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Der Raum als dritter Pädagoge

Die Ästhetik des Raums wird oft vernachlässigt Dieter Staudt, Pädagoge und Architekt

16.02.2017 - Dieter Staudt, Pädagoge und Architekt

Der Raum ist neben den Schülerinnen und Schülern und den Lehrkräften der 3. Pädagoge. Diese (schwedische) These wird so gut wie nicht bestritten. Umso erstaunlicher ist es, dass dies in der schulischen Realität und vor allem bei der Sanierung und beim Neubau von Schulen in den letzten Jahrzehnten kaum beachtet wurde. Schulisches Lernen geschieht vornehmlich in genormten, von Sterilität und Einfallslosigkeit gekennzeichneten Klassenräumen.

Otto Seydel, ein anerkannter Berater für neuzeitliche und lerngerechte Schulbauten, charakterisiert dies in einer amüsanten Erzählung: „Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Archäologe im 5. Jahrtausend, der verschüttete Kulturen ausgräbt – nicht im südamerikanischen Dschungel, sondern im längst versunkenen Mitteleuropa. Sie finden: hoch verdichtete Ansammlungen von rechteckigen Räumen – mehr oder weniger (meist weniger) gut belichtet, mehr oder weniger (meist weniger) gut belüftet, karg möbliert, ohne jede Spur einer schöpferischen Aktivität außer merkwürdigen Zeichen auf den Tischplatten. Die Tische selbst, für 30 bis 35 Menschen ausreichend, sind fast auf Körperkontakt in Reihen dicht beieinander gestellt, jeweils ein einzelner Tisch hat eine Sonderstellung. Die Hochrechnung ergibt: mindestens 1.500 Lebewesen auf engstem Raum. Das Umfeld des Gebäudes: Teer und Beton, hin oder wieder ein Baumrest, manchmal Pflanzen, reine Monokulturen, vermutlich Gras. Sie finden Uhren, eingestellt auf einen unverständlichen Takt, mal 45, mal 5 Minuten, die offensichtlich bereits unmäßig früh am Morgen aktiviert waren. Und Sie treffen auf Berge von Listen, die immer dem gleichen Schema zu folgen scheinen, mit seltsamen Berechnungen in einer Skala zwischen 1 und 6. Sie entwickeln Hypothesen, was sich in diesen Räumen wohl abgespielt haben könnte. Vermutlich ein Warteraum. Allenfalls kurzzeitig nutzbar. Oder vielleicht ein Museum für eine gigantische Schreibstube, in der Schriftgelehrte vor Erfindung des Buchdrucks Texte reproduzieren ließen. Wenn Sie auf einem Archäologenkongress jedoch die These vertreten würden, dass dies Orte gewesen seien, in denen Kinder und Jugendliche die prägungsintensivsten, kostbarsten Jahre ihres Lebens zugebracht haben sollen – Sie würden wahrscheinlich ausgepfiffen werden.“

Fragt man danach, warum sich solche oder ähnliche Zustände bis in die heutige Zeit erhalten haben, fallen mir folgende Stichworte ein:

  • starre Schulbaurichtlinien, auf Normierung, Reproduzierbarkeit und Kostenminimierung getrimmt
  • Architekten, die ihren eigenen architektonischen Vorstellungen (oftmals Phantasien) nachgehen und
  • pädagogische Erkenntnisse und Anforderungen der Nutzerinnen und Nutzer negieren Schulausstatterfirmen, die phantasielos möglichst hohe Stückzahlen gleicher Produkte herstellen und verkaufen möchten. Und schließlich denken nicht zuletzt auch viele Lehrkräfte bis heute in der Struktur „Ich und meine Klasse“ und begreifen den geschlossenen Klassenraum als ihre pädagogische Freiheit.

Dazu eine kleine Episode am Rande: Bei einem Unterrichtsbesuch, den ich als Schulleiter im Rahmen einer anstehenden Verbeamtung vornahm, konfrontierte ich den Kollegen im anschließenden Gespräch mit der Frage, ob er ein gebrochenes Verhältnis zu Räumen habe. Als er mich voller Unverständnis ansah, schilderte ich ihm den Klassenraum, in dem er immerhin rund 15 Stunden in der Woche mit „seiner Klasse“ verbrachte: steril, grau, abgenutzt, ohne Zeichen von Schüleraktivitäten, Tische in Linie frontal zur Tafel, kein sonstiges Mobiliar außer einem Overhead-Projektor. Meine anschließende Frage, wie denn sein Wohnzimmer aussehe, betrachtete er dann aber schon als Zumutung.

Erfreulicherweise lässt sich in den letzten Jahren ein Umdenken feststellen. Die Schule gerät als klassische Belehrungsanstalt zunehmend unter Druck. Die pädagogische und psychologische Zunft kritisiert mit Unterstützung durch die Hirnforschung und die Neurobiologie den „10-G-Unterricht“ (siehe Kasten) und fordert statt Belehrung individualisiertes und kooperatives, eigenständiges und eigenverantwortliches Lernen und somit eine Vielfalt an Lehr- und Lernprozessen. All dies benötigt aber nicht mehr den Standardklassenraum, sondern Lernlandschaften mit differenzierten Räumen und Ausstattungen. Und schließlich wird auch gesellschaftlich immer deutlicher, dass Schule nicht nur Lernort, sondern auch Lebensort ist und sein muss.

Je stärker sich aber Schule zu einer ganztägigen Institution entwickelt, desto höhere Anforderungen werden auch in räumlicher Hinsicht gestellt. In Kindertagesstätten und Schule treffen Kinder und Jugendliche in einer prägenden Phase ihrer Entwicklung zusammen. Hier wird die Basis für lebenslanges Lernen, für die Freude an Bildung und für die aktive Teilhabe an der Gesellschaft gelegt. Und schließlich spiegelt ihre Qualität letztlich auch die Wertschätzung wider, die eine Gesellschaft ihnen entgegenbringt.

Dass Räumlichkeiten (Struktur, Farbe, Belichtung, Beleuchtung, Belüftung, Akustik, Ausstattungen und Mobiliar) für das Wohlbefinden von Lehrenden und Lernenden ganz wesentlich sind, erscheint zunächst trivial. Die neuere Hirnforschung hat jedoch nachgewiesen, dass das Lernen in angenehmen, ästhetisch ansprechenden, abwechslungsreichen, baubiologisch und bauphysikalisch „sauberen“ Räumen deutlich besser gelingt. Ich selbst habe dies in meiner 35-jährigen Schulpraxis an zwei großen beruflichen Schulen als Klassenlehrer, Personalratsvorsitzender und zuletzt als Schulleiter immer wieder erfahren: Ästhetische und gut gestaltete urbane Räume und Gebäude einschließlich der dazugehörenden Außenbereiche sowie ansprechende Ausstattungen vermindern Gewalt- und Zerstörungsbereitschaft gegen Räume und Sachen und führen genauso deutlich zu einer Verbesserung des Schulklimas und der Beziehungen zwischen den Menschen in der Schule.
In gebotener Kürze will ich nun aus meiner Sicht pädagogische und organisatorische Anforderungen an Schulgebäude und Schulräume skizzieren:

Höchste ökologische, energetische und baubiologische Standards sind einzuhalten. Die Räumlichkeiten müssen vielfältige und differenzierte Lernformen zulassen und variabel und multifunktional nutzbar sein. Hierzu sind auch völlig neue und entsprechende Flächen und Bemessungen vorzunehmen. Die Ästhetik des Raums wird oft vernachlässigt:. Hierzu gehören Farben, Licht, Offenheit, Proportionen, Materialien, Mobiliar, Pflanzen und Außenbeziehung.

Bei den technischen Anforderungen sind Kriterien wie Akustik, Lüftung, Temperatur, Feuchtigkeitsgehalt, Belichtung und Behaglichkeit nutzergerecht zu beachten. Die Lernenden müssen die Räumlichkeiten im Gebrauch gestalten und ihre Lernergebnisse und Produkte darin dokumentieren können. Die Einrichtungen und das Mobiliar müssen Qualitätskriterien der Ergonomie, Flexibilität und Ästhetik entsprechen. Mediothek, Mensa und andere Gemeinschaftseinrichtungen sind selbstverständliche Bestandteile.

Der Außenraum ist wichtiger und gestalteter Ort der Bewegung, der Naturnähe und des sozialen Lernens. Unterricht im Freien ist zu ermöglichen und zu fördern. Gerade im Hinblick auf Ganztagsschule müssen auch für die Lehrkräfte geeignete Räumlichkeiten geschaffen werden. Dazu gehören vor allem, aber nicht nur gut ausgestattete Arbeitsplätze. Schulentwicklung, Unterrichtsentwicklung und räumliche Gestaltung stehen in engster Wechselbeziehung. Von daher müssen alle maßgeblichen Beteiligten, insbesondere die Lehrkräfte, von Anfang der Planung an einbezogen werden, und zwar über die bestehenden rechtlichen Vorgaben des Hessischen Schulgesetzes und des Hessischen Personalvertretungsgesetzes hinaus.

Inzwischen gibt es nicht wenige Beispiele, die den Raum als 3. Pädagogen ernst nehmen und die von mir benannten Anforderungen erfüllen. Zu nennen ist hier auch die Hessenwaldschule in der Nähe von Weiterstadt im Kreis Darmstadt-Dieburg (HLZ S. 18). Architektur trifft sich inzwischen und vielerorts mit Pädagogik, Schulträger werden sensibel und aufgeschlossen und entwickeln neue Schulbaurichtlinien, die den genannten Ansprüchen genügen. Die Schulbauleitlinien des Landkreises Darmstadt-Dieburg haben inzwischen bundesweite Beachtung gefunden (www.da-di-werk.de). Der 3. Pädagoge scheint auf gutem Weg zu sein, dennoch bleibt noch viel und allerorten zu tun. Deshalb ist die aktive und vehemente Einmischung der Betroffenen unerlässlich.

Zum Weiterlesen: Broschüre der Montag-Stiftung „Schulen planen und bauen 2.0“ und den dazu gehörigen Film „Phase Null – Der Film“:
www.montag-stiftungen.de

Aus: hlz (GEW Hessen)

Politische Auseinandersetzung

Was folgt nun aus alledem? Zunächst hatte die zweite Konferenz im Dezember in Hamburg die Aufgabe, gemeinsame Prinzipien zur Verallgemeinerung der Ergebnisse zu finden. Dies ist mindestens in drei Punkten gelungen (Limit erreicht, „Verrechnung neuer Aufgaben“, Teilzeitarbeit). Die ebenfalls vorgeschlagene Einleitung juristischer Schritte wird vom Landesverband Niedersachsen derzeit geprüft. Mit Ergebnissen ist im Frühjahr 2017 zu rechnen.

Dessen ungeachtet bleibt der Aspekt der tatsächlichen Vergleichbarkeit bestehen. Die Teilnehmer*innen der o.g. Konferenz verwarfen die Idee, weitere landesspezifische Untersuchungen vorzuschlagen. Vielmehr möge die Vergleichbarkeit wissenschaftlich geprüft werden. Ein entsprechender Antrag an die GEW eigene Max-Träger-Stiftung soll im Februar zwischen den Landesvorsitzenden und – sprechern des Nordens abgestimmt werden. Ebenfalls vereinbart wurde eine gemeinsame Pressearbeit.

In Bremen bleibt die Aufforderung des Gewerkschaftstages an die Senatorin bestehen, „den Arbeitsplatz Schule so zu gestalten, dass die Arbeit unter gesund erhaltenden und unter attraktiven Bedingungen leistbar ist“ (Gewerkschaftstagsbeschluss 11/2016, ebenso 7/2015). Die Beweislast, auch das hat das Lüneburger Urteil ergeben, liegt beim Arbeitgeber. Er muss nachweisen, dass die Aufgaben in der vorgegebenen Arbeitszeit des Öffentlichen Dienstes leistbar sind. Das tut er allerdings nicht (und hat daran augenscheinlich auch kein Interesse).

Wie schon vor zwanzig Jahren so richtig festgestellt, unterliegt die Schularbeit Veränderungen, durch die sie anspruchsvoller und komplexer wird. Die zu erteilenden „Unterrichtsstunden“ bleiben dennoch weiterhin ein wichtiges Maß zur Bestimmung der Arbeitszeit und –belastung. Deren wöchentliche Anzahl muss so weit reduziert werden, dass für andere geforderte Tätigkeiten genügend Zeit vorhanden ist. Um das durchzusetzen, muss die Mitgliedschaft der GEW geschlossen und spürbar kampfbereit sein. Wie 1997, so auch heute.

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