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Der große Unterschied

Inklusion in Dänemark und Deutschland | Ein Interview mit Henrik Skov-Andersen

 

16.08.2017 - Jürgen Burger

Du hast auf einer Personalversammlung über deine Erfahrungen mit der Inklusion in Dänemark berichtet. Kannst du diese Erfahrungen noch einmal näher erläutern?

Zunächst sind es einmal zwei sehr unterschiedliche Schulsysteme. Man hatte ja schon sehr lange in Dänemark die „Eine Schule für Alle“, die folkeskole von der ersten bis zur zehnten Klasse mit einem gemeinsamen Abschluss. Unser System war – kurz gesagt – dass wir in den Regelschulen Förderklassen mit bis zu acht Schülern pro Klasse gehabt haben und mit mehr als 15 Stunden Doppelbesetzung von Lehrkräften. So hatten wir die Möglichkeit, mit einzelnen Schülern aus der Förderklasse die Regelklassen, die altersmäßig dazu passten, zu besuchen mit dem Ziel, sie schrittweise in diese Klasse zu integrieren. Wir hatten sehr gute räumliche Verhältnisse, wir hatten zwei Klassenräume nur für uns und einen Differenzierungsraum, und das auf einem eigenen Flur, d.h. wir hatten Rückzugszonen.

Hat das Erfolg gehabt?

In machen Fällen ja. Wir haben aber auch in meiner Klasse einige Schüler gehabt, bei denen es aus verschiedenen Gründen nicht geklappt hat. Ich hatte einen Schüler mit einem sehr langsamen Arbeitstempo und auf Sicht war es nicht zu erwarten, dass er in einer Regelklasse mitarbeiten könnte. Ein anderer Schüler war sehr lernschwach und er wäre in der Klasse untergegangen. Diese beiden Kinder wollten auch nicht in eine Regelklasse. Sie blieben in der Förderklasse mit Teilnahme an den Fächern Sport und Werken in der Regelklasse.

Hattet ihr auch verhaltensauffällige Schüler?

Ja die hatten wir auch. Einige kamen in ein Förderzentrum – die gibt es auch in Dänemark, aber sehr wenige und nur für Schüler, die besonders aggressiv sind. Wir haben einmal einen Schüler aus dem Förderzentrum übernommen um zu versuchen, ihn in die Regelschule zu integrieren. Er war außerordentlich intelligent und leistungsstark. Nach zwei Jahren haben wir es geschafft, ihn in eine Regelklasse zu integrieren, zunächst begleitet in Sport und Werken und dann auch in den mehr theoretischen Fächern. Dazu gehörte auch Begleitung auf dem Schulhof. Zum Schluss war es gelungen, dass die Klasse ihn akzeptierte.

Haben die Schüler, die ihr in die Regelklassen gebracht habt, einen Abschluss geschafft?

Es gab für alle Schüler nach der zehnten Klasse den gleichen Abschluss, das folkeskolens afgangseksamen, jeweils mit einem unterschiedlichen Durchschnitt. In den Hauptfächern mussten sie auch die schriftlichen Abschlussprüfungen ablegen. Wir haben uns dann gemeinsam mit den Eltern je nach Zukunftsplänen auf ein Minimum an Fächern verständigt. Sie wurden nicht in allen Fächern geprüft und bewertet. So hat man ein Abschlussexamen erreicht, das im Detail nicht so umfangreich war wie die anderen, aber Zugang zu den weiterführenden Schulen bot – in einigen Ausnahmefällen sogar zum Gymnasium, das in Dänemark mit der 11. Klasse beginnt.

Was geschah mit den Schülern, die bis zur zehnten Klasse nicht in eine Regelklasse zu integrieren waren?

Diese Schüler waren im neunten und zehnten Jahrgang in einer sogenannten Arbeitsklasse, die sehr praktisch angelegt war. Sie haben Schulmöbel repariert, Kanus ausgeliehen und wir haben mit ihnen in den theoretischen Fächern gearbeitet, um sie zu einem möglichst guten Abschluss zu bringen. Dort waren Lehrkräfte, die auch ein Interesse daran hatten, in dieser Klasse zu arbeiten und ihnen vermitteln konnten, dass man sie akzeptiert und unterstützt. Und sie hatten genügend Zeit für diese Schüler. Die Gruppe war sehr klein. Wir hatten in Dänemark die Möglichkeit, alle Schüler zu einem Abschluss zu führen, und das war gut. Auch sie hatten danach Berufschancen.

Wie kamen Kinder überhaupt in die Förderklasse?

Am Anfang gab es in den Schulen sogenannte Observationsklassen, in die Schüler geschickt wurden, die den Unterricht gestört hatten. Dort saßen Lehrkräfte und führten Aufsicht. Daraus hat sich unser Fördersystem überhaupt entwickelt. Manche Lehrkräfte fragten: Warum sollten wir nur Aufsicht führen? Wir können doch auch beginnen, mit diesen Schülern zu arbeiten und sie zu fördern. Dann hat man die Observationsklassen in sogenannte Spezialklassen umgewandelt. Und dort hat man dann begonnen, zu diagnostizieren. Das war in den 70er und 80er Jahren und begann damals als Experiment. Am Anfang waren die Spezialklassen in der Schule isoliert und mussten erst einmal um Akzeptanz kämpfen.

Gab es für die Spezialklassen eine besondere Ausbildung?

Ich selbst hatte dafür keine besondere Ausbildung, aber es gab die Möglichkeit, sich dafür ausbilden zu lassen.

Also hattet ihr in Dänemark nicht diese lange „Hilfsschul“-Tradition wie Deutschland?

Soweit mir bekannt ist, nicht. Dieser Gesichtspunkt der deutschen Inklusionsdebatte, nämlich die Kinder mit Förderbedarf aus der Isolation herauszuholen, ist vor dem Hintergrund der dänischen Erfahrungen sofort einleuchtend und nachvollziehbar. Man muss dann aber den Rahmen haben um diese Kinder zu fördern, damit sie auch Erfolgserlebnisse haben.

Wie schätzt du im Vergleich die Entwicklung an den Bremer Schulen ein?

Was man im Vergleich hervorheben muss, ist die dänische „Schule für Alle“ von Klasse eins bis zehn, die von Beginn an mehr Akzeptanz für alle „Typen“ von Schülern erzeugt. Die frühe Aufteilung in Deutschland und die verschiedenen Abschlüsse erzeugen meiner Meinung nach ein ganz anderes Klima. Das deutsche Schulsystem ist knallhart. Da geht es um Leistung und da wird aussortiert.

Welche Rolle spielt der Übergang nach der vierten Klasse in eine andere Schule?

Für manche bedeutet dieser Übergang eine neue Chance. Manche negative Prognose bei den Übergabegesprächen hat sich nicht erfüllt. Der Übergang von der Primarstufe zur Sekundarstufe an sich ist nicht das Problem, sondern das Aussortieren beim Übergang. Da gibt es vielfältige Varianten. Zum einen den Übergang zum Gymnasium, und dann die Oberstufen und Profilangebote an bestimmten Oberschulen. Zwischen Profilklassen und Inklusionsklassen gibt es oft auch unterschiedliche Niveaus. Für die Oberschulen besteht in ihrer Konkurrenzsituation der Zwang so etwas zu machen, sonst werden sie nicht angewählt. Dieses Problem hätte man nicht mit einem Gymnasium erst ab Klasse 10 oder 11, wie in den skandinavischen Ländern.

Und wenn du die Bedingungen vergleichst?

Wir haben bei uns keine Rückzugszonen. In einer Inklusionsklasse (beispielsweise einer Kollegin bei uns) sind fünf Kinder mit besonderem Förderbedarf. Der Effekt für diese Kinder war ganz unterschiedlich. Zum Teil haben sie sich positiv entwickelt, aber einige sind nur noch schlechter und trauriger geworden. Im Chaos einer Regelschule mit 600 bis 800 Schülern sind sie untergegangen. Und eine schlecht ausgestattete und schlecht organisierte Inklusion wirkt sich auch negativ auf manche Schüler ohne Förderbedarf aus.

Es gab in Bremen kein ausgereiftes Konzept. Zumindest nicht für alle Schulen. Man muss sich vor Beginn um die Räumlichkeiten und das Personal kümmern, auch wenn das bedeutet, dass man eine Gruppe von Sonderpädagogen ein Jahr dafür bezahlen muss, den Prozess vorzubereiten – mit den Kollegen, mit der Schulleitung und mit einem Raumkonzept. Alle diese Dinge müssen da sein, bevor man mit einer solchen Reform beginnt. Aber hier hat man die Förderkinder einfach in die Klassen gepackt. An meiner Schule zumindest gibt es keine ausreichenden Räumlichkeiten. Wir müssen demnächst in die Kellerräume ohne Fenster ausweichen. Die fehlende Vorbereitung war ein großer Fehler. Und jetzt, nach acht Jahren, sind die Lehrkräfte, die den Prozess getragen haben, am Ende ihrer Kräfte – besonders in den Brennpunktschulen. Die Versetzungsanträge häufen sich.

Mir ist damals nach der Personalversammlung vorgeworfen worden, dass ich gegen das Bremer Inklusionsmodell gesprochen hätte. Das habe ich nicht. Aber in diesem Schulsystem funktioniert es nicht. Und darüber hinaus muss ich auch in Frage stellen, ob ein Regelklassen-Raum für alle Kinder geeignet ist. Es muss mehr Möglichkeiten geben, und das kostet Geld. Aber Bildung muss auch mehr Geld kosten. Es ist auch keine richtige Entscheidung, alle Förderzentren aufzulösen. Eltern müssen die Wahlmöglichkeit für ihr Kind haben. Das jetzige System ist zu schematisch, es muss mehrere Möglichkeiten geben. Das Leben darf für kein Kind mit 13 Jahren Misserfolg beginnen.

Wie soll es weitergehen?

Das ist eine politische Entscheidung, und eine gesellschaftliche. Die Frage ist, ob Deutschland eine inklusive Gesellschaft überhaupt will.
Zusammengefasst: Die Deutsche Schule ist leistungsbezogen. Die Dänische Schule, so wie ich sie erlebt habe – inzwischen hat sich auch vieles verändert -  war entwicklungsbezogen. Da liegt aus meiner Sicht der große Unterschied.

Vielen Dank.

Die Fragen stellte Jürgen Burger

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