GEW Bremen
Sie sind hier:

Die Sprachberatung

Unsere Grundschule liegt in einem sehr besonderen Einzugsgebiet. Außer den vielen Arbeitslosen und Alleinerziehenden gibt es eine hohe Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund.

16.09.2013 - Ein Erfahrungsbericht | von Kirsten Yüzüncü

Die größte Gruppe kommt aus der Türkei. Es hat sich in den letzten 15 Jahren so etwas wie eine Parallelgesellschaft gebildet. Die Familien bleiben unter sich und sprechen meist nur in ihrer Muttersprache. Die Kinder sollen dann ab 3 Jahren im Kindergarten Deutsch lernen. Da aber hier gut zwei Drittel der Kinder türkischer Abstammung sind, wird kaum Deutsch gesprochen. Eine deutsche Erzieherin erzählte mir von ihrer neuen Kindergruppe, dass sie auch schöne Rollenspiele spielen, aber leider würde sie nichts davon verstehen. Selbst eine türkische Mutter, die sehr gut Deutsch sprach, erzählte mir beim Sprach-Test von diesem Problem der Unsicherheit in mehreren Sprachen. Allerdings betreffen die Sprachprobleme nicht nur Kinder mit Migrationshintergrund. So wird neuerdings die sogenannte „Sprachorientierung“ als Schwerpunkt gefordert.

Ich bin seit 2009 als Sprachberaterin an der Grundschule am Halmerweg in Gröpelingen tätig. Ein Jahr später habe ich mir zwei Entlastungsstunden in dieser Funktion mit einer Kollegin an unserer Schule geteilt, da die Kollegin bereits den LRS – Bereich in unserer Schule bearbeitete. Da ich Deutschfachlehrerin mit dem Schwerpunkt DaZ bin, hat mich diese Aufgabe sehr interessiert, obwohl eigentlich über viele Jahre unklar war, was unser Aufgabenbereich beinhalten soll. Einen Entwurf für ein Konzept gibt es erst seit diesem Jahr.
Bei dem ersten Treffen mit der damaligen Grundschulreferentin wurde nur mündlich mitgeteilt, was in etwa auf uns zukommt. Es sollte von nun an eine neue Sprachstandserhebung (Cito) für die Kindergartenkinder erfolgen und eine intensivere Förderung ermöglicht werden. Unverständlich für mich war, dass obwohl nach meinen Erkenntnissen bereits ausgebildete Fachkräfte in den KITAS vorhanden waren, die Behörde sich überlegt hatte, die zusätzliche Förderung für getestete Kinder, die vorher nicht im Kindergarten waren, in unsere Schule zu verlegen. Dafür erhielt die Schule vier Stunden. Da die Teilnahme an der Förderung freiwillig war, ist keines der ausgewählten Kinder, auch nicht nach wiederholter Aufforderung, erschienen. Dieses Ziel wurde also verfehlt. Inzwischen wurde es auch aufgegeben.
In den letzten Jahren gab es im Rahmen der SprachberaterInnenausbildung eine Reihe guter Fortbildungen. Das Beste daran aber war der informelle Austausch mit den KollegInnen. Ich traf viele ehemalige DaZ – Kommilitoninnen. Hier kam viel Erfahrung zusammen. Alle vier Wochen sollte das Regio – Treffen für die Sprachberaterinnen stattfinden, ohne dass der Behörde klar war ,was wir eigentlich tun sollten. In unserer Regio–Gruppe haben wir beschlossen auf die Kompetenzen der Anwesenden zurückzugreifen. In diesem Jahr lag nun ein Referentenentwurf vor. An unserer Schule haben wir festgestellt, dass wir vieles, was gefordert wird, schon Jahrzehnte lang vermitteln. Für mich stellte sich noch einmal die Frage nach dem Sinn einer solchen Sprachberaterinnenfunktion. Im Prinzip wäre so eine Stelle an unserer Schule nicht nötig gewesen , da viele KollegInnen eine DaZ – Ausbildung haben und wissen, worauf es ankommt in einem sprachorientierten Fachunterricht. Den Cito – Test hätten auch Hilfskräfte durchführen können. Kritik daran wurde auch laut. Er kostet viel Geld und bezieht nur den passiven Wortschatz ein, Fortschritte im daran anschließenden Jahr können nicht auf den Cito-Test zurückgeführt werden, sondern auf die weitere Reife der Kinder im Folgejahr. Auch die Verbindung zu den umliegenden Kindergärten steht schon lange auf sicheren Füßen. Trotzdem war es gut, dass meine Kollegin und ich Zeit hatten, um gute Fortbildungen zu besuchen und dafür Multiplikatoren sein zu können. Denn die zusätzlichen Fachkonferenzen vorzubereiten und immer wieder Augen und Ohren offen zu halten nach geeigneten Materialien oder Informationen für den Deutschbereich zu suchen, das braucht Zeit.
Besonders bewährt hat sich in unserem Sprachkonzept die Arbeit in der Lernwerkstatt, mittlerweile steht sie den KolleInnen und SchülerInnen unserer Schule mit Begleitung in 10 Stunden zur Verfügung. Es können jeweils Halbgruppen geschickt werden, somit können die Lehrkräfte in ihrer Klasse den Deutsch – oder Mathematikunterricht in der Kleingruppe durchführen, was wiederum sprachfördernde Auswirkungen hat. In der Lernwerkstatt arbeiten die Kinder forschend und entdeckend. Die Lust auf das Experimentieren und die Motivation das Erlebte mitzuteilen, veranlasst die Kinder sich auf eine ganz natürliche Weise zu äußern und auch den Fachwortschatz zu benutzen. Begriffsbildung findet statt. Dazu gibt es auch schon Anregungen - z.B. (Förmig- Projekt) aus Hamburg - wie Sprachförderung konkret am Thema „Wasser“ durchgeführt werden kann.
Um den Anforderungen für eine intensivere Sprachförderung und Beratung gerecht zu werden reicht eine Stunde eigentlich nicht aus, sie ist aber immerhin Anerkennung für unsere Bemühungen und deshalb macht uns unsere Arbeit Freude. Nach dem jetzigen Konzeptentwurf ist der Arbeitsbereich so umfangreich, dass man ihn ohnehin kaum bearbeiten kann. Diese Kritik stand schon bereits am Anfang der Tätigkeit im Raum. Aber da halten wir uns strikt an die Aufforderung der ehemaligen Grundschul-Referentin von 2009: „Machen sie doch erst einmal, was sie schaffen!“

Zurück