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CoronaZwei Zentimeter Abstand

„Wo ist das Konzept?“ Eine Schülerin über den Umgang mit Corona in ihrer Schule

16.11.2020 - Carla Oberg, Alter, Gymnasium an der Hamburger Straße

Es ist eng. Ich stehe mit 50 Leuten auf 15 Quadratmetern vor dem Schulgebäude. Oft ohne Masken, denn nach 45 Minuten Unterricht mit Mundschutz haben wir eine Maskenpause. Gesprächsthema Nummer eins: Warum werden wir immer noch nicht in Halbgruppen unterrichtet? Auf dem Schulhof, in den Klassen, vor den Gebäuden, auf den Fluren, eigentlich überall kann der Sicherheitsabstand nicht eingehalten werden. Das liegt nicht daran, dass sich die Schüler*innen absichtlich zusammenrotten, um Gespräche, Umarmungen und Viren auszutauschen, wie es kundige Menschen vermuten. Es gibt schlichtweg zu wenig Platz und zu viele potentiell infektiöse Menschen, das ist das Problem. Nur die Politik scheint dieses Problem nicht zu sehen. Sonst gäbe es längst funktionierende Sicherheitskonzepte an Schulen. Daran sind Schulen und Lehrkräfte übrigens überhaupt nicht schuld.

 

Kurse in kuscheligen Räumen

Das Irritierende ist: Wir stehen nicht am Anfang der Pandemie. Es gab mehr als sechs Monate Zeit zum Entwickeln von Konzepten. Dabei herausgekommen ist vor allem eines: Das Kohorten-Prinzip. Alle Schüler*innen einer Klasse oder eines Jahrgangs sollen nur Kontakt innerhalb dieser festen Gruppe haben. Besser als gar nichts, denn so stecken wir uns wenigstens nur bei denen an, die genauso alt sind wie wir. Trotzdem ist dieses Konzept etwas dürftig, vor allem, da es keine funktionierende Ergänzung gibt. Leider gibt es selbst bei der Umsetzung Schwierigkeiten, die übrigens nicht von den Schüler*innen ausgehen: Alle schul- und damit auch kohortenübergreifenden Kurse finden wie gewohnt in kuscheligen Räumen oft ohne Mindestabstand statt.

 

„Es läuft beschissen“

Dann ist da noch der Sportunterricht, der nach dem Prinzip „wird schon nichts schiefgehen“ abläuft. Neu ist: Wir dürfen die Umkleiden nicht mehr benutzen und müssen zwei Meter Abstand halten, aber keine Maske tragen. Statt in der schlecht belüfteten Umkleidekabine, ziehen wir uns im schlecht belüfteten Vorraum um. Früher oder später wird aus einem Zwei-Meter-Abstand ein Zwei-Zentimeter Abstand, weil zwei Menschen aus Versehen beim Tischtennisspielen aneinander geraten. Das ist besonders beim durch Bewegung erhöhten Aerosolausstoß ziemlich schlecht. Auch wenn wir uns bemühen, lässt sich sowas nicht verhindern. Das hat Folgen. Ich war schon zweimal hintereinander in Quarantäne, weil sich Mitschüler*innen mit Corona infiziert haben. Momentan sind bei uns drei Jahrgänge betroffen. Rund 300.000 Schüler*innen sind deutschlandweit in Quarantäne. An einer Hamburger Schule wurden 94 Corona-Infektionen entdeckt. Die Infektionszahlen an Schulen sind zehnmal so hoch wie im April und sorgen mit für die hohen Ansteckungen. Kurz: Es läuft beschissen.

 

Kein infektionsfreier Ort

Doch in der Politik tut sich nichts. Stattdessen erklären sämtliche Bildungsminister*innen Schulen zu quasi infektionsfreien Orten. Und stellen den Präsenzunterricht als einzige Möglichkeit dar, uns Schüler*innen vorm Verdummen zu retten. Witzig, wenn alle zwei Wochen Quarantäne und damit Distanzunterricht verhängt wird.

Jedenfalls müsse auch der Lehrplan unverändert unterrichtet werden. Wäre ich zynisch, würde ich jetzt schreiben, besser dumm als tot, oder? Ganz im Ernst: Die Einhaltung der Lehrpläne ist gerade unser kleinstes Problem. Das funktioniert gar nicht, wenn man bedenkt, wie viel mehr Armut, Sorgen und Quarantänen es momentan gibt. Vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien bräuchten momentan weniger Stress und mehr Unterstützung. Aber auch für alle anderen gilt: Niemand kann den Stoff eines Halbjahres lernen, wenn er alle zwei Wochen in Quarantäne ist. 

 

Auf Experten hören

Was kann jetzt also getan werden, damit Schüler*innen und auch Lehrer*innen geschützt und unterstützt werden? Es müssen Konzepte her! Zum einen welche, die sicherstellen, dass wenigstens schulisch niemand aufgrund der aktuellen Lage benachteiligt wird. Zum anderen ist es absolut nötig, darauf zu hören, was nicht nur Schüler*innen, sondern auch Expert*innen sagen: Führt endlich den Unterricht in Halbgruppen wieder ein!