GEW Bremen
Du bist hier:

Eher geht ein Kamel durch’s Nadelöhr !

Wir behaupten, dass die Qualität des Unterrichts in den letzten Jahren gestiegen ist. Es hat durch die Pädagog_innen verstärkte Anstrengungen gegeben den immer weiter gestiegenen Herausforderungen gerecht zu werden. In vielen Punkten sind es aber Überforderungen, weil es Bereiche betrifft, die bearbeitet werden müssen, für die wir nicht ausgebildet oder auch von der Profession her nicht geeignet sind. Viele uns aufgezwungene Maßnahmen haben wir dennoch versucht umzusetzen, weil wir das Wohl der Kinder und Jugendlichen im Auge haben.

16.05.2013 - Qualitätsverbesserung durch Standardisierung und Kompetenzorientierung? | von Wilfried Meyer

Ein Beispiel: Inklusion ist angesagt, aber ohne Plan, schlecht vorbereitet und unzureichend ausgestattet in Bremen eingeführt worden. Interessen der Betroffenen wurden in die Planung und Durchführung nicht einbezogen. Wenn es also in der Bildung qualitativ noch nicht den Bach heruntergegangen ist, dann liegt das einzig und allein am Engagement der Lehrkräfte und aller pädagogischen Mitarbeiter.

Qualität durch Behörde? Nein!

Fragt man aber an den Schulen, ob die Maßnahmen der Bildungsbehörde zu einer Steigerung der inhaltlichen Qualität geführt haben, dann lautet die Antwort nein. Geführt hat es zu Mehrarbeit, erhöhtem Aufwand in der Dokumentation, zu Verständnisschwierigkeiten in Bezug auf Lehrpläne und Bildungsziele, und man ist durch die ständige Einführung von Neuerungen einfach nur genervt. Dazu gehören nach wie vor die Tests, die ständig durchgeführt werden müssen: Angefangen vom Einschulungstest Cito, über VerA 3 und 8 bis hin zu Timms und anderen Vergleichsarbeiten. Neue Evaluationsvorhaben werden eingeführt oder angeboten bis hin zu einem ständigen „datengestützten Entwicklungskreislauf“(KMK), der uns an hamsterradähnliche Dauerzustände der permanenten Evaluation gewöhnen möchte. Die Bildungsbürokraten sind unzufrieden, wenn wieder einmal festgestellt wird, dass die Mehrheit der Lehrkräfte an einem guten Unterricht sehr wohl Interesse hat, die dazu aufgezählten Instrumente der Bürokratie aber nicht akzeptiert und wohl auch nicht akzeptieren will. Aus gutem Grund, denn wären diese Maßnahmen sinnvoll, wären sie wirklich in den Kollegien vorher besprochen worden, dann hätten sie vielleicht anders ausgesehen, oder wären abgelehnt worden. Man scheut aber die Diskussion und so heißt es dann „die Kultusministerkonferenz hat die Einführung der Bildungsstandards beschlossen“, „die Standards müssen implementiert werden“ und das aktuelle Modewort der „Kompetenz“ und der „Kompetenzorientierung“ macht die Runde. Es gibt kaum noch Veröffentlichungen, neue Rahmenpläne oder auch Lehrpläne, in denen es nicht von diesen undefinierbaren Begriffen wimmelt. „Maler Klecksel, Kompetenz in Farbe“ prangt es auf Lieferwagen, „ihr kompetenter Tischler“ usw. Ja, wer will nicht kompetent sein und welche Lehrkraft will nicht kompetenzorientiert unterrichten oder inkompetent sein. Interpretieren wir den Begriff z.B. als die Ausstattung mit Fertigkeiten und Fähigkeiten, sind wir schnell wieder bei den Lernzielen der vergangenen Jahre, die wir immer als vielleicht auch verbesserungswürdig befunden haben, aber sie waren ausreichend, um uns zu orientieren.

Wohin soll die Reise gehen?

Kompetenz heißt jetzt angeblich „Können und Wissen“ im Gegensatz zu früherer „Wissensvermittlung“, heute ginge es um den Output und früher nur um den Input. Eine Definition des Psychologen Weinert ist die Grundlage aller Definitionen: xxxxx.

Es soll also auch die Motivation der zu Erziehenden mit gesteuert werden, möglichst begeistern sie sich für alles von selbst, da ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet, wenn jeder Lernstoff so aufgenommen werden könnte. Nun hat Bremen sogar für den Übergang von Klasse 4 nach 5 das Ankreuzen von Kompetenzbereichen in Mathematik und Deutsch angeordnet. Wer in allen 4 Bereichen der beiden Fächer über dem Regelstandard liegt, bekommt also 8 Kreuze und ist berechtigt auf das Gymnasium zu gehen. Zwar hat die KMK gemahnt, die Standards nicht für Beurteilungen zu missbrauchen, aber darüber ist die „Qualitätsabteilung“ der Behörde erhaben.

Was hat es nun mit den Bildungsstandards auf sich?

Nota bene: Es gibt 1-unter Mindeststandard, 2-Mindeststandard, 3- Regelstandard, 4 -Regelstandard plus, 5-Maximalstandard. Fragt man nach diesen Standards, das empfehlen wir ausdrücklich, gibt es neben vielen schwammigen Ausflüchten meistens den Hinweis auf Aufgaben, die entwickelt wurden und werden und mit denen sich angeblich die verschiedenen Kompetenzstufen abbilden lassen. Dazu die KMK: Kompetenzstufenmodelle werden aus dem Zusammenspiel didaktischer Erwägungen und empirischer Daten gewonnen. Dazu werden Testaufgaben von Schülerinnen und Schülern einer ausreichend großen Stichprobe bearbeitet, um den Schwierigkeitsgrad und die Qualität der Aufgaben zu ermitteln…“ (Konzeption der KMK zur Nutzung der Bildungsstandards für die Unterrichtsentwicklung, Carl Link, 2010) So wurden von der Bildungsbehörde auch „zur Konkretisierung der Bildungsstandards“ Ordner mit alten Pisaaufgaben oder Links zu Matheaufgaben im Netz an die Schulen verteilt. Zusätzlich gab und soll es Zwangsfortbildungen in Mathe zu diesen Aufgaben geben. Wer so mit seinen PädagogInnen umgeht, der sollte sich über mangelnde „Akzeptanz“ wahrlich nicht beklagen.

Diese Kompetenzstufenmodelle und Standarddefinitionsversuche greifen nicht, weil in Bremen jedes dritte Kind von Armut, Arbeitslosigkeit der Eltern und Bildungsferne betroffen ist. In den sozialen Brennpunktgebieten der Stadt heißt das, dass ein Versuch diese Niveaustufen bei den Kindern (festgelegt z.B. bei VerA 3 oder 8 auf die dritte und achte Klasse), abzutesten, völlig daneben gehen muss, weil die Kinder aufgrund ihrer Situation auf einem Niveau sind, welches ihrem Alter im Durchschnitt gar nicht entspricht. So sind Kinder 1-2 Jahre zurück, können die Testaufgaben nicht verstehen und daher auch nicht entsprechend beantworten.

Das schlechte Abschneiden Bremens ist also aus verschiedenen Gründen nicht fair:

Der Test besteht aus Aufgaben, die immer so sein müssen, dass man sie nach einem Test auswerten kann (Psychometrie), Schüler_innen haben das Alter, die Reife aber nicht (Brennpunkt), Lehrkräfte kennen die Ergebnisse schon vorher, weil sie ihre Kinder und Jugendlichen kennen, es entsteht ein Ranking (ob man das will oder nicht). Der Test ist Mehrarbeit und aufwändig,die eigene Eingabe macht den Test anfällig. Zusätzlich verschlingen die Tests regelmäßig Millionen, die im Unterricht oder zur Entlastung von PädagogInnen besser angelegt wären. Allein der Unterhalt zweier Abteilungen, einer im LIS und einer in der Behörde, die sich überwiegend mit der sogenannten „Qualitätsverbesserung“ beschäftigen, ist überprüfungswürdig. Hier wäre eine Evaluation der Effizienz,d.h. was kommt von der Arbeit unterstützend im Unterricht an, sehr angebracht! Wir wüssten die Antwort.

Das Ziel der Behörde und mancher Wissenschaftler, von der OECD angetrieben, von einer „Inputsteuerung“ zu einer „Outputsteuerung“ zu kommen, ist zurecht in den Kollegien nicht angekommen. Die pädagogische Richtung kann nicht die hin zu einer „Effizienzsteigerung als Output“ sein, sondern nur hin zu einem echten Bildungszuwachs der Kinder. Einer Aneignung der Welt durch ganzheitliches Lernen. Dieser und der Begriff von Bildung müssten allerdings immer wieder neu diskutiert werden, denn er ist im Zug der vielen Veränderungen auch im Sprachgebrauch sehr verschüttet worden. Dafür müssen Zeiten vorhanden sein, die einen wirklichen Austausch über pädagogische Inhalte und Fragen möglich machen.

Zurück