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BerufsschuleEine Frage der Vernunft

Situation und Perspektive von Lehrmeister*innen an beruflichen Schulen

 

16.02.2021 - Ingo Lenz

Bereits 1984 urteilte das Bundesarbeitsgericht, dass Lehrmeister*innen [Anm.: Im Bereich Wirtschaft und Verwaltung: 3-jährige Ausbildung und Weiterbildung als Fachwirt*in mit AEVO und mind. 3-jähriger Berufspraxis] den Status als Lehrkräfte zuerkannt werden muss. Es ist für die Annahme der Eigenschaft als Lehrkraft nicht erforderlich, dass der Beschäftigte über eine „universitäre Ausbildung“ wie Lehrer*innen verfügt, urteilte das Gericht aufgrund der Klage eines Lehrmeisters aus Bremen. Seitdem hat sich wenig an den Rahmenbedingungen für die derzeit fast 130 Lehrmeister*innen an den beruflichen Schulen verändert. Unsere Arbeitszeiten und Aufgabenbereiche werden immer noch durch die „Richtlinien über die Aufteilung der Arbeitszeit der Lehrmeisterinnen und Lehrmeister“ aus dem Jahr 2007 definiert. In dieser Richtlinie geht es nicht nur um die Aufteilung der Arbeitszeit [Anm.: 30 Stunden Unterricht, 5 Stunden für die sonstigen Aufgaben und 4,2 Stunden für die Vor- und Nachbereitung sowie für die Weiterbildung.], vielmehr auch um Arbeitsaufgaben und Arbeitsbereiche. Dazu gehören u.a. die Vermittlung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die Wartung und Instandhaltung bis hin zu erforderlichen Kooperationen, Teilnahme an Dienstbesprechungen und Konferenzen.

Abqualifizierende Plattitüde

In dieser Auflistung ist eine ideologisch aufgeladene Behauptung enthalten: „Unterweisung ist ein eigenständiger Tätigkeitsbereich und unterscheidet sich somit vom Unterricht, der durch Lehrerinnen und Lehrer erteilt wird“. Mit dieser Haltung wird zum Ausdruck gebracht, dass es sich bei den Tätigkeiten von Lehrmeister*innen dann doch nicht um eine Lehrtätigkeit handelt und somit eine Schlechterstellung begründet wäre. Allerdings wird der Begriff Unterweisung hauptsächlich im Arbeits- und Gesundheitsschutz verwendet. Auch im Zusammenhang mit der beruflichen Bildung findet der Begriff Anwendung, spiegelt jedoch nur einen Teilaspekt im pädagogischen Prozess wieder und ist somit nicht wirklich verwendbar. Vielmehr ist er angesichts der aktuellen Arbeitssituation als eine abqualifizierende Plattitüde zu bewerten.

Veränderte Anforderungen

Heute arbeiten Lehrmeister*innen hauptsächlich in den Bildungsgängen der Berufsvorbereitung, in der Werkschule und in schulischen Ausbildungsgängen. Die Bildungsbehörde wünscht sich hier handlungs- und projektorientierte sowie differenzierte Lernformen, die eine Überwindung der Trennung von Theorie und Praxis voraussetzt. Lernmotivation soll gefördert und Selbsterfahrung ermöglicht werden. Sozialkompetenzen und Selbstständigkeit gefördert, demokratische Werteorientierung sollen vermittelt, geschlechterbezogene Stereotypen entgegengewirkt werden. Aufgabenstellungen also, die mit nur Unterweisung keinesfalls kompatibel ist.

Lehrkraft für Fachpraxis

Lehrmeister*innen verfügen über umfassende fachliche Qualifikationen und berufliche Erfahrungen. Unser Abschluss entspricht nach dem DQR einem Bachelorabschluss. Unsere Aufgaben in der Schule sind von eigenständiger pädagogischer Arbeit geprägt. Eine Neubewertung unserer Arbeit ist überfällig. Leider agiert die Bildungssenatorin bisher auch in diesem Kontext äußerst konservativ und verzögert weiterhin die überfällige Aktualisierung der Lehrmeister*innen-Richtlinie. Die Realitäten und zukünftige Herausforderungen erfordert die Einführung des Berufsbildes Lehrkraft für Fachpraxis, wie bereits in den meisten Bundesländern geschehen. Dies sollte mit einer sachgerechten Höhergruppierung, mit einer Aufstiegsperspektive durch ein Anrecht auf eine berufsbegleitende Weiterbildung bis hin zum Master of Education einhergehen sowie die Gleichstellung an die für berufliche Schulen geltende Unterrichtsverpflichtung beinhalten.