GEW Bremen
Du bist hier:

Den Schulraum neu denken

16.07.2015 - Frank Behrens | Anne Havliza

Dass eine Schule, in der vielfältiger und selbständig gelernt, inklusiv unterrichtet und im Ganztag gelebt werden soll, in der die Pädagogen in Teams arbeiten wollen und sollen, dass diese Schule eine andere Struktur, Anzahl und Kompetenz von Personal erfordert, wird kaum noch in Frage gestellt. Welche Bedeutung für das Gelingen dem gegenüber ein Schulbau in hoher Qualität, eine lernförderliche Umgebung hat, wird noch nicht in gleicher Weise berücksichtigt.

Standen im Vordergrund baulicher Maßnahmen in den letzten Jahrzehnten häufig Themen wie Sanierung, Energieeffizienz und Brandschutz, so drängen sich spätestens mit den Anforderungen Ganztag und Inklusion immer mehr Fragen danach auf, wie gute Lern-, Lebens- und Arbeitsräume in der Schule gestaltet sein sollten, wie die Schule in die Quartiers- bzw. Stadteilentwicklung eingebunden werden kann.

Für den Schulneubau, aber auch für Umbaumaßnahmen ist dabei ein konzeptionelles Herangehen unerlässlich, wie es derzeit als „pädagogische Architektur“ beschrieben wird. Schulen benötigen „eine Architektur, die ihre Organisation und gestalterische Kraft aus einer pädagogischen Konzeption heraus entwickelt; eine Pädagogik, die sich die Räume, in und mit denen sie arbeitet, zu eigen macht und sie einbezieht; einen Prozess, der die am Lernen und Lehren Beteiligten befähigt, die Formen des Lernens und Lehrens mitzugestalten.“ (Aus: Pädagogische Architektur, Montag Stiftungen, 2007)

 Schul(um)bau: Zukunftsfähig und nachhaltig

Zeitgemäßer Schulbau bietet auch Werkstätten und Studios für vielgestaltiges Lernen (1), eine hohe Aufenthaltsqualität für Schülerinnen und Schüler, aber auch für die dort Beschäftigten und für externe Nutzer (2). Besondere Raum- und Ausstattungsangebote werden für Schüler mit Unterstützungsbedarfen vorgehalten (3). Bei der Einrichtung von Arbeitsplätzen für die pädagogischen Mitarbeiter gelten Grundsätze professioneller Büroausstattung.

Für die Beteiligten lohnt sich durchaus der Blick in die Historie der Schularchitektur. Schulen in Deutschland waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts überwiegend im „Kasernenstil“ gebaut. Nicht wenige davon finden wir noch heute im Gebäudebestand unserer Schullandschaft. Aber es gab auch in diesem Zeitraum beispielhafte Schulbauten, die ihrer Zeit weit voraus waren. So stand für den Architekten Jan Duiker bereits Ende der 20er Jahre das Ideal einer „gesunden Schule“ im Fokus. Seine Openlucht-Schule in Amsterdam, die mitten in ein enges Wohnquartier platziert wurde, bietet bis heute den Schülern nicht nur Licht, Luft und freie Bewegung, sondern auch damals schon Raum für eigenständiges Lernen. Ein weiterer Meilenstein ist die Crow Island Schule (1940, Illinois, USA) der Architekten Saarinen, die eingebettet in eine parkähnliche Landschaft für jede Klasse über direkte Zugänge nach außen und integrierte Gemeinschaftsräumen verfügt. In dem in den 50er Jahren von Hans Scharoun entworfenen Geschwister-Scholl-Gymnasium in Lünen finden sich bereits angemessene Lernräume für die unterschiedlichen Altersgruppen. Alle genannten Schulen sind heute noch in der Nutzung.

Erfreulicherweise findet man inzwischen viele gute Schulbauten auch in Deutschland, unter anderem verzeichnet auf der Seite der Montag Stiftungen unter http://www.lernraeume-aktuell.de/startseite.html. Einen guten Überblick über bremische Schulen bietet Eberhard Syrings Veröffentlichung „Bremen und seine Bauten“ (4).

Mit Phase Null in die pädagogische Architektur starten

Es hat sich in den letzten Jahren als sinnvoll erwiesen, den Planungsprozess mit einer Phase Null zu starten. Sie umfasst einen Zeitraum bevor der vorgesehene Planungs- und Bauprozess  einsetzt. Vertreter der Schule, der Planer und Architekten arbeiten in einem dialogischen Prozess zusammen, um Ausgangslagen, Grundlagen und Ziele für den geplanten Um-, Erweiterungs- oder Neubau zu erörtern und sich auf das pädagogische Raumprogramm zu verständigen. Checklisten können dabei eine erste Hilfe sein (5). Es wird geklärt, ob die Schule eher ein „Klassenraum plus“-Modell (insbesondere für Differenzierung), eine Clusterung ihrer Räume nach Jahrgängen und/oder Fachlichkeit oder ob sie die Entwicklung  von Lernlandschaften favorisiert. Diese Raumkonzepte können auch kombiniert werden.

Das pädagogische Raumprogramm ist Grundlage für die weitere Planung. Wie Schulen den Prozess anlegen können, welche Rolle dabei Schulleitung, „Baugruppe“, Beteiligung von Schülern und Eltern spielen können, ist differenziert beschrieben in einer Veröffentlichung der Montag Stiftungen. (6)

z.B.: Schule am Baumschulenweg in Bremen, Paula-Modersohn-Schule in Bremerhaven

Erste Erfahrungen im Land Bremen mit einer Phase Null und prozessbegleitender Bauberatung gibt es bereits in Bremen und Bremerhaven. So konnte z. B. mit personeller und finanzieller Unterstützung der Montag Stiftungen an der Grundschule am Baumschulenweg ein umfassender Planungsprozess durchgeführt werden. Hier soll das entwickelte pädagogische Programm der Schule durch Um- und Erweiterungsbauten vor allem den Anforderungen „Bewegung und Natur“ und der stärkeren „Verknüpfung von Innen- und Außenraum“ neue räumliche Möglichkeiten für Schüler und Pädagogen schaffen.

Im Zentrum des laufenden Umbaus der Paula-Modersohn-Oberschule steht das Konzept, sowohl im Haus der Kindheit (5.-7. Jg.) als auch im Haus der Jugend (8.-10. Jg.) die Räume neu zu ordnen. Das Gebäude wird sukzessive so umgebaut, dass insbesondere unter dem Blickwinkel „inklusives Lernen mit W+E-Schülern“ Räume und Zonen geschaffen werden, die prinzipiell für alle Schülerinnen und Schülern ein Zugewinn sind. Der erfolgreiche Umbau wurde ermöglicht durch die offene und konstruktive Zusammenarbeit aller Beteiligten.

Raumentwicklung ist Bestandteil der Qualitätsentwicklung

Das Gelingen des Bauvorhabens wird sicher von zahlreichen Faktoren beeinflusst wie Baubestand und Grundstückslage, Stadt(teil)entwicklung und Lage der öffentlichen Finanzen, letztendlich aber auch von mutigen Entscheidungen der Verantwortlichen. Wichtig erscheint uns darüber hinaus, dass „die Schule“ sich über die Bedeutung des Raumes für das Lernen klar wird – auch durch unterrichtliche Vorhaben (7) - und aktiv mit der Raumentwicklung umgeht. Die Aufenthaltsqualität wird auch durch eigenes Tun verbessert. Um die anspruchsvollen Ziele der Schulentwicklung des Landes Bremen wirkungsvoller zu unterstützen, sollten orientierende Eckpunkte für Schulbau- und Raumentwicklung erstellt werden.

Welche Bedeutung das Thema inzwischen hat, zeigen u. a. die vielen Kongresse, Veranstaltungen, Veröffentlichungen, Schulbaumessen – zeigt aber zum Glück auch,  dass Städte wie Hamburg bis 2019 zwei Milliarden in ihren Schulbau investiert, München jetzt mit 1,8 Milliarden bis 2030 nachgezogen hat.

Anmerkungen

  1. Eine reichhaltige Darstellung findet sich auf der Homepage von Otto Seydel unter www.schulentwicklung-net.de -  Veröffentlichungen/Schulbau
  2.  www.brandenburg.ganztaegig-lernen.de - Lernräume gestalten
  3. www.montag-stiftungen.de - Inklusion vor Ort
  4. Eberhard Syring: „Bremen und seine Bauten 1950-1979“, Carl Schünemann Verlag (S. 76-81)
  5. Checklisten unter www.schulentwicklung-net.de - Veröffentlichungen/ Schulbau
  6. Montag Stiftungen: „Schulen planen und bauen“ - Handbuch, JOVIS Verlag, www.jovis.de
  7. Verwiesen sei hier auf das Angebot http://www.baukasten-bremen.de, eine Architektur- und Bauschule

 

 Weiterführende Literatur:

  • Wüstenrot-Stiftung: „Schulen in Deutschland – Neubau und Revitalisierung“, Karl Krämer Verlag, Stuttgart
  • Michael Braum, Oliver g. Hamm: „Worauf baut die Bildung“ – Bundesstiftung Baukultur 2010, Verlag Birkhäuser, Basel
  • Susanne Hofmann, Baupiloten: „Partizipation macht Schule“, JOVIS Verlag
Zurück