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Deutsches Blut und deutscher Fußball

Anmerkungen zur Wiederkehr des Völkischen

16.10.2016 - Werner Pfau

Wellen der Empörung schlugen hoch, als Alexander Gauland im Rahmen eines Gesprächs mit der FAZ einen Gedanken zur Integrationsdebatte platzieren wollte. Die Deutschen, so Gauland, bewunderten die spielerische Brillanz eines Boateng, würden ihn aber nicht als Nachbarn haben wollen. Die Bewunderung für den Fußballspieler sei also keineswegs Ausdruck „echter“ nationaler Zusammengehörigkeit; wenn es um das Zusammenwohnen im selben Viertel geht, so die Botschaft, seien Fremde nun einmal nicht erwünscht. Und an Leuten wie Boateng klebt in Gaulands Augen offenbar eine Fremdheit, die nicht durch Sozialisation oder beruflichen Erfolg in Deutschland überwunden werden kann, weil sie aus der Biologie entspringt, aus dem, was Gauland „Blut“ zu nennen sich noch nicht getraut hat, was er aber konsequent durch das Attribut einer unaufhebbaren Eigenschaft verbildlicht hat: Durch die Wahl eines dunkelhäutigen Menschen als Exempel.

Verräterisches Dementi

Da war er wieder, der völkische Nationalismus, doch mit ihm und gegen ihn erhob sich eine empörte Einheitsfront, die von Grünen und SPD über Angela Merkel bis hin zur BILD-Zeitung reichte. Und auch CSU-Generalsekretär Scheuer stimmte mit ein, forderte sogar „Null Toleranz gegen Rassismus“. Schon das könnte misstrauisch stimmen. Die BILD-Zeitung? Hat sie nicht neulich, in einer regelrechten Kampagne, gegen die „Pleitegriechen“ gehetzt? Und Scheuer? Beklagte sich über den Fußball spielenden und kirchlich aktiven Senegalesen, der so schwer abzuschieben sei. Aber auf einen Boateng – auf den lässt man nichts kommen.

Warum also der Aufruhr, auch bei Menschen, die gerne nationale Töne anschlagen? Vielleicht genau deswegen, denn Boateng gilt dem deutschen Stammtisch nicht als fremd, er hat der Nation an der Fußballfront Ruhm und Ehre erworben. Tore fürs Vaterland - das beweist echte nationale Zugehörigkeit. Vielen erschien das Raunen Gaulands deshalb so infam, weil es grade einen deutschen Helden beschmutzte. Darin lauert aber auch die Umkehrung: Was, wenn Gauland nicht auf den Fußballheros losgegangen wäre, sondern auf die üblichen und sowieso zum Abschuss frei gegebenen Gruppen. Afrikanische Drogendealer zum Beispiel oder marokkanische Flüchtlingsjungen, die bekanntlich den ganzen Tag nichts anderes tun, als auf der Kölner Domplatte blonde Frauen anzutanzen - wäre dann ein ebensolcher Shitstorm losgebrochen? Tausende aufgebrachter User von Facebook oder Twitter betonten, ein Boateng dürfte sehr wohl in ihrem Nachbarhaus wohnen - dürfte die rumänische Romafamilie es auch?

Ein sehr nationaler Diskurs

Der Shitstorm beweist, was er scheinbar widerlegte: Dass Nationalismus eben nicht nur bei der AfD vorhanden ist. Im Kulturkampf um die Zugehörigkeit eines exemplarischen Nationalspielers mit nichtdeutscher Abstammung stehen sich zwei Varianten nationalen Denkens gegenüber. Die Mehrheitsgesellschaft in Deutschland akzeptiert mittlerweile Menschen nichtdeutscher Abstammung als neudeutsche Bürger, darin die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts durch Rot-Grün geistig nachvollziehend. Menschen, die schon seit ihrer Geburt hier leben, wird großzügig ein Pass angeboten. Wie Brecht in den Flüchtlingsgesprächen schrieb, ist der Pass ja der edelste Teil des Menschen. Anscheinend ist er jedoch nur auf Bewährung vergeben. Seine Inhaber müssen beweisen, dass sie auch wirklich zu 'uns' gehören, was nicht allen so gut gelingt oder überhaupt gelingen kann wie einem, der berufsmäßig für die deutsche Nationalmannschaft spielt. Umgekehrt ist es nicht üblich, Menschen deutscher Abstammung die Zugehörigkeit abzusprechen, wenn sie etwas Verwerfliches getan haben sollen. Gaulands versuchte Anbiederung an Volkes Stimme ging deshalb so schief, weil sich bis in die Mitte hinein die Vorstellung, nur wer deutsche Eltern hat, könne auch guter Deutscher sein, relativiert hat. Hautfarbe und vermeintliche kulturelle Fremdheit sind keine unüberwindbaren Hindernisse, wenn ein Mensch sich in den Augen des Betrachters „integriert“ hat. Diesen Beweis muss er aber schon antreten, sonst könnte auch er in Ungnade fallen.

Völkische Fundamentalisten

Zwar hat Gauland selbst den taktischen Rückzug angetreten, Petry sich gar distanziert, aber dass der völkische Nationalismus sich trotzdem einen Platz im öffentlichen Diskurs erobert hat, zeigen Einlassungen von Höcke oder Petry, aber auch Stimmen außerhalb der AfD. Höcke etwa nimmt die Rolle des platten Hetzers ein, der über Afrikaner und Europäer in biologistischer Manier redet, sie als „Fortpflanzungstypen“ gegenüberstellt. Er ist der Mann fürs Grobe, sprich für die Kompatibilität der AfD mit dem rechtsextremen Lager. Seine Reputation bei der „Lügenpresse“ ist ihm relativ egal. Schlauer fädelte es Thilo Sarrazin vor sechs Jahren ein: Er konstruierte seine kleine Rassenlehre, indem er vermeintlich erfolgreiche und vermeintlich erfolglose Einwanderergruppen gegenüberstellte und die Vererbung von Intelligenz dafür verantwortlich machte. Das war ein Versuch, Rassismus und die Idee national nützlicher Einwanderung zu verknüpfen. Sarrazin ist zwar umstritten, hat sich aber so die öffentliche Rolle als „Querdenker“ gesichert; für einen Parteiausschluss aus der SPD haben seine verqueren Gedanken auch nicht gereicht.

Dennoch, in der Integrationsdebatte nimmt ein Teil der Neue Rechten einen fundamentalistischen Standpunkt ein. Sie hält daran fest, dass nur Deutschstämmige zum Staatsvolk gehören dürfen. Ein Fußballstar afrikanischer Herkunft ist für Sie deshalb auch kein Zeichen gelungener Integration sondern Indiz für eine Überfremdung Deutschlands, eine Verdrängung angestammter Deutscher, sei es am Arbeitsmarkt, Wohnungsmarkt und - sogar im Nationalteam. Wer kein deutsches Blut hat, kann nie deutsch werden, darin liegt die faschistische Logik von Gaulands Vorstoß. Wahnsinn? Ja, aber keiner, der in der Verbohrtheit eines alten Mannes zu suchen wäre. Er gehört zum Grundbestand nationalistischen Denkens.

Die historischen Wurzeln des Völkischen

Lange Zeit zeichneten die Geschichtsbücher ein einigermaßen rosiges Bild von der Entstehung der europäischen Nationalbewegungen im Gefolge der französischen Revolution. Wie auch sonst, sind es doch Nationalstaaten, die Lehrpläne festlegen, weshalb sollten sie eine kritische Befassung mit sich selbst zulassen? In der Bundesrepublik wurde dies noch verkompliziert durch die Frage, an welche nationalen Traditionen anzuknüpfen wäre, da der Faschismus nicht und das Kaiserreich nur bedingt in Frage kam. So blieb nur der deutsche Vormärz, der in die gescheiterte Revolution von 1848 mündete. Die zentrale Denkfigur war dementsprechend die Unterscheidung von „gutem“ Patriotismus und „bösem“ Nationalismus. Letzterer sei erst bei Hitler, vielleicht auch schon im Kaiserreich aufgekommen, die Bundesrepublik stehe jedoch ganz im Zeichen des unschuldigen Patriotismus der Revolution von 1848.

Dieses Geschichtsbild ist heute nicht mehr haltbar und man hätte es auch früher schon besser wissen können. Ein Blick in bekannte Quellen zur Entstehung der deutschen Nationalidee könnten einen auf Spur bringen. Niemand geringeres beispielsweise als der Philosoph Fichte spricht in seinen „Reden an die deutsche Nation“ von 1808 davon, dass nur echte Deutsche zur Nation gehören dürften. Juden gehörten nicht dazu, es sei denn, man schnitte ihnen ihre Köpfe ab und setze ihnen deutsche Köpfe auf. Nationale Identität wurde als auf biologischer Verwandtschaft („Blut“) begründet gesehen. Der Vorkämpfer des nationalen Einheitsgedankens, Ernst Moritz Arndt, forderte als einigendes Band der zukünftigen deutschen Einheit den 'Hass auf Frankreich', und zwar für 'lange Zeit', sowie die Ausmerzung französischer Lehnworte aus dem Sprachgebrauch. Auf dem Wartburgfest 1817 wurden nicht nur die alten Zöpfe der Fürsten verbrannt, sondern auch der Code Civil, das Gesetzbuch der Französischen Revolution, sowie die Schriften des jüdischen Gelehrten Saul Ascher, der die Deutschtümelei kritisiert hatte. Er und Leute wie Heine schrieben gegen die damaligen Gaulands an, blieben damit aber eine kleine linksliberale Minderheit. Der Verfasser des Deutschlandliedes, Hoffmann von Fallersleben, mokierte sich später, anlässlich der Spannungen zwischen Preußen und Dänemark in den 1850er Jahren, über die Menschen, die im nördlichen Schleswig-Holstein lebten. Der „dänische Geist“ sei  stark in ihnen, weshalb sie nicht zum deutschen Volk gehören könnten. Auch antisemitische Äußerungen finden sich bei ihm.

Die Konstruktion nationaler Identität

Der europäische Nationalismus, zumindest in seiner durch die Romantik beeinflussten Form, beruht auf der Vorstellung, dass jeder Mensch genau einem Volk mit gemeinsamer Abstammung, Kultur, Sprache angehört und diese seine Identität ihre Verwirklichung in einem gemeinsamen Nationalstaat findet. Kritische Forschungen von Leuten wie dem Sozialforscher Ernest Gellner oder dem Historiker Eric J. Hobsbawm haben gezeigt, dass diese Vorstellung ein Konstrukt von Eliten darstellt, die sich damit Loyalität sichern wollten. Mag die Herstellung des Nationalstaats eine Notwendigkeit für den aufkommenden Industriekapitalismus gewesen sein, er selbst legitimierte sich durch erfundene Traditionen. Das Germanische wurde hervorgezaubert, Heldenfiguren wie Hermann der Cherusker geschaffen – der als reale historische Figur nicht einmal Germanisch sprach. Anderswo musste das Slawische herhalten, in später gekommenen Nationen wie der Türkei das Türkentum. Was aber soll ein Stammesfürst, der vor über tausend Jahren starb, mit Deutschen von heute zu tun haben? Als Bindeglied bleibt immer nur – die Abstammung, das „Blut“. Und wovon der Nationalismus so blutig abstrahierte: Fast nirgendwo auf der Erde lebten ethnisch Zusammengehörige auf einem Territorium, überall mischten sich Kulturen und auch Sprachen. Gemeinsame Sprache konstituiert nicht die Nation, das ist eine ideologische Lüge, umgekehrt verhält es sich: Wo Nationalstaaten entstehen, wird ein Dialekt oder der Soziolekt der herrschenden Schicht als Staatssprache durchgesetzt. Und abweichende Sprachen werden verboten oder geächtet, vor allem, wenn sie als Zeichen einer anderen ethnischen Zugehörigkeit gedeutet werden konnten, etwa das Katalanische in Spanien, das Kurdische, Beispiele gibt es unzählige.

So langsam sickern solche kritischen Gedanken auch in die Schulbücher ein. Ob sie gegen den Zeitgeist ankommen, ist die Frage. Zumal auch antirassistische Projekte in letzter Zeit mit einer positiven Besetzung von nationalen Symbolen arbeiten. Da werden dann Demokratie und Toleranz in den schwarz-rot-goldenen Farben dekoriert. Bösartig formuliert, funktioniert das nach dem Muster des Pawlowschen Hundes. Wissenschaftlich begründeter, aber auch schwieriger ist es, die problematische Geschichte nationaler Symbole im Unterricht erkennbar werden zu lassen. Aber der Satz des Pythagoras ist auch nicht einfach.

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