GEW Bremen
Sie sind hier:

Das Heimweh des Walerjan Wrobel

Die wahre Geschichte des 17jährigen polnischen Jugendlichen Walerjan Wrobel, der als Zwangsarbeiter im 2. Weltkrieg auf einem Bauernhof in Bremen Lesum arbeiten musste und aus Heimweh eine Scheune anzündete und dafür erst ins KZ Neuengamme kam und danach von der Bremischen Justiz per Fallbeil hingerichtet wurde, hätte eigentlich alle Zutaten, um ein Lektüre-Renner unter den Klassensätzen der Stadtbibliothek Bremen zu werden.

16.09.2012 - Eine UE für den differenzierten Deutsch-Unterricht in der Oberschule | von Kai Reimers

Tatsächlich aber wurde der Klassensatz jüngst mangels Nachfrage durch die Bremer Lehrerschaft in der Zweigstelle Vegesack aus dem Katalog genommen und in den Keller verbannt. Das wollten wir so nicht hinnehmen und haben eine Deutsch-UE zu der Lektüre entwickelt, von der sie hoffen, dass mit ihr das Interesse der Bremer Lehrkräfte an dieser Lektüre sprunghaft steigt.

Tatsächlich verwundert die geringe Nachfrage nach dieser Lektüre seitens der Bremer Lehrerschaft auf den ersten Blick nicht: Es handelt sich bei der Lektüre von Christoph U. Schminck - Gustavus nämlich nicht um einen Roman, sondern um eine dokumentarische Biographie, die mit der Vielzahl der verwendeten Quellen und der ausführlich geschilderten Recherche-Arbeit des Autoren wahrscheinlich in Gänze nur in der gymnasialen Oberstufe lesbar wäre.
Als Sonderpädagogen entdeckten wir (Kai Reimers und Benjamin Stotz) aber auch Vorteile des Buches für den Einsatz in heterogenen Lerngruppen gerade auch mit schriftsprach - schwächeren Schülern:

  1. Anders als ein fiktiver Roman konfrontiert das Buch den Leser mit der wahren Lebensgeschichte eines 16-jährigen Jungen im Nationalsozialismus und ermöglicht somit einen authentischeren Zugang zum Thema.
  2. Anders als bei der langwierigen Erzählstruktur eines Romans ist die gesamte Handlung der Geschichte schon nach dem Lesen des Klappentextes bzw. nach Lesen des Textes der Gedenktafel klar: Auch lese - unerfahrene Schüler verlieren also niemals den inhaltlichen Anschluss.
  3. Aus dem gleichen Grund muss das Buch darum anders als ein Roman auch gar nicht komplett von vorne nach hinten durchgelesen werden.
  4. Die Quellentexte des Buches (Zeugenaussagen, Vernehmungsprotokolle, Tonbandabschriften von Zeitzeugenerinnerungen etc.) sind zumeist nur zwei bis drei Seiten lang und sprachlich in einer nicht literarischen Sprache abgefasst und ermöglichen somit auch leseschwächeren Schülern einen Zugang zu dem Buch.
  5. Die direkten Bezüge zu heute noch bekannten Orten in Bremen und Umgebung (alte Polizeiwache, Gedenktafel Lesumsperrwerk, Außenlager des Konzentrationslager Neuengamme) ermöglichen es, Schülern Geschichte als Lokalgeschichte zu vermitteln und diese Orte aufzusuchen.

Die zentrale didaktische Reduktion besteht also darin, dass das Buch gar nicht komplett von vorne nach hinten gelesen wird, sondern nur in Auszügen. Die UE ist in 12 Einzel - bzw. Doppelstunden für die Lektüre gegliedert. Zu jeder Doppelstunde liegt ein Arbeitsblatt mit den Leseangaben sowie einer vierfachen Aufgaben-Wahldifferenzierung vor (Pflichtaufgabe, Wahlaufgabe leicht, Wahlaufgabe mittel und Wahlaufgabe schwierig). Ebenfalls sind für alle Arbeitsblätter Lösungsblätter vorhanden.
Die Arbeitsmaterialien der UE wurden entwickelt für den Einsatz in der Oberschule, konnten aber bisher nur erfolgreich erprobt werden im Einsatz einer 9. Klasse des Förderzentrums Reepschläger Straße (was zur Folge hat, das insbesondere die schwierigeren Aufgaben noch auf ihre Praxis-Bewährung warten). Darum liegt der UE-Mappe eine Daten- CD mit den Arbeitsmaterialien in Word- und PDF-Format bei, so dass interessierte Lehrkräfte alle Arbeitsblätter und Aufgaben auch für ihre Lerngruppe abändern und anpassen können.
Wer Interesse daran hat, „Das Heimweh des Walerjan Wrobel“ mit seiner Klasse zu lesen, der sollte sich schnell die Lektüre und die Unterrichtsmaterialien dazu bei der Stadtbibliothek Bremen vormerken lassen, bevor ihm andere zuvor kommen.

Der Autor des Buches, der Hochschullehrer Christoph U. Schminck-Gustavus, bietet Lehrkräften übrigens an, dass Schicksal des Walerjan Wrobel mittels einer Präsentation entweder an der Schule vorzustellen oder noch eindrucksvoller im Sitzungssaal des Bremer Landgerichts, also genau dort, wo Walerjan vor 70 Jahren zu Tode verurteilt wurde. Interessierte Kollegen können sich zu diesem Zweck direkt per E-Mail an den Autoren wenden unter schmgust [at] uni-bremen.de.

Zurück