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Der Sprung ins kalte Wasser

Seiteneinsteiger helfen gegen Lehrermangel. Sie bekommen aber kaum pädagogische Unterstützung.

16.06.2016 - Interview mit Lehrer Dr. Jörn Lütjens | von Karsten Krüger

Ohne Lehramtsprüfung unterrichten, sofort nach der Einstellung vor einer Schulklasse stehen - was für Kritiker als undenkbar gilt, ist auch in Bremen und Bremerhaven Realität. Bürokratisch heißen die Möglichkeiten Seiteneinstieg A und Seiteneinstieg B. Beim ersten Weg durchlaufen Hochschulabsolventen ein Referendariat, um eine pädagogische Nachqualifizierung zu erhalten. Auch beim Seiteneinstieg B - "B" steht für Beruf oder Berufserfahrung - haben Interessierte die Chance auf Aufnahme in den öffentlichen Schuldienst, ohne den klassischen Weg gehen zu müssen, der in der Regel sieben Jahre dauert und ein Lehramtsstudium für zwei Fächer mit Referendariat beinhaltet.

Bei der zweiten Alternative müssen "die Lehrkräfte in Ausbildung" sofort durchschnittlich zwölf Stunden plus Hospitationen, ab dem zweiten Halbjahr 18 Stunden pro Woche unterrichten, also weit mehr als reguläre Referendare/innen, die direkt aus dem Lehramtsstudium kommen. Sie bekommen sechs Ausbildungsstunden am Landesinstitut für Schule. Ihre berufsbegleitende Ausbildung dauert zwei Jahre. Nach den zwei Jahren schließen die "Seiteneisteiger B" die Ausbildung mit einer Prüfung ab, die dem Zweiten Staatsexamen gleichgestellt ist. Sie bekommen ein deutlich höheres Gehalt als Referendare/innen.

In Bremen haben in den vergangenen drei Jahren 56 Personen ein Referendariat über den Seiteneinstieg A gestartet. Ab August 2014 werden 17 "Lehrkräfte in Ausbildung" über den Seiteneinstieb B qualifiziert. Für dieses Jahr ist kein neuer Seiteneinstieg-B-Durchgang geplant, sagt Stefan Frese, der Verantwortliche für die Lehrkräfte-Personalversorgung in der Bildungsbehörde, weil er nur sporadisch nachgefragt werde. Mit beiden Sondermaßnahmen will die Behörde "die Versorgung der Schulen mit qualifiziert ausgebildeten Lehrkräften sicherstellen", so Frese.

Gewerkschaften und Bildungsexperten fordern, dass Seiteneinsteiger während ihrer Ausbildungszeit weniger unterrichten. Sie müssten besser auf ihre Tätigkeit als Lehrer vorbereitet werden. Für die berufsbegleitende Ausbildung muss den alternativen Einsteigern mehr Zeit zur Verfügung stehen. Die Schulen wiederum bräuchten mehr Kapazitäten, um die Nachwuchskräfte besser unterstützen und betreuen zu können.

Um einen noch genaueren Einblick in die Praxis zu bekommen, hat die BLZ den gelernten Physiker Dr. Jörn Lütjens befragt, der seit Sommer 2014 an der Wilhelm-Olbers-Oberschule den Seiteneinstieg B absolviert.

Wie war der Sprung ins kalte Wasser?
Jörn Lütjens: Das war hart. Es war wirklich ein Sprung ins kalte Wasser. Da hieß es dann einen Tag auf den anderen. Hier ist dein Kurs, da dein Raum, bitte schön. Ich hätte gerne ein bisschen Vorbereitung gehabt. Das war nicht möglich. Das musste ich viel improvisieren. Den ersten Monat habe ich nicht viel geschlafen. Ich war aufgewühlt, wie mache ich das morgen.

Gab es keinen Mentor, der helfen konnte, der unterstützten konnte?
Jörn Lütjens: Nein einen Mentor gab es nicht - im Gegensatz zu den Referendaren, die haben einen. Das ist auch das größte Manko. Man könnte - gerade am Anfang - viel mehr Input gebrauchen. Die Kollegen beantworten gerne Fragen, man fragt sie auch, wenn es mal brennt, aber man belastet sie natürlich auch zusätzlich. Ein Mentor bekommt eine Stundenentlastung, da wäre es einfacher gewesen. So musste sofort 12 Stunden eigenverantwortlich unterrichten, wenig später sogar 15 Stunden, weil eine Kollegin ein Kind bekam.

 

 

Ist die Stundenbelastung das größte Problem?
Schwerer wog die Tatsache, dass man am Anfang kein System hatte, keine didaktischen Kenntnisse. Man musste so seine Erfahrungen machen. Learning by doing in Urform. Mir wurde gesagt: in den ersten Monate geht es nur ums Überleben. Es ist viel, was uns abverlangt wird, gerade ohne einschlägiges Studium. Es wird erwartet, das man sich offene Fragen erschließt, dass man fragt, Lösungen findet. Wirklich wichtige Dinge wie die rechtlichen Grundlagen wurden uns erst nach 18 Monaten angesprochen.

Mit Blick auf die vergangenen 20 Monate - würdest Du Dich nochmal für den Seiteneinstieg B entscheiden?
Jörn Lütjens: Ich würde Seiteneinstieg A präferieren. Aber das ging aus finanziellen Gründen nicht. Viele, die den Seiteneinstieg B wählen, sind der Mitte des Lebens, viele haben Familie. Ich habe zusätzlich ein Haus. Und auch aus pädagogischen Gründen würde ich den Seiteneinstieg mit Referendariat wählen, wegen der Mentorensituation.

Du bist von Hause aus promovierter Physiker, welches Zweitfach musstest Du unterrichten?
Jörn Lütjens: Man muss ein Nebenfach, welches aus dem Studium ableitbar ist, unterrichten. Bei mir war es Mathematik. Ich habe gerade eine 8. Klasse. Ich bin auch in der Oberstufe eingesetzt, dort gebe ich Physik.

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