GEW Bremen
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„Das war die schönste Woche in meinem Leben!“

Dies schwappte förmlich und beinahe unbemerkt wie ein großer Glücksseufzer aus einer Fünfzehnjährigen hervor, als wir alle uns am letzten der fünf Tage der Projektwoche „Kribbeln im Bauch“ in die Abschlussrunde setzten.

16.12.2012 - Ein Gewalt- und Suchtpräventionsprojekt und seinen großen Erfolg | von Ulrike Plappert

Wann ist ein Lehrer zufrieden? Wenn Schüler gute Noten schreiben, den „Stoff“ hoffentlich verstanden haben und dies dokumentieren können? Wann ist ein Lehrer glücklich? Selten. Ich war es in dem Moment.

Wir hatten im Juni eine Woche lang keinen klassischen Unterrichtsstoff bearbeitet, kein Papier und keinen Stift in der Hand gehalten, keine Zahl, keine Formel, kein Wort gelesen oder geschrieben. Die gesamte Persönlichkeit einer und eines jeden jedoch war auf „Volle Achtsamkeit!“ gestellt, war gefordert und bewegte sich non-stopp. Fünf Tage lang hatte meine Klasse, die 9b aus der Oberschule Hermannsburg, getanzt und getanzt und sich mit Informationen und Übungen zur Sucht- und Gewaltprävention intensiv auseinandergesetzt.

Dies war eine sehr erfolgreiche, aufrüttelnde Woche für alle, auch für mich. Während meiner inzwischen langen Lehrtätigkeit habe ich sehr viele Erfahrungen mit Gewalt- und Suchtprävention, auch selber als Fortbildende, machen können. Dieses Projekt vereint, was möglich und wünschenswert ist. Es gehört hoch an die Spitze und ist zu Recht über Bremen hinaus anerkannt.

Indikatoren des Projekts

Wurden Lernziele „abgearbeitet“, „heruntergebrochen“? Erkenntnisse „implementiert“? Nein. Jedenfalls keine, die sich mit dieser krassen Bürokratensprache erfassen ließen. Die Entwicklung der (gesamten) Persönlichkeit war und ist hier Weg und Ziel. So banal? Nein: so komplex!

Was geschah in der Woche?

Regeln und Grenzen werden von Anfang an gesetzt und verabredet.

Die eine Hälfte der Zeit lernen die Jugendlichen zumeist in Halbgruppen verschiedene aktuelle Tanzstile kennen, aber auch den Walzer. In der anderen Hälfte geht es in Gesprächen und Erfahrungsberichten um Suchtverhalten und –vermeidung. Bei Übungen etwa werden komplexe Aufgaben gestellt, die erfahren lassen, was es bedeutet, gemeinsam einen Lösungsweg zu finden und ein Ziel zu erreichen. Dazu gehört das Einüben von offenem und respektierendem Umgang miteinander, was ja bekanntlich nicht nur für Jugendliche sehr schwer sein kann. So ist selbstverständlich, dass Emotionen Teil dieser Prozesse sind. Gibt es Konflikte, versuchen die kompetenten Teamerinnen und Teamer begleitend zu entzerren.

Seit sieben Jahren initiiert und plant Margrit Hasselmann vom „Referat Gesundheit und Suchtprävention“ beim LIS dieses Projekt jährlich für z.Zt. etwa 10 neunte Schulklassen aus bremischen Stadtteilen, in denen es die Mehrheit der Kinder sozial und bildungsbezogen nicht leicht hat. Regelmäßig wird intensiv und wissenschaftlich evaluiert. Frau Hasselmann arbeitet eng mit ihrem Team aus Tanzexperten und Fachkräften der Sozialpädagogik und Psychologie, holt den größten Teil der Gelder ran (gar nicht einfach!) und hofft jedes Mal, dass sie im Folgejahr wieder Projekte wird finanzieren können. Es könnten noch mehr sein, wenn es eine bessere Finanzbasis gäbe. Der Wert dieser Arbeit des Teams ist so groß, dass es dem Land Bremen gut anstünde, hier nicht nur minimalst, sondern intensiv zu investieren.

(Ja ja, es ist bekannt, das mit dem Geld... Aber man denke doch an die Folgekosten dauernder Mangelausstattungen bei wichtigen Aufgaben in der Prävention. Broschüren reichen eben nicht.)

Und überhaupt: Projekt?

Ist das nicht überholt? Gibt es dafür denn noch Raum in unseren Schulen? Sind das nicht bloß ein paar Tage „Event“ und dann ist`s passé? Ganz sicher nicht bei diesem.

„Diese Woche werden wir nie vergessen!“ berichteten mir Schülerinnen und Schüler aus der Klasse, die 2011 mitgemacht hatte. Sie hatten dafür solche Gründe wie meine Klasse jetzt auch. Es gibt dieses inzwischen inflationär gebrauchte Wort der Nachhaltigkeit. Schriebe man es mit Doppel-L, würde ich es hier benutzen: Mit „Kribbeln im Bauch“ hallt in den Teilnehmern etwas nach. Und dies verliert sich nicht einfach. Die Chance besteht vor allem deshalb, weil dieses Projekt Grundlegendes für den „Gesamtmenschen“ erfahrbar macht. Weder Körper noch Hirn vergessen das.

In der 9b geschah nach der Woche zum Beispiel dies:

  • Zwei Drittel der Klasse (den anderen war das Zeugnis zu nah) beteiligten sich an der zusätzlichen Tanz-Intensivwoche, die abschließend kurz vor den Ferien für Freiwillige aller teilnehmenden Klassen folgte und in einer öffentlichen Präsentation auf dem Rathausplatz gipfelte. Und dabei waren von uns vor allem diejenigen, die sich sonst gerne verstecken, sich nichts oder nur wenig trauen und zutrauen!
  • Sätze wie „Man muss über sich hinauswachsen“ wurden erinnernd zitiert.
  • Die Klasse erfuhr auch danach viel Lob und Respekt und führte einen der gelernten Tänze öffentlich beim Schulfest auf.
  • Selbst Lehrerinnen und Lehrer wurden nach dem Schulfest zum Tanzen gebracht, einfach weil es Spaß machte.


Wenn ich mir im Nachhinein Fotos ansehe, erblicke ich ausnahmslos Jugendliche mit einer Körperhaltung und Konzentration, der ich bei den meisten von ihnen in dieser Qualität sonst selten oder gar nicht begegnet bin. Beeindruckend waren ihre Bereitschaft und vor allem Geduld. Eine Sache wurde immer und gemeinsam zu Ende gebracht. Sie ermutigten und motivierten sich gegenseitig.

Welche Energie und welche Schritte hin zu einem wachsenden Selbstbewusstsein wurden hier ausgelöst! Es wurde viel gelacht, geschwitzt, auch mal gestöhnt, hart gearbeitet und gejubelt, Schüchternheit und Scham wurden überwunden, Wagnisse eingegangen, Ergebnisse vorgeführt, Grenzen überschritten und erfahren, was „Herzblut“ ist.

Mehr kann man nicht erreichen mit einem Projekt!

Und es wird nachhallen und weiter wirken.

Aus den Schülerrückmeldungen:

  • „Ich habe gelernt, offen zu reden.“
  • „Es hat viel Spaß gemacht.“
  • „Ich habe gedacht, dass ich nach so vielen Jahren die Klasse schon kenne... Aber das stimmte gar nicht.“
  • „Ich bin morgens immer mit schlechter Stimmung aufgestanden und habe gedacht, jetzt muss ich auch noch (von Huchting) nach Oslebshausen. Und dann war es immer gut!“
  • „Es hat total Spaß gemacht! Aber da war noch was anderes. – Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll – Wärme.“
  • „Alle sind so herzlich hier.“
  • „Alle sind so freundlich.“
  • „Die Klasse ist sich viel näher gekommen.“
  • „Ich weiß jetzt, was Respekt bedeutet.“
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