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GeburtsmedizinDie traumatisierte Gesellschaft

Die moderne Medizin beschädigt unsere Seelen – schon vor der Geburt.

 

16.03.2019 - Birgit Assel

Nie ist die menschliche Psyche verwundbarer als in den Stunden während und unmittelbar nach der Geburt. Weichen, die hier zum Guten oder Schlechten gestellt werden, können den gesamten Lebensweg eines Menschen beeinflussen. Umso schlimmer, wenn Ärzte in der entscheidenden Phase achtlos mit Mutter und Kind umgehen, wenn die Technologiegläubigkeit und der Ökonomismus unserer Zeit den Geburtsvorgang bestimmen. Selbst Gewalt gegen Gebärende im Namen ärztlicher Autorität ist in „modernen“ Kliniken keine Seltenheit.

Für die meisten Menschen beginnt ihr Leben erst nach der Geburt. Die ersten Geschichten über uns hören wir von unseren Eltern: Wie sie unsere Geburt erlebt haben, über ihre Erfahrungen mit uns als Babys. Wir selbst haben keine bewussten Erinnerungen an unsere Zeit im Mutterbauch, von unserer Geburt und unseren ersten Lebensjahren. Wir wissen aber heute aus der biologischen Zellforschung, dass es ein implizites Gedächtnis gibt, das heißt in unseren Zellen alle unsere Erfahrungen, die wir jemals in unserem Leben gemacht haben, gespeichert sind – auch unsere vorgeburtlichen Erfahrungen. Was wir nicht wissen - oder nicht wahrhaben wollen -, die vorgeburtlichen Erfahrungen beeinflussen unser ganzes Leben. Würde dieses Wissen endlich in die Köpfe der Menschen einziehen, müssten wir die kompletten Schwangerschaftsvorsorgeuntersuchungen und auch die üblichen Geburtspraktiken in den Entbindungskliniken auf den Kopf stellen – und zwar rigoros. Die Frage ist, warum passiert das nicht?

Alles Natürliche wird abgebaut

Was die heutigen Babys im Mutterbauch erleben, ist die totale Kontrolle ihrer Entwicklung. Dass dies so ist, verdanken wir der sich immer weiter entwickelnden Technik, aber auch einer gewissen Politik rund um Schwangerschaft und Geburt: Alles Natürliche wird sukzessive abgebaut, verhindert und immer mehr verunmöglicht. Die Schwangerschaft und die Geburt werden immer mehr von der Geburtsmedizin kontrolliert.

Die Hebammen werden gnadenlos aussortiert – sie stören den Ablauf. Die Vorsorgeuntersuchungen und die Geburt sind fest in ärztlicher Hand und die Klinikhebammen haben sich der Ärzteschaft unterzuordnen. Hausgeburtshebammen müssen horrende Haftungsgebühren zahlen, so dass sich ihr Beruf finanziell nicht mehr lohnt, zudem stehen sie immer mit einem Bein im Gefängnis. Die Zahl der Schnittgeburten steigt drastisch, in Deutschland ist jede dritte Geburt ein Kaiserschnitt. Das Wissen um eine natürliche Geburt geht mehr und mehr verloren. Viele Frauen und viele Kinder werden um die wichtigste Erfahrung in ihrem Leben betrogen: den ersten intensiven Körperkontakt; um die erste große Liebe, die entsteht, wenn Mutter und Kind sich zum ersten Mal in die Augen schauen. Bleibt diese erste Bindungserfahrung aus, fehlt etwas Wesentliches in unserem Leben, nachdem wir immer suchen werden.

„Kein Draht zum Kind“

In dem Buch von Brigitte Renate Meissner berichten Kaiserschnittmütter, dass sie ihre Kinder manchmal wie „Kletten“ empfinden, sie keinen richtigen „Draht“ zu ihrem Kind bekommen oder dass es so schreckhaft sei und viel mehr am Vater hinge. Ich gehe von der Annahme aus, dass eine Frau, die in ihrer Biografie keine Traumatisierungen erlebt hat, sich und ihr Kind keiner technokratischen Geburtshilfe ausliefern wird. Diese Frau hat ein gutes Gefühl für sich selbst, ist psychisch gesund und ist in der Lage, ihr Kind ohne fremde Hilfe zu gebären, oder zumindest in einem Kreis von Frauen, die ebenfalls wissen, dass das Gebären „Frauenarbeit“ ist. Die Geburt ist ein Ereignis, auf das sich die werdende Mutter und ihr Kind 40 Wochen vorbereiten. Es geht um die ersten Bindungsprozesse von Mutter und Kind, und jede Störung von außen unterbricht diesen Prozess. Unverarbeitete Traumata einer Mutter verhindern schon in der Schwangerschaft die natürliche Bindung zum Kind, weil dadurch die Psyche und der Körper einer werdenden Mutter weitgehend getrennt voneinander existieren.

Eine Schwangerschaft wird heute überwiegend von Ärzten und der ihnen zur Verfügung stehenden Technologie begleitet. Hat der psychische Zustand der werdenden Mutter in der ärztlichen Geburtshilfe schon während der Vorsorgeuntersuchungen kaum interessiert, so findet er während der Geburt ebenfalls kaum Berücksichtigung. Und hat sich eine werdende Mutter schon in der Schwangerschaft voll und ganz auf die medizinische Schwangerschaftsvorsorge verlassen, so wird sie auch während des Gebärens mehr den Ärzten vertrauen als ihrem eigenen Körpergefühl.

Der ungekürzte Text von zuerst im Magazin Rubikon erschienen. Rubikon berichtet über das, was in Massenmedien meist nicht zu finden ist. Geschrieben von unabhängigen Journalistinnen und Journalisten.

Birgit Assel ist Diplom-Sozialpädagogin. Sie bietet Fortbildungen, Seminare und Einzelarbeiten an. Kontakt über das Institut für Gesundheitsförderung und Therapeutische Verfahren (www.igtv.de. Das nächste Sonderseminar mit Prof. Dr. Franz Ruppert ist am 26./27. Juli 2019.

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