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Die U-50-Stunde muss weg!

Nachdem in Bremen zirka 20 Jahre lang nicht eingestellt wurde, füllen sich in den letzten Jahren die Schulen wieder mit neueingestellten Lehrkräften.

Ein Viertel der Lehrkräfte ist heute unter 40 Jahren, über die Hälfte ist unter 50. Was erwartet die neu eingestellten Lehrkräfte nach dem Referendariat, dessen Ausbildungsbedingungen sich seit 2006 vor allem auszeichnen durch eine erhöhte Unterrichtsverpflichtung, mehr Prüfungsteile, die Verringerung von Fachleiterstellen und eine Verkürzung auf 1,5 Jahre?

16.10.2011 - von Petra Lichtenberg (Vorsitzende des Personalrats Schulen Bremen)

Unsere KollegInnen kommen motiviert, tatkräftig und froh, eine unbefristete Stelle zu haben, in die Schulen. Viele Jahre Arbeit in der Schule erwarten sie. Das Ziel sollte sein, bis ins Alter hinein die Motivation, die Freude an der Arbeit und die Gesundheit zu erhalten.

Aber: Es gibt kein langsames, unterstütztes „Hineinwachsen“ in die Aufgaben. In der Grundschule und in der SI werden die KollegInnen möglichst gleich als KlassenlehrerInnen eingesetzt, die Teilnahme an Schulentwicklung ist selbstverständlich – die KollegInnen haben ja noch Power! Dass der Schulalltag von morgens bis in den frühen Abend ausgedehnt wird, ist mittlerweile normal. Der Ganztagsschulbetrieb, das Abitur nach 12 Jahren, die Präsenz- und Kooperationszeiten sorgen dafür. Dazu kommen schlecht ausgestattete Schulreformen: die Oberschule und die Inklusion, für die es keine ausreichende personelle Ausstattung und kaum Differenzierungsmaterialien gibt. Entlastungsstunden für zusätzliche Aufgaben sind Mangelware. Nach bis zu 35 Stunden Präsenzzeit ist der größte Teil der Vor- und Nachbereitung zu Hause angesagt. „Alte Hasen“ mit Routine schaffen die Arbeit kaum noch.
Berufsanfänger aber müssen sich in vielen Bereichen die Grundlagen erst noch erarbeiten. Es bleibt kaum Zeit für Reflektion und erst recht nicht für Regeneration. Aber damit nicht genug: Nach zwei Jahren dürfen sie für 2 Jahre eine Unterrichtsstunde pro Woche mehr arbeiten. Das nenne ich echte Personalfürsorge!

Es gibt kaum eine Personalversammlung der Lehrkräfte seit der Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung 1997, in der die Arbeitsbelastung, die Forderung nach Senkung der Unterrichtsverpflichtung und der außerunterrichtlichen Aufgaben nicht thematisiert wurden. Dazu kommt immer wieder die Forderung nach einer besseren personellen Ausstattung der Schulen – insbesondere der Ganztagsschulen. Bei fast gleichgebliebenen Schülerzahlen ist seit 1995 jede 5.Lehrerstelle abgebaut worden.
Bisher haben wir aber keine grundlegend verbesserten Arbeitsbedingungen erreichen können. Es gab nur kleinere Erfolge wie die Reduzierung der Präsenztage und die Wiedereinrichtung der Altersteilzeit. Um die Arbeit überhaupt noch zu schaffen, arbeiten inzwischen zirka 50 % der Lehrkräfte in Teilzeit. Nur noch 10 % gehen regulär mit 65 in den Altersruhestand, die meisten gehen freiwillig – durch vorgezogenen Altersruhestand oder Altersteilzeit – oder unfreiwillig – aus gesundheitlichen Gründen – vorzeitig. Die KollegInnen halten die Belastung nicht mehr aus. Teilzeitarbeit und vorzeitiger Ruhestand bedeuten aber einen Verzicht auf Einkommen und Pensions- und Rentenansprüche. Auch sehr viele unserer neu eingestellten Kolleginnen arbeiten von Anfang an in Teilzeit.
Um eine gute Schule zu machen, brauchen wir motivierte, gut qualifizierte und gesunde Lehrkräfte – und zwar junge und alte! Dafür müssen aber die Bedingungen stimmen.

Ohne eine Aufstockung des Bildungsetats, eine bessere personelle Ausstattung und eine Reduzierung der Arbeitsbelastung für alle KollegInnen wird unser öffentliches Schulsystem an die Wand gefahren. Als erster Schritt muss die U-50 Stunde weg.

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