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Die Jugend, die Bildung und auch „ich bin doch nicht blöd, oder“

Traut man den Medien, dann haben die Schulabbrecher alles richtig gemacht. Mark Zuckerberg z.B. mit Facebook oder die Jungs neulich mit ihrer Fotoapp, die das Foto nach 10 Sekunden löscht. Also was sollen wir unseren Schülern empfehlen? Erfinde was, dann wirst du reich? Geh zu den Castingshows, dann wirst du schneller reich? Und berühmt. Da der Markt fast alles dominiert, musst du dich für diesen Markt „fitmachen“, heißt deine Verwertbarkeit zur Verfügung stellen. Wobei reale Welt und Werbung für viele schon nicht mehr zu unterscheiden sind, zumal für die, die sich überwiegend im Netz, auch im sozialen aufhalten. Da tönt es alle Jahre wieder aus den Medienanstalten der Landesinstitute: wir brauchen Medienkompetenz.

16.12.2014 - von Wilfried Meyer

Und wer soll es richten?
Wir. Die Schule soll es machen, denn auf die Eltern ist nicht richtig Verlass. Jugendliche verbringen von 10 Stunden am Tag 7 Stunden mit sitzenden Tätigkeiten, davon läuft lesen unter Fernerliefen, Buch ganz weit entfernt. Ab 16 Jahren gibt es keine Kontrolle mehr über den Medienkonsum. Und liebe KollegInnen, das sind doch Durchschnittszahlen. Der Eine sitzt 15 Stunden, der andere 5. Und trotzdem treibt die Mehrheit angeblich Sport?

Schule soll also leisten:
Den Umgang mit Medien vermitteln, gesunde Ernährung bieten, Bewegungsangebote machen, Präparation für den Arbeitsmarkt leisten, Wissensvermittlung und dessen Anwendung ermöglichen, und das sicher kreativ und selbstständig. Natürlich möglichst „individualisiert“, aufbauend auf Individualdiagnose und das Ganze dann als Leistungen auch bewerten oder selbst bewerten lassen?! Da ist doch unsere Schule von vornherein zum Scheitern verurteilt. Schule kann nicht alles leisten was an sie herangetragen wird. Wenn man sich das nicht klarmacht, kommt man in den Hamsterkreislauf des ewig Verbessernden, denn nie wird es genug sein. Immer gibt es mehr an Schule herangetragene Probleme als Möglichkeiten dieser, jene zu lösen. Gern wird es aber von allen möglichen Besserwissern an Schule herangetragen. Und damit ist für einige von uns Überforderung und Burnout vorprogrammiert.
Wer ist schon so stark, sich ständig klarzumachen, dass ich ein guter Pädagoge bin und nicht alle Kehrtwendungen der Politik und sogenannten Bildungsforschung mitmachen kann und muss, unter denkbar ungünstigen Bedingungen?!
Oft muss dann nämlich von den Jugendlichen die Erfahrung gemacht werden, dass all ihre Mühen nicht viel Wert waren, weil der Arbeitgeber oder der Markt schon wieder ganz andere Dinge von ihnen fordert. Deshalb kommt die Flexibilität natürlich als weitere „Kompetenz“ hinzu. Macht das zufrieden?

Streitbar als These ausgedrückt: „Das aktuelle Glücksversprechen der Bildung ist ein falsches, weil es dabei weder um Bildung noch um Glück geht. Es geht, wenn überhaupt, um Abrichtung, Anpassung und Zufriedenheit durch Konsum.“ Oder was bedeutet die sogenannte „Outputorientierung“ anderes? Pädagogik verstanden als Konzept der Vermittlung von Denken über und Verstehen der Welt und somit auch eines Begreifens und einer subjektiven Aneignung der Welt ist aus der Mode gekommen. Mit Kompetenzorientierung lässt sich alles abdecken was gebraucht wird. Und das wird dann in Rastern und Curricula knüppeldick aufgetragen und niedergelegt. Und es gäbe noch viele andere Fragen zu stellen und zu bereden! Was ist los nach Pisa, Vera und Co.? Wer will uns ständig reinreden? Welches Wissen? Welche Fächer? Powerpoint ist alles? Was bringt uns die Vernetzung? Nur der Konsum zählt? Gibt es noch die Lust zum Lesen oder Philosophieren? „Und dabei wäre alles ganz einfach: Alle, die an Bildung interessiert sind, müssten sich darüber verständigen, was Heranwachsende können und wissen sollten, um diese Welt und ihre Situation in dieser zu verstehen“. (Die Zitate und weitere streitbare Thesen sind wunderbar nachzulesen und nachzudenken in dem neu erschienen Band von Konrad Paul Liessmann, Geisterstunde, Die Praxis der Unbildung, Eine Streitschrift, Zsolnay-Verlag, 2014)

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