GEW Bremen
Du bist hier:

„Ein Stück weit lebt der alte Geist noch heute“

Ein BLZ-Gespräch mit Rechtsanwalt Bernhard Docke und den Studenten Manuel Cordsen und Tom Robin Hoffmann über die Protestkultur an der Uni Bremen im Wandel der Zeit.

16.04.2017 - Karsten Krüger

Die Universität Bremen ist mittlerweile in ihrem fünften Lebensjahrzehnt. Von der Gründungsphase im Jahr 1971 bis heute erlebte die Hochschule in Bremen-Horn sehr lebhafte, kontroverse Zeiten, oft begleitet durch massive Proteste gegen die Wissenschaftspolitik. Die BLZ hat deshalb politisch engagierte Studierende der Uni Bremen aus alten und aktuellen Tagen zu einem Gespräch über die Protestkultur im Wandel der Zeit eingeladen. Zugesagt haben:

Bernhard Docke studierte ab 1975 Jura, war ein Jahr im damaligen AStA und ist heute Strafrechtsanwalt. Er erhielt 2006 die Carl-von-Ossietzky-Medaille für sein Engagement für die Befreiung von Murat Kurnaz ausGuantanamo. Er ist Sozius der Kanzlei Hannover und Partner in Bremen.

Manuel Cordsen engagiert sich seit mehreren Jahren in der Hochschulpolitik, seit 2014 auch bei den DGB-Studis. Er studiert Sozialpolitik.

Tom Robin Hoffmann ist seit drei Jahren im AStA der Uni Bremen aktiv. Er engagiert sich im Referat für Hochschulpolitik und studiert Biologie und Kunst auf Lehramt.

BLZ: Was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie an ihre Studienjahre und ihr politisches  Engagement an der Uni zurückdenken?

Bernhard Docke: Es mag aus heutiger Zeit etwas grotesk klingen, aber wir waren stolz auf unsere so genannte rote Kaderschmiede, die als Gegenmodell zu anderen Unis galt. In der studentischen Interessenvertretung haben wir die Erfahrung gemacht, dass man versucht hat, dieses Modell zu schleifen. Die Hauptidee der Drittelparität, also dass Dienstleister, Studierende und Hochschullehrer gleichberechtigt über Fragen von Forschung, Lehre und über alles was an der Uni passiert, entscheiden, wurde auch mit massivem bundesweiten Druck bekämpft. Wir Studenten nahmen das damals unwahrscheinlich wichtig. Wir fühlten uns als Mittelpunkt der Welt, letztlich war es ein Sturm im Wasserglas. 

BLZ: Und wie ist die Situation an der Uni heute?

Manuel Cordsen: Die Uni hat noch immer einen relativ linken Ruf. Für mich war das auch ein Motiv in Bremen zu studieren. Nach dem Fall der Drittelparität gibt es allerdings ein anderes Bewusstsein. Unsere Kämpfe heute gehen hauptsächlich um Kürzungen wie beim wissenschaftlichen Mittelbau, um Stellenstreichungen. Ich kann mich noch gut an die Umgestaltung des Exzellenztransparentes durch Graffitikunst erinnern. Aus dem Wort Exzellenz wurde Exkrement.

Tom Robin Hoffmann: An der heutigen Uni ist vieles anders als früher. Der Sonderstatus, die Vorreiterrolle ist weg. Das avantgardistische Bewusstsein existiert nicht mehr. Jetzt ist eine völlig normale Uni geworden. Sie hat kein Alleinstellungsmerkmal mehr. In der Exzellenzinitiative werden ja leider nicht Unis ausgezeichnet, die progressive Gesellschaftspolitik machen, sondern Unis, die Drittmittel für die Forschung einwerben.

Bernhard Docke: Ja, das alte Modell ist geschliffen geworden. Die Uni Bremen hat sich in das bundesweite Hochschulgefüge eingefügt. Protestformen wie die Sprengung von Lehrveranstaltungen, die Besetzung von Räumen und Büros auch beim Senator waren ganz normal. Ich kann mich daran erinnern, dass wir das Gebäude des Wissenschaftssenators besetzt hatten und da übernachten wollten. Im Gerangel mit der Polizei stürzte der gelieferte Riesentopf mit Erbsensuppe und ergoss sich an meinen Unterschenkeln. Meine Beine wurden verbrüht.

Manuel Cordsen: Auch wir haben die eine oder andere Veranstaltung gesprengt, zum Beispiel haben wir vor einer offiziellen Sitzung des Rektorats das gesamte Mobiliar aus den Räumen entfernt, um die Kürzungsbeschlüsse zu verhindern.

BLZ: Welche Auswirkungen hatten die Aktionen damals und heute. Wie viel Macht hatten die Proteste?

Manuel Cordsen: Durch die Proteste und den medialen Druck wurden weniger Stellen gestrichen. Wir hatten bis zu 2000 Leute auf der Straße und bei der Vollversammlung. Kürzungen wurden abgefedert. Aber im allgemeinen, politischen Betrieb haben wir durch den Fall der Drittelparität weniger Macht. Gestaltungsmacht müssen wir eher über die Quantität erkämpfen, mit großer zahlenmäßiger Anwesenheit.

Tom Robin Hoffmann: Ohne Druck auf dem Campus und auf der Straße kann man nichts an der Uni verändern. Der sanfte Weg über Lobbyarbeit die Entscheidungsträger zu überzeugen, bringt keine Ergebnisse. Wie zum Beispiel bei der Verschärfung der Prüfungsordnung, die zu vielen Exmatrikulationen geführt hat. Eine Reform war so nicht möglich.

Bernhard Docke: Ich sehe Parallelen zu früher. Das klingt verwandt. Wir konnten wesentliche Änderungen an der Uni auch nicht verhindern, aber unser starkes Engagement hat dazu geführt, dass die Eingemeindung der Uni in die allgemeine Hochschullandschaft verzögert wurde und ein Stück weit der alte Geist noch heute lebt. Ich höre hier gerade heraus, dass ein bisschen davon noch übrig geblieben ist.

BLZ: Wie war und ist heute die Rolle des AStA?

Bernhard Docke: Damals beteiligten sich nicht mal 20 Prozent an den AStA-Wahlen, eigentlich beschämend für die Studentenschaft, die sich damals politisch verstanden hat. Und es gab große interne Flügelkämpfe bis hin zu Anfeindungen und körperlichen Auseinandersetzungen. Aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar. Jeder wähnte sich, die absolute Wahrheit zu haben, und glaubte, den besseren Marxismus zu vertreten. Und die anderen blicken natürlich nicht durch. Aber dennoch: Der AStA hatte aber eine mobilisierende Rolle, er war die Lokomotive der Proteste. Und der Dreh- und Angelpunkt der Organisation von Widerstand gegen Verschlechterung der studentischen Lebenswirklichkeit.

Manuel Cordsen: Die Rolle hat sich nicht grundlegend geändert. Der AStA ist heute kein Vorreiter der Protestbewegung mehr aber ein wichtige strukturelle Plattform, mit der viele Leute zu erreichen sind. Der AStA verfügt über Mittel, die man bei Protesten einsetzen kann. Getragen werden die Proteste aber eher von Zusammenschlüssen von Studierenden, vom AStA allein nicht. Der AStA hat mit Infrastruktur geholfen, aber wichtig war eine breite Menge von Menschen.

Tom Robin Hoffmann: Im Vergleich zur Gründungsphase gab es riesige Unterschiede. Es gab erst in den 90er Jahren mehr sozialdemokratische, moderatere Listen, die zur Wahl  angetreten sind. Es entstanden dadurch Asten, die weniger die kämpferische Idee in sich trugen. Linksradikale Listen, die in der Opposition waren, haben den AStA immer wieder beeinflusst, stärker zu protestieren. Der AStA ist schon ein Instrument. Je nachdem wer darauf spielt, ist es Punkrock oder klassische Musik und man protestiert oder bandelt mit dem Rektorat.

Bernhard Docke: Es gab damals neben dem AStA auch eine zweite studentische Interessenvertretung – die dezentralen Studiengangsausschüsse. Die waren näher an den Studierenden dran. Da entstanden viele Aktionen.  

BLZ: Gibt es die heute auch noch?

Manuel Cordsen: Ja, die gibt es noch. Und sie haben - soweit ich weiß - als der Uni-Verwaltungsbeitrag für die Studierenden eingeführt werden sollte, das war vor meiner Zeit, ich glaube 2006, eine große Rolle gespielt. Damals stand die Uni mehr als einen Monat still, um gegen die schleichende Einführung von Studiengebühren zu protestieren.

BLZ: In der Vorbereitung zu diesem Gespräch habe ich gelesen, dass es in den 70er- und 80er-Jahren den Anspruch bei den Studierenden gab, große Politik zu machen, große Themen zu setzen, mit großen Gesten zu agieren. Ist das immer noch so oder ist es kleinteiliger geworden?

Manuel Cordsen: Die Aktivenbasis ist bei uns jetzt kleiner. Die Uni Bremen und die Unis im Allgemeinen sind heute nicht mehr so wie früher ein politisches Labor. Die Studierenden lassen sich heute mehr darauf einschwören, in die Richtung „macht euer Studium schnell fertig, guckt nicht so viel nach links und rechts“. Viele müssen auch ihr Studium finanzieren und haben gar nicht die Zeit, sich groß zu engagieren.

BLZ: Es geht also heute mehr um Wohnungsnot als um Nicaragua?

Tom Robin Hoffmann: Ja, eindeutig. Wir schaffen es immer seltener, mit großen gesamtgesellschaftlichen Problemen bei den Studis durchzudringen.

Manuel Cordsen: Ja, aber man muss auch sagen, dass die Welt damals mehr im Aufbruch und in Bewegung war als heute.

Bernhard Docke: Das kann ich bestätigen. Damals gab es viel Unruhe, viele politische Umbrüche. Wir haben uns mit den großen politischen Fragen beschäftigt, aber uns an unseren Utopien auch ein Stück weit verhoben. Wir fühlten uns als ein Teil von großer Politik. Die Aufbruchstimmung damals war ein Motor für das politische Bewusstsein und die Aktionen. Heute ist es anders. Es gibt ganz andere Konflikte, ganz andere Themen, aber es ist ein Stück weit politisch bescheidener, kleinteiliger geworden.

BLZ: Kurzes Fazit: Das politische Studentenleben hat sich im Laufe der Jahrzehnte in vielen Bereichen verändert. Hätten sie lieber in den 70er-Jahren studiert, politisch gesehen?  

Manuel Cordsen: Weiß ich nicht unbedingt. Wenn ich an die extremen Flügelkämpfe von damals denke. Wenn ich damals geboren wäre, wäre ich auch politisch aktiv gewesen. Es sind zwei unterschiedliche Settings.

BLZ: Bitte nicht ausweichen.

Manuel Cordsen: Ich glaube, ein bisschen schon. Weil einfach mehr Bewegung da war.

Tom Robin Hoffmann:  Mich zieht es definitiv in die 70er-Jahre. Vielleicht hätten wir das auch nicht besser hingekriegt, aber wenn man sich heute die Uni anguckt: Völlig verschult, 95 Prozent interessieren sich nicht für Politik. Damals war viel mehr Dynamik. Heute gibt es mehr Vereinzelung. Viele legen Scheuklappen an haben die Idee, man könnte heute unpolitisch sein, als Option. Die Studierenden von damals wären auf die Straße gegangen und hätten gegen die Abschiebung nach Afghanistan, gegen die AfD oder gegen den Klimawandel demonstriert.    

BLZ: Und anders herum gefragt. Wären Sie lieber jetzt Student gewesen?

Bernhard Docke: Auf keinen Fall. Bei allen Irrtümern, denen wir aufgesessen sind, es war eine wilde und spannende Zeit. Wenn ich die unterschiedlichen Situationen damals und heute betrachte, dann würde ich nicht tauschen wollen.

Das Gespräch moderierte Karsten Krüger

Zurück