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InklusionDiskurs statt Hype

Digitalisierung ist nicht die Lösung!

16.05.2020 - Ina von Hagen

Auch wenn wir derzeit mit Angeboten von digitalen Materialien und Online-Lernplattformen geradezu überhäuft werden, sollten wir uns bewusst sein, dass es sich hierbei nicht um die Lösung des Problems geschlossener Schulen handelt. Gerne vermitteln die hinter diesen Angeboten stehenden Firmen und Verlage, dass durch ihre Plattformen und Materialien eine adäquate Alternative zur real existierenden Schule vorhanden sei, doch dies muss äußerst kritisch hinterfragt werden.

Klar ist, dass weder garantiert werden kann alle Kinder und Jugendlichen online zu erreichen noch, dass sie in ihren Familien ansatzweise ähnliche Voraussetzungen zum Lernen haben. Diese Situation verschärft die in Deutschland sowieso schon massiv vorhandene Ungleichheit im Bildungsbereich. Hier muss der derzeitige „Hype“ um die vermeintlich gelungene Digitalisierung abgelöst werden durch einen kritischen Diskurs und die Entwicklung geeigneter Maßnahmen, die auf einen Nachteilsausgleich zielen und der Verschärfung von struktureller Benachteiligung entgegenwirken.

Hierzu gehört auch sich bewusst zu machen, dass es Schüler*innen und Schüler gibt, die aus den verschiedensten Gründen eine besondere Unterstützung, eine besondere Form des Zugangs zu ihren Lerninhalten sowie eine enge Begleitung benötigen, um sich überhaupt auf den Unterrichtsgegenstand fokussieren zu können. Als ein Beispiel seien hier die Kinder mit einem Förderbedarf im Bereich Wahrnehmung und Entwicklung (Kinder mit einer geistigen Behinderung) genannt. Bei allen anzunehmenden individuellen Verschiedenheiten der Kinder ist doch häufig ein handlungsorientierter Umgang mit dem Lerngegenstand sowie der Zugang über möglichst viele Sinne ein Mittel der Wahl, um den Kindern den Zugang zu ermöglichen und bevor es gilt, abstraktere Ebenen zu erklimmen. Dieses ist digital kaum leistbar, auch vor dem Hintergrund, dass eine verlässliche Bindung zwischen den Lehrkräften und ihren Schüler*innen und Schülern ein unbedingter Gelingensfaktor ist und vom direkten Kontakt getragen wird.

Es sollte grundsätzlich auch nicht vergessen werden, dass Schule mehr bietet als eine Wissensvermittlung im Bereich der Fachkompetenz. Schule ist immer auch ein Abbild der Gesellschaft mit all ihren Interaktionen. In der Schule wird das demokratische Miteinander ausprobiert und gelernt. Es geht u.a. um das Aushandeln verschiedener Bedürfnisse, den grundsätzlichen Austausch, das Suchen von Kompromissen sowie auch das Erlernen konstruktiver Konfliktlösungsstrategien u.v.m…Die Bremische Landesverfassung spricht von einer „Erziehung zu einer Gemeinschaftsgesinnung, die auf der Achtung vor der Würde jedes Menschen und auf dem Willen zu sozialer Gerechtigkeit und politischer Verantwortung  beruht, zur Sachlichkeit und Duldsamkeit gegenüber den  Meinungen anderer führt und zur friedlichen Zusammenarbeit mit anderen Menschen und Völkern aufruft“ (BremLV §26 Absatz 1).

Weiterhin schreibt §27 fest, dass alle das gleiche Recht auf Bildung haben und dieses Recht durch öffentliche Einrichtungen gesichert wird. Wir sollten also nicht vergessen, dass die derzeit so umjubelte digitale „Bildung“ keine Bildung im eigentlichen Sinne ersetzen kann, sondern nur einen kleinen Baustein zur Wissensvermittlung darstellt. Es gilt weiterhin nach Lösungen zu suchen, damit wir entsprechend unserer Landesverfassung tatsächlich Bildung für alle gewährleisten können.