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Der Bremer Westen platzt aus den Nähten

Demografische Veränderungen und steigende Schülerzahlen oder wohin mit all den Kindern?

16.02.2018 - Benita Buchheim

Im Bremer Westen steigen die Schülerzahlen derzeit jährlich um ein Vielfaches. Inzwischen sind die vorhandenen Schulen voll belegt.  Auch die zu erwartenden Schülerzahlen der kommenden Jahre sind bereits bekannt. In jüngster Zeit erreichen mich als Schulleiterin immer wieder Anfragen, ob und wann wir denn einen zusätzlichen Klassenverbund aufnehmen können, um den Schüleransturm bewältigen zu können. Wie? In einer voll belegten Ganztagsschule weitere Kinder aufnehmen? Ja, wir könnten die Ganztags- und Differenzierungsräume wieder zu Klassenräumen zurückbauen und damit auf einen Schlag 3-6 Klassen a 22 Kindern aufnehmen. Dann säßen alle Kinder von 8 bis 15 Uhr in vollen Klassenzimmern ohne Ausweichmöglichkeiten, Ruheräume, Differenzierungsangebote und Spielflächen. Die Raum- und Flächenstandards für ganztägiges Lernen träten praktisch außer Kraft. Und unserer Schulgemeinschaft? Unser Schulgebäude verfügt über keine Aula. Unsere Feiern veranstalten wir in unserer kleinen Turnhalle. Auf Bänken und Matten und eng auf dem Boden sitzend gelingt es uns jetzt gerade so, Feiern, Theater und Konzerte abzuhalten. Für Schulkonzerte räumen wir die Mensa frei. Bei der Einschulungsfeier ist es allerdings zu eng. Sport findet bereits für einige Lerngruppen nur eingeschränkt statt. Die Reduzierung motorischer Lernerfahrungen hinsichtlich der körperlichen und geistigen Entwicklung ist also jetzt schon bedenklich. Bei Aufnahme weiterer Klassen entstünde ein solcher Engpass, dass der Sportunterrichts noch weiter zusammengekürzt und AG-Angebote als auch Bewegungsförderung weitestgehend gestrichen werden müssten. Auch stände eine Neustrukturierung und Nachrüstung der   Mensa samt Frischküche an. Die individuelle Essenszeit wäre äußerst knapp!

Kurz: Die Räumlichkeiten der Schule sind für eine so große Anzahl von Menschen nicht konzipiert. Ein funktionierender Ganztagsbetrieb kann aber nur unter Einhaltung des bisherigen Qualitätsstandards gewährleistet werden.

Raum und Funktion oder vom Verschwinden der alten Ordnung

Die Grundschule Am Pulverberg ist eine gebundene Ganztagsschule. Sie umfasst drei Etagen mit je sechs herkömmlichen Klassenräumen. Im Zuge der Umgestaltung zum Ganztag wurden aus jeweils drei Räumen zwei Klassenräume, der dazwischenliegenden Raum wird sich geteilt und dient als Multifunktionsraum. Auf jeder Etage lernen in ihren jeweiligen Räumen eine erste bis vierte Klasse . Diese, von uns genannten Familienflure ermöglichen sowohl jahrgangsübergreifende Lernsituationen aber vor allem auch gemeinsames Leben in einem kleineren System.

Multifunktionalität als Konzept

Denken wir an eine Wohnung, werden Räume Zimmer genannt. Es gibt Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, vielleicht ein Arbeitszimmer usw. Küche und Bad werden als Funktionsräume anders gewertet. Mittlerweile lösen sich diese Raumkonzepte auf. Küchen werden in Wohnzimmer integriert. Sogar Bäder verwandeln sich in Beauty- und Wellnesstempel.

Auch in Schule sind Räume nicht mehr zwingend in ihrer herkömmlichen Anordnung und Funktion zu finden. Fachräume werden aufgelöst und zur Mehrfachnutzung umgestaltet. So haben wir zu Gunsten eines Dachausbaus auf den Musikraum verzichtet. Entstanden ist ein großzügiger Bewegungsraum, in dem sowohl Musikunterricht und Musikangebote, als auch Theater und Präsentationen in kleinerem Umfang stattfinden können.

Aus einem ehemaligen Naturwissenschaftsraum wurde eine Forscherwerkstatt, in der Unterricht, pädagogische Angebote der Mittagsfreizeit als auch AGs stattfinden.

Die Mensa wird für Konferenzen, die Tanz-AG, Konzerte, stadtteilbezogene Angelegenheiten und vieles mehr genutzt.

Mit dem Qualitätsanspruch, am Arbeitsplatz Schule funktionierende Arbeits- und Infrastruktur bereitzustellen, installierten wir auf jeder Etage Teamräume. Hier befinden sich die Arbeitsplätze der Kolleginnen und Kollegen, mit Schreibtisch, PC, Internetzugang und Druckeranbindung über das Kopiergerät, Telefon, Platz für Schneide- und Bindearbeiten. Zu jedem Arbeitsplatz gehören sowohl ein Rollkontainer mit Schubladen, als auch ein Schrank für die Unterbringung von Unterrichts- und Arbeitsmaterial. Hier findet fachlicher Austausch statt, Gespräche werden geführt und auch Telefonate mit Eltern. Arbeitsruhe ist hier nicht immer möglich.

Leider mussten wir wegen fehlender Räume zu Gunsten der Teamarbeitsräume das herkömmliche Lehrer- oder Mitarbeiterzimmer als Sozialraum aufgeben. Die Notwendigkeit eines solchen Raumes wird im Kollegium allerdings – vermutlich auch an anderen Schulen - immer wieder diskutiert.

Immer noch fehlen uns Räume für Gespräche mit Eltern, Beratungs- oder Fallkonferenzen.

Vom Klassenraum zur gestalteten Lernumgebung

Manchmal, wenn ich meine Klasse während der Lern- und Arbeitsphase beobachte, frage ich mich, wie in diesem Raum früher etwa 40 Kinder einen Schulvormittag haben ableisten können. Vielleicht sogar brav und still in die Aufgaben vertieft.

Angesichts des turbulenten Lebens heute, der unterschiedlichen Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Kommunikation und Interaktion ist das für mich unvorstellbar. Der eine kann es nicht gut aushalten, dass sich in seinem näheren Bewegungsradius jemand befindet, er muss jeden der an ihm vorbeigeht vehement und sehr körperlich seines Raumes verweisen. Und für den anderen reicht die Tischfläche an seinem Arbeitsplatz niemals aus. Die Materialen fallen einfach ständig herunter oder liegen ungünstiger Weise dann auf der Arbeitsfläche des Nachbarkindes. Und die dritte sitzt lieber unter dem Tisch. Wie praktisch wäre es, wenn es mehr Platz für individuelles Arbeiten gäbe. Schwedische Konzepte berücksichtigen genau diese Bedarfe in der Schulraumgestaltung. Auch deutsche Architekten greifen beziehen dies in die Planung von Schulgebäuden ein. Am Pulverberg st es durch jahrelangen Einsatz in vielen Bereichen gelungen, das Gebäude kindlichen Bedürfnissen ein wenig anzupassen. Alles auf Grundlage der Bemessungsparameter für gebundene Ganztagsschulen. Dafür gibt es einen Qualitätsstandard.

Unser Schulgebäude ist kein Neubau, sondern ein historisches und denkmalgeschütztes Bestandsgebäude. Die Grundstruktur des Gebäudes musste also erhalten bleiben. Klassisch - ein langer Flur von dem die jeweiligen Räume abgehen. Aber Durchbrüchen und großzügige Holzglastüren schafften blickdurchlässige und lichtdurchflutete Räume. In den Multiräumen ist Platz für Differenzierung, Lernwerkstätten, Ruhe zum Lesen oder erkrankte Kinder und natürlich Platz zum Spielen. Hier findet auch die Frühbetreuung von 7 bis 8 Uhr statt, sowie am Nachmittag ein pädagogisches Betreuungsangebot von 15 bis 16 Uhr.

In unserer pädagogischen Mittagsfreizeit sind neben weiteren Angeboten diese Räume ebenfalls für feste Angebote oder freie Spielsituationen geöffnet.

Die Umgestaltung hat viel Zeit und Kraft gekostet und ist gekennzeichnet von Jahren der Planung, des konstruktiven Austauschs in unterschiedlichsten Arbeitsgruppen und der Suche nach passenden Lösungen. Diese Investition ist es wert stetig nachgebessert und weiterentwickelt zu werden.

Und wohin nun mit den Kindern?

Nicht alle Entwicklungen sind absehbar, aber demografische Entwicklungen müssten doch mittelfristig überschaubar sein! Zu einer verantwortlichen und nachhaltigen Stadtplanung gehören nicht nur die Schaffung von Wohnraum, der soziale Unterschiede erfasst und aufgreift und die Vielfalt im Zusammenleben unterstützt, sondern auch Infrastrukturen, die eine stressfreie Teilnahme am Gemeinwesen mit seinen Bildungs- und Versorgungseinrichtungen ermöglichen Am Beispiel Überseestadt zeigen sich aber genau solche Versäumnisse. Hier wächst seit einigen Jahren ein komplett neuer Stadtteil. Neben hochpreisigen Luxuswohnungen entstehen seit 2016 auch Wohnblocks, die der politischen Forderung nach sozialer Durchmischung gerecht werden sollen. Vor allem Familien mit Kindern ziehen dort ein. Weitere Blocks sind in Planung oder befinden sich bereits im Bau. Wo aber entstehen in der Überseestadt gleichzeitig die nötigen öffentlichen und sozialen Einrichtungen? Sollen die umliegenden Wohnquartiere dieses Defizit nun irgendwie auffangen? Wohnortnahe und quartiersorientierte Angebote für die Familien müssen umgehend geplant und realisiert werden.  Es darf nicht sein, dass die mit großem Einsatz geschaffenen und in vielen Jahren gewachsenen Strukturen einer gebundenen Ganztagsschule in einem Wohnquartier den Versäumnissen der Politik geopfert werden.

Für eine zeitgemäße und nachhaltige Bildung sollte die sich ergebende Fragestellung immer pädagogisch und menschlich formuliert sein: Wieviel und welche Art von Raum braucht ein Mensch zum Lernen, zur persönlichen Entwicklung und einfach so zum Sein? Wieviel und welche Art von Raum wollen wir den Kindern unserer Gesellschaft für ihre Entwicklung und Entfaltung geben?

Doch nicht alles ist umsonst

Gute Bildung kostet etwas. Damit Lehrkräfte ihre Arbeit gern und gut machen können und nicht zu 60% (Dr. Reiner Schölles, ISF, Bremen 2013) vor dem Erreichen des Pensionsalters aufhören, krank werden oder aus Überlastungsgründen in Teilzeit gehen, müssen die Arbeitsbedingungen dringend geändert werden. Regelmäßige und auch noch unbezahlte Mehrarbeit und Mehrbelastungen, die durch ein finanziell nicht ausreichend ausgestattetes Bildungssystem und die unterfinanzierte Inklusion entstehen, müssen aufhören.

Was sollte weg / muss geändert werden und kostet etwas?

Regelmäßige Unterrichtsvertretung über die reguläre Unterrichtsverpflichtung hinaus ist gesetzwidrig und muss abgestellt werden, indem Vertretungsstunden innerhalb des Deputats freigehalten werden – so wie es früher war. Wenn Vertretungsstunden regelmäßig vorkommen, müssen sie auch Teil der regulären Arbeitszeit sein und nicht darüber hinausgehen.

Lehrkräfte müssen in allen Schulstufen gleich bezahlt werden. Es gibt keinen Grund dafür, dass sie in den Grundschulen und der Sek I weniger verdienen als andere – das haben sie nicht verdient, denn sie leisten ebenso anspruchsvolle Arbeit.

Die Unterrichtsverpflichtung muss abgesenkt werden, damit eine Vollzeitstelle auch bei gestiegenen Anforderungen auf Dauer zu leisten ist.

Zu große Lerngruppen, fehlende Doppelbesetzungen,extrem heterogene Lerngruppen, in denen sonderpädagogische Förderung fehlt, Aufteilung von Klassen, Mitbetreuung von zusätzlichen Klassen, sind weitere Beispiele dafür, was den Arbeitsalltag von Lehrkräften und pädagogischem Personal neben der eigentlichen Arbeit belastet.

Außerdem mangelt es an:

  • Schulsozialarbeiter*innen,
  • technischer Ausstattung,
  • der Finanzierung von Klassenfahrten und Fortbildungen,
  • Entlastungsstunden für Klassen- und Profillehrer*innen,
  • Differenzierungsräumen,
  • Förderstunden,
  • Doppelbesetzungen auch mit pädagogischen Mitarbeiter*innen,
  • Einhaltung von Arbeitsschutzbedingungen,
  • Mentorenstunden für die Betreuung Studierender
  • und, und, und.

Und nicht zu vergessen: Die Arbeit von Lehrkräften und pädagogischen Mitarbeiter*innen muss endlich die Wertschätzung erfahren, die sie verdient. Wir sollten uns wieder auf eine Kultur der Freiwilligkeit besinnen und demokratische Strukturen in den Schulen müssen wieder deutlich gestärkt werden.

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