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Der Vorbereitungsdienst belastet stärker als vermutet

Eine aktuelle Studie der PH Freiburg hat die Merkmale und Ausprägungen psychosozialer Belastungen bei Referendar/innen untersucht. Dabei wurde erforscht, mit welchen Belastungen sie im Vergleich zu Lehrkräften und anderen Berufen zu kämpfen haben und welche gesundheitlichen sowie psychischen Folgen sie zeigen.

16.09.2015 - Anne-Sophie Rosati, Marie Drüge, Karin Schleider

Die Wissenschaft hat sich schon oft mit den Belastungen des Lehrberufs, mit seinen Ursachen, Bedingungen und Folgen (z.B. Burnout) auseinandergesetzt. Schaarschmidt (2004) zufolge zeigt kein anderer Beruf vergleichbar kritische Belastungsverhältnisse auf. Vor allem die zweite Phase der Lehrerausbildung – das Referendariat – wird psychosozial als sehr belastend gesehen. Mit dem Beginn des Referendariats kommen vielfältige Anforderungen auf die Lehramtskandidaten/innen zu. Es müssen zahlreiche Kompetenzen der Bereiche Unterrichten, Erziehen, Beurteilen und Innovieren (Kultusministerkonferenz, 2004) erworben und erprobt werden, um die neuen Aufgaben zu bewältigen. Diese Übergangsphase von der Hochschule in die berufliche Praxis wird häufig mit dem sogenannten »Praxisschock« beschrieben (Klusmann et al., 2012) und wird als sehr belastend beschrieben. Viele der Referendar/innen brechen den Vorbereitungsdienst ab und beenden ihre Berufslaufbahn (ebd.). Umso erstaunlicher ist es, dass sich mit dieser Thematik bislang nur sehr wenige Untersuchungen (Christ/van
Dick/Wagner, 2004; Klusmann et al., 2012) befasst haben.

Aus diesem Grund wurde an der Abteilung für Beratung, Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie der Pädagogischen Hochschule Freiburg eine Studie durchgeführt, welche die Merkmale und Ausprägungen psychosozialer Belastungen bei Lehramtsanwärtern/innen erhebt und Zusammenhänge zu deren Folgen aufzeigt (Drüge/Schleider/Rosati, 2014).

An der Studie aus 2013 nahmen 342 Referendar/innen aus den staatlichen Seminaren für Didaktik und Lehrerbildung, der Lehrämter Grund- und Hauptschule, sowie des Lehramts für Realschule, in Baden-Württemberg teil. Die angehenden Lehrkräfte nahmen von Januar bis Mai 2013 an einer Onlinebefragung mit dem Messinstrument Copenhagen Psychosocial Questionnaire (COPSOQ, www.copsoq.de) teil und beantworteten spezifische Fragen zu ihrer Arbeit, dem Arbeitsumfeld und ihrem momentanen Gesundheitszustand. Mit dem gleichen Messinstrument wurden bereits über 54.000 Lehrkräfte in Baden-Württemberg sowie weitere Berufe untersucht (Nübling u. A., 2012). Diese Daten wurden mit denen der Referendar/innen verglichen, um Aussagen über das Maß der Belastung und der daraus resultierenden Folgen treffen zu können.

Wie bewerten die angehenden Lehrkräfte ihre beruflichen psychosozialen Belastungen?

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die Referendar/innen insgesamt berufstypische Belastungsaspekte aufweisen. So zeigen die angehenden Lehrkräfte in der Gegenüberstellung mit den Vergleichsgruppen in den Bereichen »Anforderung«, »Soziale Beziehungen und Führung« und »Unsicherheit des Arbeitsplatzes« in vielen Skalen deutlich höhere Werte. Bei der Einschätzung der Anforderungen liegen die Werte aller vier Skalen in diesem Bereich bei den Referendar/innen ausnahmslos über den Werten der Vergleichsgruppen. Höhere Werte sind dabei gleichzustellen mit erhöhten Anforderungen. Drei Skalen stechen dabei besonders hervor: die »quantitativen Anforderungen «, die »emotionalen Anforderungen« und die »Unvereinbarkeit von Berufs- und Privatleben«. Alle drei Skalen haben einen großen Einfluss auf die psychische Gesundheit. Die starke gefühlsbezogene Belastung, die dem Lehrberuf und dem Referendariat zugeschrieben wird, kann somit durch die Ergebnisse bestätigt werden. Hingegen widerlegen die Befunde die Mutmaßung, dass sich im Lehrberuf Freizeit und Arbeitszeit besser miteinander vereinbaren lassen, als bei anderen Berufen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei der »Unsicherheit des Arbeitsplatzes«. Die Referendar/innen sind
deutlich unsicherer was ihren Arbeitsplatz anbelangt als die gleichaltrigen Vergleichsgruppen anderer Berufsbranchen. Dies ist ein deutlicher Nachteil, da eine große Sicherheit des Arbeitsplatzes Burnout-Symptomen entgegenwirkt (Nübling u.A. 2012). Bei den »soziale Beziehungen und Führung« erzielen die Anwärter/innen bei fünf der Skalen (Rollenkonflikte, Rollenklarheit, soziale Unterstützung, soziale Beziehungen und Gemeinschaftsgefühl) die schlechtesten Werte aller Vergleichsgruppen. Da sich das Ausmaß an sozialer Unterstützung positiv auf Beanspruchungsfolgen auswirkt, kann davon ausgegangen werden, dass diese positiven Einflüsse bei den angehenden Lehrkräften geringer ausfallen.

Im Bereich »sozialen Beziehungen und Führung« weisen Referendar/innen auch auf einigen wenigen Skalen positive Werte auf: So zeigen sich bei den Skalen zu »Feedback« und »Führungsqualität« die besten Werte innerhalb der Gruppen und gerade die Führungsqualität zählt zu den Faktoren, die eine hohe positive Bedeutung für das psychische Wohlbefinden haben. Ebenfalls gute Werte weisen die Referendar/innen bei der Bewertung ihrer »Einfluss- und Entwicklungsmöglichkeiten« auf. Die
hohen Werte dieser vier Skalen können positiv beurteilt werden. Besonders erwähnenswert sind die Werte für die »Entwicklungsmöglichkeiten« und die »Bedeutung der Arbeit«, die tatsächlich deutlich günstiger als bei den Vergleichsgruppen ausfallen. Diese Ergebnisse legen eine positive Einstellung zum Beruf nahe, was sich wiederum günstig auf die Gesundheit auswirkt und einen deutlichen strukturellen Vorteil gegenüber anderen Berufen darstellt. Zusammenfassend lassen sich in den meisten Bereichen deutliche Nachteile, aber durchaus auch einige Vorteile feststellen.

Bedenkliche Werte bei den Folgen der Beanspruchung

Ein weiteres Ziel der Studie war es, die Folgen der Beanspruchung zu ermitteln. Dafür wurden den Teilnehmer/innen speziell Fragen zu Arbeit und Gesundheit gestellt. Erfragt wurden zum Thema Arbeit, wie häufig an Berufsaufgabe gedacht wird und wie hoch die Zufrieden mit der Arbeitssituation ist. Zum Thema Gesundheit standen der allgemeine Gesundheitszustand, das Burnout-Syndrom, sowie die kognitiven Stresssymptome und die Lebenszufriedenheit im Fokus. Bei drei der fünf erfragten Folgen weisen die Referendar/innen die schlechtesten Werte aller zum Vergleich herangezogenen Gruppen auf.

Die ungünstigen Werte bei den Fragen zu den »kognitiven Stresssymptomen« wie auch denen zum »Burnout-Syndrom« zeigen, dass die angehenden Lehrkräfte deutlich stärker belastet sind. Die gewonnenen Daten lassen sich mit denen der Lehrerbelastungsforschung vergleichen, die Ausprägungen sind jedoch in fast allen Punkten noch negativer zu beurteilen. Erfreuen sich Lehrer/innen einer höheren »Arbeitszufriedenheit« und »Lebenszufriedenheit« gegenüber anderen Berufen (Nübling u. A., 2012), so gilt dies nicht für die angehenden Lehrkräfte. Sie liegen gleichauf mit der Vergleichsgruppe der Gleichaltrigen. Der schlechte Wert bei den »Gedanken an Berufsaufgabe« deckt sich mit hohen Abbruchquoten zwischen erstem Staatsexamen und Berufseinstieg von rund 20 Prozent. Neben den emotionalen Anforderungen, der Unvereinbarkeit von Berufs- und Privatleben und der Bedeutung der Arbeit, die als Prädikatoren für schlechtere Werte bei den Folgen identifiziert werden konnten, zeigt sich bei den Folgen ein stimmiges, aber eher negatives Bild.

Fazit

Insgesamt weist die Studie darauf hin, dass der Vorbereitungsdienst für die angehenden Lehrkräfte eine Phase darstellt, die mit starken Belastungen einhergeht. Vor allem die alarmierenden Werte bei den Folgen der Beanspruchung zeigen aus unserer Sicht, dass Handlungsbedarf besteht. In diesem Zusammenhang ist auch die geplante Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung im Vorbereitungsdienst
sehr kritisch zu betrachten. Eine solche Maßnahme könnte zu einer weiteren Erhöhung der Belastungen führen. Angehende Lehrkräfte sollten während der zweiten Phase der Lehramtsausbildung angemessen unterstützt werden: Neben einer möglichen Entlastung durch eine Verringerung der Unterrichtsverpflichtung, wie von der GEW gefordert, sollten Maßnahmen der Prävention und Intervention geplant, umgesetzt und evaluiert werden. So haben sich zum Beispiel Formen berufsbezogener Beratung in außerschulischen pädagogischen Kontexten (vgl. Drüge, Schleider, Färber, 2013) sehr bewährt. Denn nur gesunde Lehrkräfte tragen auf Dauer zu einer gesunden Schule bei und nur so kann Bildung eine zentrale Ressource bleiben.

 

Anne-Sophie Rosati, M.A. Erziehungswissenschaften
Marie Drüge, Dipl.-Psych., akademische Mitarbeiterin
Karin Schleider, Prof., Dr., Dipl.-Psych., Sonderpäd., Abteilung für Beratung, Klinische Psychologie und Gesundheitspsychologie an der Pädagogischen Hochschule Freiburg.

www.ph-freiburg.de/psychologie/abteilungen/beratung-klinische-und-gesundheitspsychologie/home.html

aus: bildung und wissenschaft 4/2015 (GEW Baden-Württemberg)

Literatur
Christ, O./van Dick R./Wagner U. (2004): Belastung und Beanspruchung bei Lehrern in der Ausbildung. In A. Hillert/E. Schmitz (Hrsg.).: Psychosomatische Erkrankungen bei Lehrerinnen und Lehrern. S. 113-119). Stuttgart: Schattauer.
Drüge, M./Schleider, K./Färber, S. (2013): Supervision als Präventionsmaßnahme bei psychosozialen Belastungen im Kontext pädagogischer Berufe – Eine qualitative Pilotstudie. Prävention. 79-83.
Drüge, M./Schleider, K./Rosati, A.-S. (2014): Psychosoziale Belastungen im Referendariat –Merkmale, Ausprägungen, Folgen. Die deutsche Schule, 4-2014, 358-372.
Klusmann, U./Kunter, M./Voss, T./Baumert, J. (2012): Berufliche Beanspruchung angehender Lehrkräfte: Die Effekte von Persönlichkeit, pädagogischer Vorerfahrung und professioneller Kompetenz. In: Zeitschrift für Pädagogische Psychologie 26 (4), S. 275–290.
Kultusministerkonferenz – Sekretariat der ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland (Hg.) (2004):  Standards für die Lehrerbildung: Bildungswissenschaften. Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 16.12.2004. Online abrufbar.
Nübling u.A. (2012): Personenbezogene Gefährdungsbeurteilung an öffentlichen Schulen in Baden-Württemberg: Erhebung psychosozialer Faktoren bei der Arbeit. Online abrufbar.
Schaarschmidt, U. (2004): Fit für den Lehrerberuf? Psychische Gesundheit von Lehramtsstudierenden und Referendaren. In U. Beckmann, H. Brandt/H. Wagner (Hrsg.): Ein neues Bild vom Lehrerberuf? Pädagogische Professionalität nach Pisa (100-115). Weinheim und Basel: Beltz.

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