt.

Die “Vorzeigeschule“

Im Gegensatz zu den alten Gebäuden, in denen häufig die staatlichen Schulen behausen, werden in der modern und mit Schwimmbad bebauten Deutschen Schule in Erbil keine Uniformen getragen und nicht mehr als 30 Schülerinnen und Schüler pro Klasse unterrichtet. Zur Schule gehören fernerhin der Kindergarten und die Vorschule, wo die Lernprozesse größtenteils spielerisch erfolgen. Die Kosten betragen 150 US-Dollar pro Monat für den Kindergarten und 175 US-Dollar für die Schule, was die Hälfte des Durchschnittsmonatslohns in Kurdistan beträgt. Demzufolge können nur die wohlhabenden oder aus Europa zurückgekehrten Familien ihre Kinder zur Deutschen Schule in Erbil schicken.

Da Deutschland ein hohes Ansehen in Kurdistan genießt, spielt diese inoffiziell als „Vorzeigeschule“ genannte Schule eine wichtige Rolle in der Änderung der Grundeinstellung der traditionell geprägten Familien. Eine Mutter, dessen Tochter bis zur 8. Klasse in Berlin lebte, berichtete, dass die offene Diskussionskultur und freie Meinungsbildung mitsamt den Themen wie Liebe und Freundschaft großen Einfluss auf die lokalen Kinder und ihre Eltern haben. Ein anderes Elternpaar gab bekannt, dass die Behörden in Kurdistan-Irak überlegen sich, andere kurdische Schulen nach diesem Vorbild-Modell umzustrukturieren.

Vieles hängt davon ab, ob die religiös-unduldsamen Tendenzen in der irakischen, iranischen und türkischen Staatspolitik das demokratische Experiment in Kurdistan zerstören oder die staatlichen Strukturen dort mithilfe des Westens standhalten. Dann würden die im Krieg gegen den Terror bewiesenen prowestlichen Einstellungen der kurdischen Bevölkerung sich etablieren und können Deutsche Schule in Erbil und andere westlichen Institutionen zur Entschärfung der gesellschaftlichen und politischen Konflikte einen notwendigen Beitrag leisten.

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