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Holocaust-ForschungEin Unbequemer

Der Historiker  Léon Poliakov widmete seine Arbeit nach 1945 der Erforschung von Shoah und Antisemitismus. In Deutschland war er den verschiedensten politischen Lagern ein Ärgernis. Die Strafe lautete auf Nichtbeachtung.

16.09.2020 - Werner Pfau

Während der deutschen Besatzung kämpfte er in der Resistance, nahm danach als Beobachter am Nürnberger Prozess teil und gehörte zur ersten Generation jüdischer Verfolgter, die es sich zur Aufgabe machte, das Geschehene zu dokumentieren und Antworten zu finden. Das dafür nötige Quellenmaterial lagerte nach dem Kriegsende in irgendwelchen verschütteten Kellern, sofern es nicht gleich von den Tätern in SS und Wehrmacht verbrannt worden war.  LéonPoliakov nahm, ähnlich wie sein Kollege Joseph Wulf – der Auschwitz überlebt hatte - schon früh die Fährte auf. Durch Zufall war er in den Besitz der französischen SS-Akten gekommen. Die Quellen mussten, das war beiden klar, vor der Vertuschung ebenso wie dem Vergessen gerettet werden.

Sein erster Versuch, sich dem Vernichtungsprogramm des NS-Staates anzunähern, mündete in den Text 'Brevaire de la Haine' (1951). Schon darin erweiterte er seinen Forschungsradius auf den Antisemitismus, den er als historisch tief verwurzelte ideologische Grundlage der Shoah verstand, und verfasste später ein achtbändiges Standardwerk zu dessen Geschichte. Poliakov kritisierte  frühzeitig antisemitische Tendenzen auf der Linken, die von manch anderen publizistisch Tätigen, vor allem wenn sie dem Parteikommunismus nahestanden, totgeschwiegen wurden. Er dokumentierte das Aufkommen eines codierten Antisemitismus in der stalinistischen Sowjetunion, verfolgt dessen Konjunkturen bis hin zum Antizionismus, der seit 1967 gewissermaßen zur Staatsdoktrin wurde und in arabischen Befreiungsbewegungen ebenso wie in der Neuen Linken der Sechziger Jahre willige Aufnahme fand. Mit einer charakteristischen Unbestechlichkeit griff er alle Formen des Antisemitismus auf, darin möglicherweise in der Tradition der französischen 'Intellektuellen' seit Emile Zolas 'J'accuse' stehend.

Blockierte Rezeption

Kein Wunder, dass Poliakovs Werk in Westdeutschland auf ein gespaltenes Echo stieß. Bedeutende Texte – wie 'Brevaire de la Haine' - sind bis heute nicht, andere wurden erst relativ spät übersetzt. War es in den Fünfziger Jahren zunächst die offiziöse deutsche Geschichtswissenschaft, so blockierte später wohl ein durch den Antiimperialismus der Neuen Linken geprägtes universitäres Milieu die Rezeption von Poliakovs Arbeiten. Solche Forschung war unbequem, zumal sie vor heiligen Kühen nicht haltmachte.

Eine Bastion westdeutscher 'Vergangenheitsbewältigung' im Kalten Krieg war das in München ansässige Institut für Zeitgeschichte. Von dessen wissenschaftlichem Vordenker, Martin Broszat, ist bekannt, dass er Wulf und Poliakov zwar rezipierte, ihnen als Forschern jedoch die Anerkennung verweigerte; ihr Zugang zum Gegenstand sei zu sehr durch persönliche Betroffenheit beeinflusst. Deutschen Verlagen habe er von einer Übersetzung Poliakovs abgeraten, obwohl im Institut 

eine Übersetzung für den 'Hausgebrauch' existiert haben soll. Süffisant wird in diesem Zusammenhang auf die NSDAP-Mitgliedschaft des jungen Broszat und somit ein eigenes persönliches Motiv der 'Schuldabwehr' hingewiesen. Nun muss ja laut Brecht, wer A sagt, nicht unbedingt B sagen; er könnte auch erkennen, dass A falsch war. Welche biografischen Motive mitgespielt haben, sei dahingestellt: Entscheidender ist, dass die vom Münchner Institut lancierte 'Modernisierungstheorie' - mit ihrem soziologischen Lob der durch die Nazis aufgebrochenen sozialen Schichtung - , eine Botschaft verkündete, die bei der deutschen Öffentlichkeit der Fünfziger und Sechziger Jahre auf größere Gegenliebe stieß als das 'Herumstochern' in gar nicht so alten Wunden.

Sowjetunion und Antisemitismus

Poliakov wurde 1910 in eine St. Petersburger russisch-jüdische Familie geboren. Als kleiner Junge erlebte er nach dem Ausbruch der Oktoberrevolution die Flucht ins europäische Exil, dessen wichtigste Stationen Berlin und Paris darstellten. Seine Kenntnisse des Deutschen und Russischen erleichterten ihm die Forschungstätigkeit. In seinem Text „Vom Antisemitismus zum Antizionismus“, der zwei Jahre nach dem Sechstagekrieg in Frankreich erschien, diagnostizierte er hellsichtig die antisemitischen Untertöne, die in manche zeitgenössischen antiimperialistischen Verdammungen Israels einflossen. Poliakovs historische Spurensuche beginnt in der Russischen Revolution und ihrem widersprüchlichen Verhältnis zum Judentum. Lenin kommt dabei noch relativ gut weg. Nicht nur attestiert Poliakov ihm eine 'gewisse Zärtlichkeit' im Reden über jüdische Kultur, auch sieht er in dessen Ablehnung des zionistischen Projekts noch keinen Antisemitismus am Werk: Lenins überlieferter Spruch, es gebe schon zu viele Staaten und zu viele Armeen auf der Welt, setzt darauf, dass die jüdische Emanzipation durch die sozialistische Weltrevolution bewerkstelligt werde, womit auch der bürgerliche Nationalstaat obsolet sei. Poliakovs abgeklärter Kommentar aus dem Jahr 1969 dazu lautet: „Das zionistische Projekt war weniger ambitioniert als das sozialistische, doch wenn man den Baum nach seinen Früchten beurteilt, zeugte es vielleicht von größerem Realismus.“

Stalins Kampagnen

Zu Lenins Erbe gehört die strafrechtliche Sanktionierung antisemitischer Äußerungen, die in den Zwanziger Jahren noch angewandt wurde. Auch gab es immer wieder Phasen, in denen ein jüdische Gebiet oder gar eine eigene Republik im im Sinne der bolschewistischen Nationalitätenpolitik eingerichtet wurde. Gleichzeitig beginnen unter Stalin jene Kampagnen, die sich zwar keines offenen Antisemitismus bedienen – der formale Verstoß gegen die Parteidoktrin wäre doch zu offensichtlich gewesen – wohl aber eines verdeckten. Parallel zur Wiederkehr russisch-nationalistischer Ideologeme und als deren Gegenstück wird eine Art „jüdischer“ Treulosigkeit beschworen Solche Töne werden in den Schauprozessen von 1937 angeschlagen; Poliakov kann hier Trotzki als Kronzeugen zitieren: Die Unzufriedenheit mit der Bürokratie werde auf die Juden gelenkt, hatte dieser 1937 in einem Interview gesagt. In späteren Kampagnen tauchen Stereotype wie das der jüdischen Giftmischerei wieder auf. Das legitimierte die Ermordung jüdischer Parteimitglieder, etwa 1948.

Auswirkungen auf den Nahen Osten

Nachdem die Sowjetunion ihre anfängliche Unterstützung Israels aufgibt, ist der Weg frei für die Zusammenarbeit mit den aufstrebenden arabischen Nationalismen, allen voran Nassers in Ägypten. Nicht zuletzt erfolgt der ägyptische Truppenaufmarsch im Mai 1967 auf sowjetisches Drängen. Die Ideologie der meisten arabischen nationalistischen Gruppen stellt, so versucht Poliakov zu zeigen, ein Amalgam aus verschiedenen Quellen dar. Selektiv wird islamisches Überlieferungsgut zitiert, denn antijüdische Äußerungen finden sich – neben freundlicheren – bereits im Koran und den Hadithen. Hinzu kommt ein antisemitisch konnotierter Antiimperialismus, bei dem die Rothschilds dieser Welt hinter den weltpolitischen Aktionen der USA stehen. Zwischen Menschen jüdischer Herkunft und dem Staat Israel will man in Lippenbekenntnissen unterscheiden, tut es dann aber oft doch nicht. Einen Indikator dafür, dass es nicht nur um Antiimperialismus ging, stellt die enorme Verbreitung der „Protokolle der Weisen von Zion“ in arabischen Ländern dar. Sowohl der säkulare Nationalismus Nasserscher Prägung als auch später die Hamas und das iranische Regime wollen auf diese Verschwörungstheorie nicht verzichten, könnte aus heutiger Sicht ergänzt werden. Denn in allen diesen Ländern erfreuen sich die „Protokolle“ hoher Auflagen (bzw. Einschaltquoten) mit Duldung oder Förderung durch die Regierenden.

Und jetzt?

So stand Poliakov mit seinen Forschungen zwischen den Stühlen. So manche seiner Thesen zur „Weltgeschichte“ des Antisemitismus dürfte im Licht neuerer empirischer Befunde fragwürdig geworden sein. Einen bedenkenswerten Einwand hat der Soziologe Detlev Claussen so formuliert:  Poliakovs Werke erschöpfen sich bisweilen in der Aneinanderreihung gewissenhaft recherchierter Zitate und Ereignisse, eine theoretische Verankerung des Antisemitismus, die über geistesgeschichtliche Bezüge hinausgeht und womöglich soziologisch angereichert ist, wie sie Sartre oder Adorno versucht haben, ist kaum zu finden. Da jedoch, wo sich die Theorie des Antisemitismus auf den Aufweis seiner eminenten historischen Kontinuität fixiert, scheint der Autor gegen die eigene unzweifelhaft kritische Absicht fast so etwas wie eine vermeintlichen Schicksalhaftigkeit des Phänomens heraufzubeschwören. Trotz, oder gerade aufgrund solcher Einwände gilt: Poliakov kritisch zu würdigen heißt ihn zu lesen, auch und gerade in Deutschland.