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Der Umbau der Bremer Schulen

Die rot-grüne Regierungskoalition hat 2007-2009 eine umfangreiche „Schulreform“ auf den Weg gebracht. In einer Bürgerschaftsrede am 27.Mai 2009 betonte Bildungssenatorin Jürgens-Pieper, dass das Ziel die qualitative Weiterentwicklung des Schulsystems und die Verbesserung des Lernniveaus unserer Schüler- und Schülerinnen seien. Wer von uns hat etwas gegen eine qualitative Verbesserung des Schulsystems? Theoretisch keiner – wenn nicht unsere Wirklichkeit an den Schulen in krassem Widerspruch stehen würde zu dem, was in vielen Reden und auf dem Papier so schön klingt oder schön geredet wird.

16.02.2012 - Die GEW-Fraktion im Personalrat Schulen Bremen

Nicht zu Ende gedachte Maßnahmen

Ziemlich zügig wurde nach ihrem Amtsantritt von Senatorin Jürgens-Pieper mit dem Umbau des Schulsystems begonnen. Viele Maßnahmen wurden zeitgleich und schwindelerregend schnell eingeleitet – häufig ohne Beteiligung der Mitbestimmungsorgane, der Beschäftigten, der Eltern, der Beiräte und sogar der Bildungsdeputierten. Dabei zeigt sich jetzt, dass die Maßnahmen häufig ungenügend geplant und die Folgen nicht zu Ende gedacht waren. Dass so ein Umbau, wenn er denn für die Schüler zum Erfolg führen und die Beschäftigten nicht verschleißen soll, besonders gut ausgestattet werden muss – räumlich, materiell und personell – kann sich auch jeder an fünf Fingern abzählen. Aber leider ist dem nicht so!
Alle Maßnahmen werden durchgezogen, obwohl die Bremer Bildung sowieso schon unterfinanziert ist und in den nächsten Jahren noch 1,2 % jedes Jahr bei Bildung eingespart werden muss.

Eine ausreichende Ausstattung ist nicht vorhanden

Die Umwandlung der Schulzentren und Gesamtschulen in Oberschulen hat die Schulen und die KollegInnen unterschiedlich stark belastet. Viele Schulen hatten die Umsetzung der letzten Schulreform noch nicht zu Ende gebracht und waren dabei, eine Ganztagsschule aufzubauen oder sollten es jetzt tun. Hinzu kommt an etlichen Oberschulen die Einrichtung von Oberstufen. Das Ziel, die Förderzentren aufzulösen und flächendeckend inklusiv zu beschulen, ist im 5. Und 6. Jahrgang weitgehend umgesetzt. Selbstverständlich wird von den Lehrkräften erwartet, dass sie – vielleicht mit einer kleinen Fortbildung – all diesen Anforderungen von heute auf morgen gewachsen sind, dass sie innerschulisch und schulübergreifend kooperieren, inklusiv beschulen, jedes Kind individuell fördern, zusätzlich Vertretungsunterricht ableisten, Förderpläne schreiben, den überflüssigen Testeritiswahn geduldig mitmachen und die Kinder beim Mittagessen begleiten – und das Ganze überwiegend ohne Reduzierung ihrer Unterrichtsverpflichtung. Eine ausreichende, den Anforderungen angemessene Ausstattung mit entsprechendem Fachpersonal ist nicht vorhanden.
Wie kann die Behörde verantworten, dass schwer verhaltensauffällige oder autistische Kinder in Regelklassen „unterrichtet“ werden, ohne dass es grundsätzlich eine volle Doppelbesetzung mit Lehrkräften plus persönlicher Assistenz für jedes dieser Kinder gibt, ausreichende Vertretungsreserven und eine räumliche Ausstattung, die diesen Kindern und allen anderen Kindern in den Klassen gerecht wird? Wen wundert es, dass viele LehrerInnen sagen, dass sie nicht mehr können oder wollen. Personalpflege, Motivationsprogramme und Qualitätsentwicklung sehen anders aus!

Eine erschütternde Leichtfertigkeit

Aber die innerschulischen Probleme sind nur die eine Seite der Medaille. Diese Umstrukturierungen führen dazu, dass der vorhandene Schulraum im SI-Bereich nicht mehr ausreicht. Die Schulen sind in der Regel räumlich ja nicht größer geworden, sollen aber nun auch die Kinder mit Förderbedarf und die Oberstufenschüler beschulen. Das führte in der Vergangenheit dazu, dass einige Oberschulen zusätzliche fünfte Klassen aufnehmen mussten, für die eigentlich kein Platz ist und die das Schulkonzept sprengen.
Da der Platz im Bremer Westen und in Blumenthal immer noch nicht ausreicht, werden mal eben kurzfristig 2 Schulneugründungen vorgenommen. Dass in dem einen Fall eine funktionierende Grundschule durch diese undurchdachte Hauruckmaßnahme belastet wird, ein Abenteuerspielplatz mit Streichelzoo und ein Jugendfreizeit weichen müssen – in einem sozialen Brennpunktgebiet! – ist die eine Folge.
Zum anderen wird ein funktionierendes Sek-II-Zentrum in Blumenthal zerschlagen, indem man Teile der Berufsschule auslagert und zum Sommer drei fünfte Oberschulklassen aufnimmt, um eine neue Oberschule aufzubauen. Frei nach dem Motto: Was langfristig mit der Berufsschule wird, sehen wir später: „Es wird sich schon ein Objekt finden, was wir dann zerschlagen können.“
Die S-II-Zentren sind im Bremer Schulgesetz nicht mehr zu finden. Sie sind nicht mehr erwünscht, obwohl gerade dieser Bildungszweig deutschlandweit Anerkennung gefunden hat, sowohl bei den beruflichen Ausbildungsgängen als auch durch die verschiedenen Möglichkeiten, die zum Abitur führen und vielen Schülern diesen Abschluss möglich gemacht haben. Die „Oberstufenreform“ trägt nicht zu einer Verbesserung der Bildungsmöglichkeiten bei. Mit der Umwandlung der Kurse in Klassenverbände in der E-Phase und der damit einhergehenden Einschränkung der Wahlmöglichkeiten werden schwächeren SchülerInnen Chancen auf das Abitur genommen – insbesondere, da die Gruppengrößen in der E- und in der Q-Phase viel zu groß sind. Auch hier führt die höhere Belastungssituation der Lehrkräfte ganz sicher nicht dazu, dass sie bessere individuelle Fördermöglichkeiten für die SchülerInnen haben.
Schulen werden mit einer Leichtfertigkeit geschlossen, zusammengelegt, umstrukturiert und neu gegründet, die erschütternd ist. Deren Folgen für das Bremer Bildungswesen sind im Ganzen noch gar nicht abzusehen. Diese Schulreform hat ihren Namen nicht verdient! Die Alternative wäre gewesen und könnte immer noch sein, langfristig und umsichtig – unter Beteiligung aller Interessensgruppen – zu planen und die Millionen, die zur Verfügung stehen, in die schon vorhandenen Schulen und bewährten schulischen Systeme zu stecken, um diese zu stärken.

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